Widersinnige Kombinationen

 

 

 

Immer wieder fragen mich Leser und Journalisten nach Stilfehlern und Modesünden. Unschön sind 1. schlechte Passform, 2. Kleidung, die nicht zum Anlass passt und 3. ungünstige oder unkorrekte Kombinationen von Farben, Mustern und Materialien. Und dann gibt es auch noch die widersinnigen Kombinationen. Hier meine Favoriten:

  1. Gürtel und Hosenträger

    Die berühmteste und zugleich häufigste Kombination dieser Kategorie entsteht dann, wenn man Hosen gleichzeitig von einem Gürtel und Hosenträgern halten lässt. Man sieht die doppelt gegen das Herunterutschen gesicherte Hose relativ häufig, Gürtel und Hosenträger gelten dennoch als die widersinnige Kombination schlechthin.

  2. Panamahut und Regenmantel

    Sonnenschutz und Regenschutz wollen irgendwie nicht zusammenpassen. Es ist zwar nicht auszuschließen, dass sich Sonne und Regen schnell abwechseln und man gegen Sonne und Regen geschützt sein möchte, trotzdem sollte man Panama und Regenmantel nicht gleichzeitig tragen.

  3. Wachsjacke und Regenschirm

    An Regentagen in der Stadt sieht man häufiger Spaziergänger in englischen Wachsjacken, die einen aufgespannten Regenschirm tragen. Praktischer und stimmiger wäre es, den Kopf mit Hut oder Mütze gegen den Regen zu schützen. Zumal die Wachsjacke für Aktivität in der Natur steht, ein Regenschirm passt dazu ebenso wenig wie ein Zylinderhut.

  4. Smoking und Brogues

    Obwohl eigentlich bekannt ist, dass man zum Smoking spezielle Abendschuhe tragen sollte, z. B. Lackoxfords oder Escarpins mit Seidenschleife, sieht man immer wieder Herren, die in schwarzen „Straßenschuhen“ beim Black-Tie-Event antreten. Ein Oxford mit Kappe gilt als gute Notlösung, vorausgesetzt, er wurde auf Glanz poliert. Ein Brogue wäre hingegen nicht korrekt, da er ein reiner Tagesschuh ist.

  5. Buttondownhemd mit Klappmanschetten

    Man sieht die Kombination aus Buttondownkragen und Klappmanschetten gar nicht so selten und ich möchte sie auch niemandem ausreden, dennoch würde ich sie als widersinnig bezeichnen. Der Buttonkragen ist erstens ein weicher Kragen, der von Anbeginn an mit weichen Knopfmanschetten kombiniert worden ist. Klappmanschetten stehen dagegen für Förmlichkeit.

  6. Dufflecoat und Fedora

    Von anderen Mantelklassikern unterscheidet sich der Dufflecoat durch die Kapuze. Bei der britischen Marine wurde der Dufflecoat getragen, die Kapuze schützte die Männer gegen Wind und Regen. Da die Kapuze weit geschnitten war, passte sie über eine Strick- eine Kapitansmütze.  Einen Hut zum Dufflecoat zu kombinieren, dessen Krempe nicht unter die Kapuze passt, ist hingegen widersinnig.

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Bequem versus Form

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Anzug, Krawatte und Hut. Überholt oder Ausdruck von Formwillen? (Foto: Martin Smolka)

Je älter ich werde, desto konservativer kleide ich mich. Konservativ heißt, dass ich einen Stil pflege, der bereits zur Zeit meiner Geburt, also 1966, als ein wenig altmodisch gegolten hätte, der aber heute, im Vergleich zur Alltagsbekleidung in Deutschland, fast wie ein Filmkostüm wirkt. Also jeden Tag Oberhemd, Sakko und Krawatte, bei beruflichen Anlässen Sakko und Hose oder Anzug. Dazu Hut und bei Bedarf Mantel. Immer Lederschuhe. Keinerlei Freizeitkleidung, Sportkleidung nur beim Sport. Keine Sneakers, keine Blousons oder Fieldjackets, keine Jeans.

Mir geht es nicht darum, den Bekleidungsstil einer vergangenen Epoche zu pflegen, so wie es z. B. Freunde des Reenactment tun. Kostümierungen mag ich überhaupt nicht, auch wenn sie mir bei anderen zusagen – sofern das Outfit authentisch und stimmig ist. Ich habe neulich z. B. auf dem Flughafen in Berlin den Musiker Andrej Hermlin gesehen, er trug Anzug, Mantel und Hut im Stil der vierziger Jahre. Der Look gefiel mir und er passt auch zu seiner Musik. Die Wartenden an der Sicherheitskontrolle sahen ihn an und mich auch, da ich ebenfalls Anzug, Mantel und Hut trug. Vielleicht dachten sie, dass ich zu seiner Band gehöre. Ich weiß nicht, ob sie die Unterschiede zwischen seinem und meinem Stil gesehen haben. Bei ihm „period dress“, bei mir klassischer aber zeitgenössischer Stil.

Viele Männer kleiden sich mit zunehmendem Alter immer jugendlicher sogar kindlicher. Anzüge werden meistens nur unter Zwang angezogen, in der Freizeit wird nur die so genannte „Casualkleidung“ getragen. Bequem und praktisch soll alles sein, also maschinenwaschbar, trocknergeeignet und bügelfrei. Kleidung darf nicht einengen, weder physisch, noch in der Weise, dass sie durch ihren Stil ein bestimmtes Verhalten nahelegt. Jogginghosen in allen Varianten, T-Shirts, Sweatshirts, Kapuzenjacken und Sneakers oder Latschen sind deshalb die bevorzugten Basics. Bei schlechtem Wetter wird Outdoorkleidung getragen, bei Hitze Shorts, Tanktop und Flipflops. Den Kopf zieren Strickmützen oder Baseballkappen. Dieser Bekleidungsstil verwirklicht jetzt schon das von einigen Menschen propagierte Ziel, dass Männer und Frauen sich geschlechtsneutral kleiden sollen, denn sehr viele Männer und Frauen tragen einen fast identischen Stil.

Wer Hemden trägt, die auf der Leine getrocknet und gebügelt werden müssen. Schuhe, die auf Hochglanz poliert werden. Wer Sakkos und Anzüge besitzt, die ausgebürstet und gereinigt werden wollen, wer sich jeden Morgen aus eigenem Antrieb und Freude an einer bestimmten Form ankleidet, der ist in den Augen der Mehrheit ein modischer Dinosaurier.  Doch auch wenn die Mehrheit es so sieht, muss der Geschmack der Mehrheit keineswegs der Maßstab für den Einzelnen sein. Es gibt auch Menschen, die nicht die Musik hören, die in den Radiosendern gespielt wird. Die nicht nur Bestseller lesen. Und eben auch Menschen, die den klassischen Stil durchaus nicht als absurd empfinden. Die Preußen verlangten mehr zu sein als zu scheinen. Was leider oftmals in der Weise interpretiert wird, dass man mehr ist, wenn der Schein nach wenig aussieht. Adolf Loos vertrat bereits 1898 einen anderen Standpunkt: „Was nützte aller Verstand, wenn man ihn nicht durch gute Kleider zur Geltung bringen könnte.“

Warum ich Hosenträger trage

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Der Anblick von klassischen Hosenträger ist in Deutschland eine Seltenheit. Hier zieren sie einen handgemachten Anzug von Cove & Co. (Foto: Martin Smolka)

Ich habe neulich einen älteren Beitrag von Simon Crompton gelesen, in dem er sich darüber äußert, warum er keine Hosenträger trägt. Ich fand seine Gedanken und Argumente interessant und vieles von dem, was für ihn gegen das Tragen von Hosenträger spricht, empfinde ich ebenfalls als Nachteil. Warum trage ich aber trotzdem Hosenträger?

Hosenträger haben den großen Vorteil, dass sie die Hosen vor dem Herabrutschen bewahren. Die Hosen hängen an den Schultern und werden nicht mit Hilfe eines Gürtels an Bauch, Hüfte oder Taille fixiert. Was ohnehin selten funktioniert. Bei den meisten Figurtypen rutschen Hosen, die mit Gürtel oder Seitenschnallen in Position gehalten werden sollen. Es sei denn, die Hosen sind so eng, dass sie auch ohne Gürtel halten würden. Die korrekte Hosenlänge ist mir nicht nur beim Anzug. wichtig. Denn rutschende Hosen sind immer ein Ärgernis. Deshalb trage ich Anzughosen stets mit Hosenträger. Hosen, die ich mit Sakko oder Blazer kombiniere, trage ich dann mit Hosenträgern, wenn sie ohne Gürtel rutschen würden. Ob Hosen rutschen, hängt allerdings nicht nur von der Bundweite ab, sondern auch von ihrem Schnitt und der richtigen Balance.

Balance bedeutet in der Sprache der Schneider, dass das Kleidungsstück an Vorder- und Rückseite die gleiche Länge hat und an den Seiten ebenfalls. Für die Balance von Hosen ist es außerdem wichtig, wie der Bund in Relation zu Bauch und Rückenhöhlung verläuft. Wenn der Bauch vorsteht und das Kreuz hohl ist, sollte die gut balancierte Hose vorn, also unter dem Bauch, niedriger sitzen als hinten, wo sie das Hinterteil bedeckt und in der Höhlung des Kreuzes sitzt. Wenn das Beinkleid an Hosenträgern hängt, kann der Bund vorn und hinten gleich hoch sein (im Fall der Rundbundhose) oder hinten höher (Spitzbundhose). Die Spitzbundhose ist sehr bequem, da sie sich an den Körper schmiegt ohne einzuengen. Aber natürlich ist so eine Hose nicht jedermanns Sache. Womit wir bei einem weiteren Gegenargument gegen Hosenträger: Sie sehen unattraktiv aus. Ob das zutrifft, hängt von mehreren Faktoren ab. Dem Schnitt des Anzugs und vor allem dem Schnitt der Anzughose. Außerdem vom Hemd, von der Figur und vom persönlichen Stil. Pauschal zu sagen, dass Hosenträger nicht gut aussehen, wäre überzogen. Sehr viele Männer kleiden sich so, dass der Gürtel weder einen positiven Effekt hat, noch die Hosenträger einen negativen. Ich habe aber sehr häufig erlebt, dass eine Hose, die dafür geschnitten ist, mit Hosenträgern getragen werden, sehr gut ankommt.

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Meine bevorzugte Marke bei Hosenträger ist Albert Thurston aus England. Ich trage am liebsten die Modelle aus Wollfilz mit weißen Enden, weil sie zu braunen und zu schwarzen Schuhen passen.
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Ich lege selten die Jacke ab. Wenn doch, stört es mich nicht, wenn die Hosenträger zum Vorschein kommen (Foto: Jan Hemmerich)

Wer Hosenträgern benutzt, wird nicht negativ wahrgenommen. Allerdings fällt man schon damit auf. Was Simon Crompton als Nachteil listet. Er will nicht „der mit den Hosenträgern“ sein. Es stimmt schon. Man wird schnell in eine Schublade gesteckt. Der mit den Hosenträgern. Der mit der Schleife. Der mit dem Hut. Die Gefahr besteht allerdings schon bei der kleinsten Abweichung vom Durchschnittsmodegeschmack. Vermutlich jeder, der diesen Blog liest und bei diesem Artikel bis hierhin gelangt ist, steckt bereits in einer Schublade. Der mit dem Modefimmel. Der mit den teuren Schuhen. Die Hosenträger machen da den Kohl nicht fett. Wem allerdings daran gelegen ist, auch in klassischer Kleidung so wenig wie möglich aufzufallen, wird Hosenträger vielleicht wirklich als zu Aufsehen erregend empfinden. Trotzdem stellt sich die Frage: Warum soll ich auf Hosenträger verzichten, wenn ich es für richtig halte, sie zu tragen?

Ein sehr wichtiger Aspekt, den Simon Crompton erwähnt, sind die Umständlichkeiten, die sich aus Hosenträgern ergeben. Vor allem, wenn man sie unter einem Anzug mit Weste trägt oder einen Pullunder oder Pullover über den Hosen anziehen möchte. Denn wenn man letztere mal runterlassen möchte, muss man erst Jacke und Weste ausziehen oder jedesmal einen Pullover über den Kopf ziehen. Ich finde das auch als relativ nervig, das konnte mich aber noch nicht von den Hosenträgern abbringen. Eher davon, Pullover oder Pullunder über Hosenträgerhosen zu tragen, ich verwende in der kälteren Jahreszeit Westen oder Strickjacken. Ansonsten wird gegen Hosenträger noch eingewendet, dass sie im Sommer warm sind, was auch stimmt, mich aber nicht davon abhält, sie zu tragen. Denn dafür können die Hosen am Bund wegen der Hosenträger etwas weiter sein, was bei Wärme auch angenehm ist. Und Hosenträger tragen unter sehr dünnen Anzugjacken am Rücken auf. Das stört mich ein wenig, doch ich lebe damit. Denn dafür geben mir die Hosenträger ein sehr gutes Gefühl von Sicherheit, weil ich weiß, dass die Hosen nie rutschen und immer die korrekte Länge haben. Und selbst, wenn ich viel in die Hosentaschen stecke, was  bei mir oft vorkommt, wird auch dieser Ballast nichts daran ändern, dass das Beinkleid nur einmal leicht auf dem Schuh einknickt.

 

 

 

 

 

Prince Charles. Stilikone wider Willen

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Prince Charles gehört zu den besten Werbeträgern der legendären Wachsjacken (Foto: Barbour)

Prinz Charles, der britische Thronfolger, ist heute so beliebt wie lange nicht. Viele jüngere Briten wissen nur aus Erzählungen, dass der am 14. November 1948 geborene Prinz Charles nicht immer so populär war. Er war lange Junggeselle und sein Zögern bei der Brautwahl ließ ihn in der Öffentlichkeit als unentschlossen und wankelmütig erscheinen. Auch sein für einen Briten der Oberklasse eher untypisches Interesse an Ökologie und Esoterik wurde mit Verwunderung registriert. Man spöttelte, dass der Prinz mit seinen Pflanzen redet. Als er sich 1981 mit Lady Diana verlobte, stieg seine Popularität vorübergehend, mit der Zeit stahl ihm seine Frau aber immer öfter die Show. Prinzessin Diana galt als modern, elegant und mitfühlend, er hingegen als steif, altmodisch und verstaubt. Der Niedergang seiner Ehe ließ seine Beliebtheit noch mehr schrumpfen und die Enthüllung des Verhältnisses mit der im Vergleich zu Diana eher unattraktiven Camilla versetzten seinem Image weitere Tiefschläge. Der Tiefpunkt kam 1997 nach Dianas Unfalltod und der als gefühllos empfundenen Reaktion des Königshauses. Die Presse sah Prince Charles schon abreten und wollte Prinz William zum Thronanwärter ausrufen. Doch der Prince of Wales behielt eine „stiff upperlip“ und machte weiter. Stur, unbeirrbar und pflichtbewusst. Das brachte ihm irgendwann Respekt ein, denn die Briten wissen Sportlichkeit zu schätzen. Er heiratete sogar Camilla, kümmerte sich um seine Wohltätigkeitsorganisationen und arbeitete nach und nach sein Negativ-Image ab. Heute lacht niemand mehr, wenn er über „grüne“ Themen oder hässliche Bauwerke redet. Er gilt nicht mehr als albern und verschroben, schlimmstenfalls als exzentrisch und im besten Sinne altmodisch.

Das Auf und Ab seiner Popularitätswerte hat eine Gruppe von Bewunderern nie interessiert: Die Freunde des englischen Gentleman-Looks. Für sie ist Prinz Charles eine Stil-Ikone. Spätestens seit er sich Anfang der 1980er für die Doppelreiher von Anderson & Sheppard entschieden hat, wird sein Look von der weltweiten Fangemeinde genau beobachtet, studiert, analysiert und kopiert. Auch die Presse berichtete seit den 1990er Jahren nicht mehr nur von seiner wohltätigen Arbeit oder seinen Ideen über Architektur, immer häufiger wurde seine Garderobe thematisiert. So widmete ihm das japanische Herrenmodemagazin Dorso 2004 ein zwanzigseitiges, reich bebildertes Special. Und als er 2006 seinem langjährigen Savile-Row-Schneider den Korb gab, schrieb darüber „The Telegraph“. Das Blatt vermutete die Sparsamkeit seiner zweiten Frau, der Durchess of Cornwall, hinter dem überraschenden Schritt. Längst ist er zu Anderson & Sheppard zurückgekehrt, denn im Januar 2013 besuchte er – erstmals nach dreißig Jahren – seine alte und neue Schneiderei. Dem Prinz schien es dort gefallen zu haben, denn er blieb doppelt so lang wie geplant.

Während des Besuchs trug er einen Anzug, der dort in den 1990ern genäht worden ist. Das mag als Kompliment an Anderson & Sheppard gemeint gewesen sein, vielleicht war es nur Zufall. Denn generell wirft man im Hause Windsor ungern etwas weg. Ein Stück Stoff, das für einen Anzug nicht mehr reichte, ließ der Prinz zu einem Mantel für seinen Hund verarbeiten. Alles soll möglichst ein Leben lang halten. Die Anhänglichkeit des Prinzen an seine Kleidung darf man Knauserigkeit nennen, sie mag aber auch als konsequente Fortsetzung des Nachhaltigkeitsgedanken gesehen werden. Prinz Charles denkt in langen Zeiträumen und ist gegenüber Neuem skeptisch. So trägt der Prinz Maßschuhe, die er zum achtzehnten Geburtstag angemessen bekam, seinen schweren Tweedmantel setzt er seit 1987 jeden Winter ein. Zuletzt erregte eine Wachsjacke Aufsehen, die er in einem Fernsehbericht über seine Aktivitäten für den Landschaftsschutz trug. Man sah ihn bei der Arbeit an einem Feldrand, er trug Tweedmütze, eine Schutzbrille und eine Wachsjacke, die fast nur noch aus Flicken bestand. Die Begeisterung war groß, auch bei Modeexperten.

© Ben PhillipsJohn Lobb, the bootmakers of St.James's UK, London
Prince Charles trägt immer noch Maßschuhe, die bei John Lobb zu seinem 18. Geburtstag gefertigt worden sind (Foto: John Lobb)

Als ältester Sohn der Queen steht Prince Charles seit Geburt unter Beobachtung. Jede Abweichung von der Kleidungsnorm der britischen Oberschicht wäre registriert worden. Doch sein Stil blieb im Rahmen, als gewagt war vielleicht nur seine Idee aufzufassen, kurzzeitig mit einem Schnurrbart aufzutreten. Alles anderen Details seiner äußeren Erscheinung folgten streng der Tradition. Durch besonders gute Kleidung aufzufallen, ist im Hause Windsor seit der Abdankung König Edward VIII, seines als Dandy legendären Großonkels, verpönt. Dabei durfte nicht allein der Mann, der als Prince of Wales bei seiner Weltreisen durch den exzellenten Schnitt seiner Anzüge und die gewagte Kombination von Mustern und Farben aufgefallen war, als Modenarr gelten. Auch seine Brüder waren Großkunden bei ihren Schneidern. Der Duke of Kent, der 1942 bei einem Flugzeugunglück starb, galt zu seiner Zeit sogar als eine größere Stil-Ikone als sein Bruder Edward, der Kronprinz und spätere König Edward VIII. Auch sein Bruder George, der nach der Abdankung Edwards unvorbereitet und äußerst ungern auf den Thron nachrückte, besaß eine riesige Garderobe. Da alles tabuisiert wurde, was mit dem König, der seiner Liebe zu Wallis Simpson wegen den Thron aufgab, sollte das exzessive Interesse an Kleidung nie mehr Thema bei den Windsors sein. Der einzige Dandy der Familie war der Duke of Windsor und der war eine Unperson für den Hof. Prince Charles hielt sich daran und bewahrte ein „low profile“. Sein Look viel nur bei den an subtiler Eleganz interessierten Italienern positiv auf. Während die schon den Schnitt seiner Zweireiher wahrnahmen, die oftmals anstelle von Schnürschuhen getragenen Loafer von Lobb bewunderten oder die Kombination der Hermès-Krawatten mit den Hemden von Turnbull & Asser goutierten, mokierten sich die Briten noch über seine Liebe zur Natur.

Man sagt Prinz Charles nach, dass er im privaten Umgang äußerst konservativ sei und bei aller Freundlichkeit, die er im Dienst den Untertanen entgegenbringt, seinem Personal gegenüber auf Distanz achtet. Dies ist normal angesichts seiner Erziehung und der Art des Umgangs, den ihm seine Eltern und seine Großmutter vorgelebt haben. Man ist von zahlreichen Bediensteten umgeben, die einem alles abnehmen und lästige Dinge des Alltags fernhalten. Wenn Prinz Charles bei der Besichtigung der Londoner U-Bahn sagt, dass er die Untergrundbahn noch nie betreten hat, dann ist das kein Witz. Er ist noch nie U-Bahn gefahren, genauso wenig, wie er je an einem Check-In-Schalter anstehen musste, stundenlang auf einen ausgefallen Zug zu warten hatte oder mit seinem Auto im Stau stand. Der Prinz ist in Watte gepackt und die ist maßgeschneidert. Einkaufen, oder besser gesagt Shopping, ist nicht das Ding des Prinzen. Jedenfalls nicht Shopping im normalen Sinne oder in dem der Superreichen. Ein Hollywoodstar kommt in den Genuss, dass er vor Ladenöffnung allein durch ein Kaufhaus schlendern darf. Prinzessin Diana nahm dieses Privileg gern bei Harrod’s in London in Anspruch. Prinz Charles ist da viel altmodischer, er kauft so ein, wie es im frühen 20. Jahrhundert üblich war. Sein Hemdenmacher, sein Schneider und sein Schuhmacher kommen zu ihm in den Palast. Die Dort sucht er Stoffe aus und probiert die Anzüge an. Alle weiteren Besorgungen macht das Personal. Der Prinz geht nicht bummeln, er bevorzugt die royale Variante des Homeshopping.

Herauszufinden, woher der Prinz seine Kleidung bezieht, ist ein Puzzlespiel. Es gibt zwar Hoflieferanten, doch sie statten nicht alle den Prinzen persönlich aus, manchmal beliefern sie wirklich nur den Hof. Dennoch ist bekannt, was der Prinz trägt. Seine Anzüge lässt er bei Anderson & Sheppard nähen. Als Student hatte er zunächst bei Billings & Edmonds arbeiten lassen. Der in London, Eton und Harrow ansässige Ausstatter belieferte zahllose junge Männer der Ober- und Mittelschicht mit Schuluniformen und Maßkleidung, Accessoires und Schals in den Farben diverser Schulen. Als er Billings & Edmonds entwachsen war, ließ er für eine Weile bei Hawes & Curtis nähen, dem Schneider seines Vaters Prinz Philipp. Als dessen Zuschneider, John Kent, Hawes & Curtis verließ und sich selbstständig machte, ging Prince Philipp mit und Prince Charles folgte. Vielleicht wollte Prinz Charles nach seiner Eheschließung demonstrieren, dass er erwachsen geworden ist, jedenfalls verließ danach John Kent und entschied sich für Anderson & Sheppard. Dies ließ aufhorchen, denn es gab in der Savile Row eine Reihe von Firmen, die wesentlich traditionsreicher sind als die erst 1906 gegründete Schneiderei Anderson & Sheppard. Ihre Anzüge sind äußerst weich, fast süditalienisch verarbeitet und die Kunden stammen überwiegend aus den USA. Adelige gehören eher nicht dazu, dafür statteten sie aber Roger Moore für seine Rolle in „The Saint“ aus. Sollte Prince Charles doch etwas von Duke of Windsor in sich haben? Die Sorge war unberechtigt, denn der Thronfolger entschied sich stets für äußerst unauffällige Stoffe und blieb seinem Zweireiher bis heute treu. Die einzige Abweichung vom traditionellen Dresscode, die schon fast als Extravaganz gelten darf, sind seine zweireihigen Sportsakkos. Er lässt sich aus schottischem Tweed schneidern oder als sommerliche Kombination mit hellen oder sogar weißen Baumwollhosen aus Leinen. Diese Marotte wurde interessanterweise bisher noch von niemandem aufgegriffen. Wenn der Anlass in heißen Weltregionen den Anzug nicht zwingend vorschreibt, tritt der Prinz ansonsten auch gern im Safari-Look auf. Das Outfit stammt von dem legendären Tropenausstatter Airey & Wheeler aus Mayfair. Er gilt als die Nr. 1 in Sachen leichter Kleidung, seine Safarijacken sind geradezu Kult. Airey & Wheeler arbeitet jetzt unter dem Dach von AJ Hewitt. Reitkleidung und Jagdanzüge lässt der Prinz bei Frank Hall in Market Harborough Leicestershire schneidern.

Die Hemden des Prinzen liefert der legendäre Jermyn-Street-Schneider Turnbull & Asser. 1981 wurde er erstmals offiziell „Shirtmaker“ des Prince of Wales. T & A hat diverse Berühmtheiten ausgestattet, Schauspieler, Politiker, Musiker und Geschäftsleute, US-Präsidenten, Literaten und last but not least den fiktiven Geheimagenten 007. Seit dem ersten James-Bond-Streifen „Dr. No“ aus dem Jahre 1962 hat Turnbull & Asser die Hemden für alle Darsteller des Agenten geliefert. Sean Connery war der erste, dem das Hemd mit der berühmten Knopfdoppelmanschette auf den Leib geschneidert worden ist. Prince Charles trägt natürlich auch Maßhemden, laut einer Firmenbroschüre von T & A entsprechen seine Maße aber genau denen eines Konfektionshemds mit Kragenweite 39. Einmal war allerdings ein besonderer Schnitt gefordert. Als Prince Charles sich 1999 beim Polospielen den Arm brach, eilte der Zuschneider Paul Cuss in den Palast um Maß für ein Hemd zu nehmen, das über den Gipsarm passt. Die Bilder des Prinzen, der das Krankenhaus in diesem Hemd verließ, gingen um die Welt. Bei Krawatten hat der Thronfolger eine leicht zu dokumentierende Vorliebe für die Marke Hermès. Falls er überhaupt einmal die Krawatten frei wählen kann. Bei vielen offiziellen Anlässen ist das Dessin nämlich durch das Protokoll mehr oder weniger vorgegeben. Besucht er die Truppe, trägt er z. B. die passenden Regimentsfarben. Bei Terminen im akademischen Bereich greift er wiederum zu den Farben des Gastgebers, z. B. eines College, oder aber zu den Farben seiner eigenen Schule. Seine Vorliebe für die Krawatten aus Paris erscheint auf den ersten Blick ungewöhnlich für den zukünftigen König eines Landes, das Heimat zahlreicher Hersteller von Qualitätsbindern ist. Andererseits passt es zu dem Prinzen, dass er sich kleine, im Rahmen bleibende Extravaganzen erlaubt. Und die Vorliebe für luxuriöse Erzeugnisse aus Frankreich hat in England Tradition, die Briten gehören zu den größten Champagnerkonsumenten der Welt.

Die Schuhe des Prinzen stammen von zwei Lieferanten. Für Maßanfertigungen ist John Lobb zuständig, der berühmteste Maßschuhmacher der Welt. Schuhe von der Stange darf Tricker’s liefern, auf ungezählten Bildern sieht man den Prinzen seit früher Jugend in den Desert Boots der Manufaktur durch tropische Gefilde und Wüsten wandeln. Als Student trug er sie gern auch zum smarten Casuallook mit Tweedjacke und Hosen aus Kavallerie-Twill, diesen Look übernimmt jetzt sein jüngster Sohn Harry. Heute trägt Prince Charles zum Anzug und zur Tweedjacke wohl überwiegend die maßgefertigten Schnürer und Schlupfschuhe des Maßschuhmachers aus St. James’s. Damit setzt er eine Tradition fort, die 1863 mit Königin Victorias ältestem Sohn, dem späteren Edward VII begann. Er verlieh damals dem noch jungen Unternehmen den prestigeträchtigen Titel des Hoflieferanten. Auch die Königin und Prinz Philipp sowie weitere Mitglieder der Königsfamilie lassen ihre Schuhe bei Lobb’s in London anfertigen. Bei schlechtem Wetter oder auf schlammigem Terrain trägt der Prinz natürlich Gummistiefel. Anders als deutsche Politiker aber nicht irgendwelche im Spritzgussverfahren gefertigte Allerweltsexemplare, vielmehr die klassischen Modelle aus Schottland. Neben den legendären grünen „Wellies“ von Hunter auch die von Farmern bevorzugten schwarzen Gummistiefel von „Bullseye“. Wie jeder Großgrundbesitzer von Adel sieht auch Prinz Charles sich im Grunde als Landwirt, deshalb sind schwarze Gummistiefel seine Präferenz.

Der Prinz hat keine Scheu, sich der Presse in einem alten Morgenrock zu stellen. Er besitzt zahlreiche wollene Hausmäntel, die er bei der Gartenarbeit aufträgt. Was der Prinz jedoch als Nachtgewand trägt, ist nicht fotografisch dokumentiert. Man darf aber davon ausgehen, dass er Schlafanzüge und Morgenröcke von Turnbull & Asser trägt. Von dort stammen auch seine Pullover. Er trägt sie aus Kaschmir und Lammwolle, kleine Löcher oder ein ausgefranster Saum stören ihn nicht. Als er sich während der Flitterwochen in Schottland mit Prinzessin Diana der Weltpresse stellte, wurde der schadhafte Pullover noch mit Verwunderung registriert. Heute wäre niemand mehr überrascht. Im Gegenteil. Die betagte Garderobe des Öko-Prinzen hat mittlerweile Kultcharakter, sie gilt als die königliche „Altkleidersammlung“. Charles verbringt einen großen Teil seiner knappen Freizeit im Freien, entweder auf seinem Landsitz, auf der Jagd, zu Pferde, beim Fischen, beim Wandern oder beim Aquarellieren. Dabei trägt er typisch englische Wetterjacken verschiedener Anbieter. Seine Vorliebe für Wachsjacken von Barbour ist bekannt, häufiger sieht man ihn aber in Jacken von John Partridge, dem Reitsportspezialisten Musto und Fieldcoats von Holland & Holland, Cordings, Swaine Adeney Brigg oder Herbert Johnson. Die Fieldcoats der verschiedenen Labels werden vermutlich von Chrysalis Clothes in Corby gefertigt. Der Familienbetrieb wurde 1985 von Chris Blackmore gegründet, einem Zuschneider, der vorher bei Chester Barrie tätig war. Die Jacken werden einzeln von Hand zugeschnitten und sind Dank einer wasserdichten Membran absolut wetterfest. Dazu trägt der POW große Tweedmützen, die von Lock & Co. im passenden Stoff angefertigt werden. Der Hutmacher aus St. James, der auch schon den Zweispitz von Admiral Nelson geliefert hat, stattet das Haupt des Prinzen mit Hüten jeder Art aus, z. B. feinsten Panamas für den Sommer.

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Die Panamahüte des Thronfolgers stammen von seinem Hoflieferanten Lock & Co. (Foto: Lock Hatters)

Einen gewissen Anteil seiner öffentlichen Auftritte absolviert Prince Charles in Uniform oder in zeremonieller Kleidung. Prince Charles hat in der Marine gedient, die blauen Uniformen stammen von Gieves & Hawkes. Die Uniformen anderer Truppengattungen nähen Welsh & Jeffries. Seit 1990 weist ein „Royal Warrant“ sie als Hoflieferanten des Prince of Wales aus. Die Roben für den zeremoniellen Einsatz kommen aus der City von London. Dort ist Ede & Ravenscroft ansässig, die älteste noch existierende Schneiderei der Stadt. Sie wurde 1689 gegründet und fertigt z. B. die Kleidung für die Ritter des Hosenbandordens, stattet aber auch Richter und Kleriker aus und liefert höfische Kleidung für Teilnehmer der Krönungszeremonien. Der Prinz ist dem überaus traditionsreichen Haus eng verbunden und schrieb sogar ein Vorwort zu dem Buch, das zur Feier des 300 jährigen Jubiläums herausgebracht worden ist. Juristen lassen dort übrigens auch ganz normale Anzüge anfertigen. Bei Ede & Ravenscroft fallen sie noch eine Spur konservativer aus als in der Savile Row.

Als Prinz Charles 2012 von GQ zu einem der bestangezogenen Briten gekürt wurde, nahm er es mit Humor. Es sei gar nicht so lange her, dass er als einer der am schlechtesten angezogenen Männer bezeichnet wurde, scherzte er bei einer Rede in London. Ohnehin hat er vor langer Zeit entschieden, nur seinen eigenen Vorlieben zu folgen: „I stick to what I felt suited me“. Ein kleines bisschen hat es ihn aber bestimmt doch gefreut, dass seine Auffassung von Mode, die so gar nicht modisch ist, am Ende Anerkennung findet. Oder wenigstens Verständnis.

Schuhe und Kleidung kombinieren, letzter Teil

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Braune oder schwarze Schuhe zum Blazer? Die Antwort hängt vom Anlass ab (Foto: Jan Hemmerich bei Ed. Meier in München)

Zur Stadtkleidung gehören auch die drei klassischen formalen Outfits Cut, Smoking und Frack. Der Cut wird am Tage getragen, wenn es sehr feierlich zugeht. Hochzeit oder Taufe sind familiäre Standardsituationen für den Cut. Dazu kommen offizielle Anläße wie diplomatische Empfänge, Staatsbegräbnisse oder Ordensverleihungen – wohlgemerkt, wenn sie am Tage stattfinden. Als Schuh sollte immer der glatte, schwarze Oxford gewählt werden. Er ist bei wirklich ernsten Anläßen ein Muß. Bei Hochzeiten werden auch Monkstraps oder sogar Loafer getragen. Auf keinen Fall wird zum Cut aber ein Brogue getragen oder gar ein brauner Schuh. Der Cut ist nämlich ursprünglich ein Outfit für die Stadt. Selbst wenn also die Hochzeit auf dem Lande stattfindet, ist nur der schwarze Schuh akzeptabel.

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Smoking aus schwarzem Leinen von Robert Vogdt in Berlin.

Der Smoking ist der Anzug für den Abend. Ausschließlich dafür wurde er entworfen und seine Farbe ist Schwarz oder Mitternachtsblau. Zwei Fehler sollten im Zusammenhang mit dem Smoking unbedingt vermieden werden. Erstens: Ein Smoking aus einer anderen als den erwähnten Farben. Weinrot, Violett oder Petrol sind schlicht und einfach verkehrt. Einzige Ausnahme ist das sogenannte Dinnerjacket, das auf See oder unter freiem Himmel die schwarze Jacke ersetzt. Der zweite beliebte Fehler ist die farbige oder gar weiße Schleife. Zum Smoking wird immer und ausschließlich eine schwarze Schleife getragen. Dazu gehören Abenschuhe aus Lack- oder auf Hochglanz poliertem Kalbsleder z. B. ein Oxford ohne Kappe oder ein Pumps. Letzterer wird auch zum Frack getragen werden. Damit sind wir bei dem letzten der drei formalen Outfits, dem Frack. Zu ihm wird ausschließlich eine weiße Schleife getragen, die schwarze Schleife trägt nur das Service-Personal. Der Schuh zum Frack ist im Idealfall der eben erwähnte Pumps aus Lackleder, auf Englisch heißt er Court Shoe. Bei allen drei förmlichen Anzugarten wird der schwarze Kniestrumpf getragen. Beim Cut ist er aus dünner Wolle, Baumwolle oder Seide. Zum Smoking und Frack wären Seidenstrümpfe angebracht. Wer keine Abendschuhe besitzt, kann einen spiegelblank polierten Oxford zum Smoking tragen.

An die eben besprochenen Grundregeln für Business- und Freizeitoutfits sowie für feierliche Anlässe halten sich meist auch jene, die ihre Kleidung nach ästhetischen Kriterien auswählen. Sei es, dass sie nicht unangenehm auffallen wollen, sei es, dass ihnen die überlieferte Kombination auch als die ästhetisch befriedigenste erscheint. Dennoch haben sich gewisse Abweichungen von den Normen klassischer Kleidung fest etabliert. Dabei hat Italien in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine Vorreiterrolle übernommen und gewisse Kombinationen aus Farben, Stoffen und vor allem Schuhen weltweit populär gemacht. Aus dem Umfeld dieses Aufsatzes ergibt sich, dass wir uns dabei vor allem den Looks im Bereich Schuhe zuwenden. Hier ist die Vorliebe für den braunen Schuh zum Businessanzug als die wohl wichtigste italienische Eigenart zu nennen. Der stilvolle Norditaliener wählt zu seinem anthrazitgraunen Anzug aus leichtester Schurwolle in aller Regel einen braunen Schuh aus Glatt- oder Rauhleder.

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Zum dunklen Anzug: Raulederbrogue von Ed. Meier München 

Die Italiener haben damit nichts Neues erfunden. Sie haben lediglich das, was schon seit den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts vornehmlich als Freizeitoutfit getragen wurde, für den Businessanzug übernommen. Und tatsächlich spricht einiges für den braunen Schuh zum dunklen Anzug. Erstens sieht Braun zu Grau- oder Blautönen sowie vielen klassischen Dessins sehr gut aus. Zweitens bietet der braune Schuh die Möglichkeit der individuellen Patinierung. So kann durch die richtige Anwendung von Wachspaste dem hellbraunen Schuh eine spezielle Tönung gegeben werden. Ein nicht schon vom Hersteller mit einem Antik-Finish versehener Schuh kann also indivuell eingefärbt werden oder aber auch weitgehend in seinem Originalzustand erhalten bleiben. Alternativ kann man aus einer großen Zahl vorab patinierter Schuhe auswählen, mit denen viele Hersteller gerade in Italien äußerst erfolgreich sind.

Wer sich für den braunen Schuh zum dunklen Business-Outfit entscheidet, kann unter mehreren klassischen Kombinationen wählen. Zum einen gibt es die eben schon erwähnte aus dunkelgrauem Anzug und dunkelbraunen Schuhen. Dabei wird meist ein Brogue gewählt. Ebenso beliebt ist er zur grauen Flanellhose und Sportjacke oder blauem Blazer. Letzteres ist in Frankreich, Italien und Spanien ein nach wie vor äußerst beliebter Look. Zur grauen Hose und blauen Jacke wird dabei gern auch der sehr helle Brogue gewählt. Diese Kombination ist zwar nicht mehr wie noch in den Achtzigern der Look der wirklichen Insider, sie hat sich dafür aber rund um das Mittelmeer im stilistischen Mainstream fest etabliert.

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Zum hellen Sommeranzug oder mittelgrauem Flanell: Honigfarbene Oxfords.

Wer seine Kleidung nach ästethischen Kriterien kombiniert, sollte nicht nur die Farbe im Auge behalten. Die Wechselwirkung zwischen der Oberflächenstruktur von Schuh und Textilien ist mindestens ebenso wichtig. Dazu ein paar Beispiele. Zu einem Anzug aus einem schweren und wolligen Stoff sollten Schuhe gewählt werden, deren Oberfläche ähnlich stark strukturiert ist. Dies wäre zum einen bei Rauhleder der Fall, dessen Oberfläche der des Wollstoffs ähnelt. Ein Glattleder kann dann passen, wenn seine eigentich ebenmäßige Außenseite durch Nähte und Lochungen Struktur bekommt. Zu einem Glencheck-Anzug aus einer schweren Winterware könnte also ein Loafer aus Rauhleder gwählt werden. Zu dem gleichen Anzug würde aber auch der schwarze Fullbrogue aus Kalbsleder passen. Die eigentlich glatte Oberfläche des Materials würde durch Zierstepperei und Lochung optisch „aufgerauht“, wodurch es besser zum wolligen und stark gemusterten Anzugstoff paßt.

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Leichte Anzugstoffe von Hardy Minnis – braune Schuhe würden zu jeder Farbvariante passen.

Wenn man die beiden Kombinationsmöglichkeiten mit Hilfe der vorgestellten Kriterien analysiert, dann wären Glencheck und Rauhleder entweder die Wahl des Briten für ein sportliches Wochenendoutfit oder die eines Italieners für das Business-Lunch in der Stadt. Ein Glencheck-Anzug mit schwarzem Fullbrogue ist in den USA ein Business-Klassiker, in Großbritannien dagegen eher eine Seltenheit. Denn dort gilt Glencheck – oder wie man dort sagt Prince-of-Wales-Check – als definitiv sportliches Dessin. In der Stadt – also mit schwarzem Schuh – würden es vielleicht Kunsthändler oder Intellektuelle tragen. Bei den Brokern der Londoner City wäre ein Glencheck-Anzug dagegen absolut deplatziert. Es ist ersichtlich, dass eine bestimmte Kombination aus Oberbekleidung und Schuh sehr unterschiedliche Bedeutungen haben kann.

Wenn wir also Schuhe mit der übrigen Kleidung kombinieren, dann tun wir dies entweder im Einklang mit überlieferten Normen oder aber nach selbst kreierten oder lediglich gelernten ästethischen Kritierien. In beiden Fällen entsteht mit der Wahl eines Schuhs in den allermeisten Fällen ein Look mit einer ganz bestimmten Aussage. Ob die Aussage mit dem übereinstimmt, was wir mit der Kombination aus Schuh und Kleidung erreichen wollten, ist eine andere Frage. Ein einreihiger dunkelblauer Anzug mit einem orangefarbenen Gitterkaro könnte zum Beispiel mit einem Rauhlederschuh in genau dem Farbton des Überkaros kombiniert werden. Das Ergebnis wäre ästhetisch sicherlich befriedigend. Ob man damit richtig angezogen ist, hängt von den Umständen ab.

Beim Meeting mit Bankern in Frankfurt könnte das Outfit zum Beispiel Verwunderung erzeugen und den Träger bei den Finanzexperten in ein unseriöses Licht setzen. Wenn die beschriebene Kombination aus Anzug und Schuh beim Zusammentreffen mit einem Redakteur der italienischen Ausgabe eines bekannten Männermodemagazins getragen würde, könnten wir dagegen mit Anerkennung rechnen. Bei einem Vorstellungsgespräch mit einem Headhunter, der eine Stelle in der Londoner City zu besetzen hat, wäre die Wirkung dieses Outfits wiederum desaströs. Nur die allerwenigsten von uns müssen vor jedem Griff in Kleider- und Schuhschrank derartige Überlegungen anstellen. Gleichwohl bewegen wir uns alle täglich in wechselnden sozialen, gesellschaftlichen oder kulturellen Umfeldern. Vorausahnen zu können oder gar zu kalkulieren, was die Wahl dieses oder jenes Schuhs für Konsequenzen in den unterschiedlichen Bedeutungsfeldern haben kann, vermag manchmal hilfreich sein. Das Nachdenken über die Konnotationen des Outfits sollte den Spaß am Spiel mit Formen und Farben allerdings niemals zerstören. Denn das ästhetische Experiment ist das einzige, was den klassischen Kleidungsstil immer aus Neue verjüngt und für ihn jede Generation aufs Neue für sich entdecken lässt.

Schuhe und Kleidung kombinieren, Teil 2

Chukka Crispins
Chukkaboots aus Rauleder von Saint Crispin’s. Zu Tweed im Sinne des Erfinders, zum dunklen Anzug „italienisch“

Werfen wir zunächst einen Blick auf System Nr. 1, die Regeln von Anstand und Sitte. Die meisten von ihnen haben ihren Ursprung in Großbritannien, dem Mutterland der Herrenmode. Die Nuancen britischer Stilregeln zu referieren, würde hier zu weit und am Thema vorbei führen. Hilfreich für die Frage nach der richtigen Kombination von Kleidung und Schuhwerk ist zum einen das Konzept von Stadtkleidung und Landkleidung und zum anderen das von Businesskleidung und Freizeitkleidung. In der Stadt trägt man im Geschäft und in der Freizeit schwarze Schuhe oder braune Stadtschuhe. Die schwarzen Schuhe werden mit dem dunklen Anzug kombiniert und die schwarzen oder braunen Freizeitschuhe mit der mehr oder weniger förmlichen Freizeitkleidung. Freizeitkleidung kann in der Stadt im Extremfall der Förmlichkeit aus dem Businessanzug mit schwarzen Schuhen bestehen und in der äußersten Formlosigkeit aus Hemd, Pullover, Jeans und Loafern oder gar Bootsschuhen. Das Konzept von Stadt- oder Landkleidung bedeutet nämlich ursprünglich, dass in der Stadt stets schwarze Schuhe getragen werden und auf dem Lande braune Schuhe. Lediglich in den letzten zwei Jahrzehnten werden auch in der Stadt braune Schuhe akzeptiert.

Diese Unterteilung in Stadt und Land besitzt außerhalb Großbritanniens nur sehr bedingt Gültigkeit. Es ist in Paris, Mailand oder Hamburg durchaus kein Faux pas braune Schuhe beim abendlichen Restaurantbesuch zu tragen. Ich bespreche das Konzept von Stadtkleidung und Landkleidung nur deshalb so ausführlich, weil es für das Verständnis der verschiedenen Schuhtypen so wichtig ist. Schließlich stammen alle klassischen Formen des Herrenschuhs aus einer Gesellschaft, die ihre Kleidung nach genau diesem Kodex eingeteilt hat. Wenn wir also wissen, daß der braune Full-Brogue ursprünglich ein Schuh für das Land war und in der Stadt allenfalls als Freizeitschuh gelten konnte, dann verstehen wir, warum er zum dunklen Geschäftsanzug nicht so recht passen will.

Es sei noch einmal wiederholt: Wer einen braunen Full-Brogue gern im Büro zum dunkelgrauen Anzug trägt, begeht nicht wirklich einen Fehler. Er stellt den Schuh lediglich in einen Zusammenhang, für den er eigentlich nicht gedacht war. Wenn wir die verschiedenen Schuhklassiker gemäß dem Kriterium von Stadt oder Land überprüfen, dann ergibt sich folgende Aufteilung: Schwarzer Oxford, Brogue, Monkstrap oder Loafer sind eigentich Schuhe für die Stadt und damit auch das Geschäft. In Braun werden die gleichen Schuhtypen automatisch zu Freizeitschuhen für die Stadt oder förmlichen Schuhen für das Land. Diese Grundeinteilung ist nur in den angelsächsischen Ländern noch wirklich annähernd verbindlich, dennoch ist sie auch für die restliche Welt eine gute Grundregel. Unter Braun verstehen wir wohlgemerkt alle Schattierungen vom Farbton dunklen Eichenholzes bis hin zu hellsten Sandtönen.

Wer feinere Nuancen sucht, kann nun die Schuhtypen in sich noch nach ihrer Förmlichkeit abstufen. Hier gilt grundsätzlich, dass der Schnürschuh förmlicher ist als der Loafer. Oder anders gesagt: Je mehr Fuß zu sehen ist, desto lockerer geht es zu. Die schwarze, knöchelhohe Knüpfstiefelette wäre auf der Förmlichkeitsskala sozusagen der Nullpunkt, der weitausgeschnittene Loafer am äußersten Ende des gerade noch Förmlichen. Wer für sich also die Regel akzeptiert, dass zum Business-Outfit ein schwarzer Schuh gehört, kann dennoch mit der Wahl des Schuhs viel Individualität zum Ausdruck bringen.

Zum dunkelblauen Nadelstreifenanzug wäre zum Beispiel der schwarze Oxford die klassische Wahl. Dies wäre eine korrekte, geradezu lehrbuchhafte Lösung. Ein schwarzer Full-Brogue würde schon ein wenig von der Norm abweichen. Formal ist der Brogue schließlich ein rustikaler Schuh. Je nach Leistenform, Lederart und Details der Lochungen und Nähte, kann er mehr oder weniger fein wirken. Ein schwarzer Monkstrap würde noch ein wenig weiter vom ganz klassischen Stil abweichen. Mit dem Schnallenschuh läßt sich also innerhalb der Norm ein etwas ungewöhnlicherer Geschmack zeigen. Mit dem schwarzen Loafer zum dunkelblauen Nadelstreifenanzug entfernen wir uns am weitesten von der Sicherheit des Oxfords. Noch heute gilt der Loafer in sehr konservativen Kreisen als reiner Freizeitschuh. Dennoch ist der schwarze Loafer zum dunklen Anzug generell akzeptabel. Allerdings muß es sich dabei um die rahmengenähte Variante handeln.

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Nicht jeder liebt Tasselloafer. Für die einen sind sie der Gipfel des guten Stils, für andere einfach affig. Foto: Jan Hemmerich

Es muß hier allerdings darauf hingewiesen werden, dass die Auffassungen über den Platz des Loafers im Konzert der Schuhformen je nach Land sehr unterschiedlich sein können. So hat sich der elegante rahmengenähte Loafer in Großbritannien und den USA eine treue Gemeinde erobert, die ihn als Teil eines klassischen Business-Looks tragen. Auf dem Kontinent gilt der Loafer allerdings immer noch als so etwas wie ein „Bruder Leichtfuß“ unter den Rahmengenähten. Insbesondere in Deutschland setzen die wenigen, die überhaupt hochwertiges Schuhwerk kaufen, meist auf Schnürer. Das hängt zum einen mit einem Hang zum Soliden und Bodenständigen zusammen, zum anderen aber auch mit einer gewissen Einstellung zu Geld: „Wenn ich schon einen so teuren Schuh kaufe, dann will ich auch das Maximum für mein Geld bekommen“.

Die Unsicherheit in Bezug auf den Loafer zeigt sich am deutlichsten am gespaltenen Verhältnis der Deutschen zum Tassel-Loafer. Während er in den USA als Ausdruck des ultrakonservativen Ostküsten-Stils gilt und in Großbritannien immerhin selbst von Mitgliedern des Königshauses beim sonntäglichen Kirchgang getragen wird, sehen die Deutschen ihn eher als alberne Geschmacksverirrung. Die Abneigung der Deutschen gegen den Loafer im Allgemeinen und den Tassel-Loafer im Besonderen hat dazu geführt, daß hierzulande auch zum Freizeitdress häufig Schnürschuhe getragen werden. Die in Deutschland äußerst verbreitete Kombination aus Jeans oder Chinos und braunem Brogues ist in Großbritannien, den USA oder rund um das Mittelmeer eher selten anzutreffen. Dort wird am Wochenende und Abends der Loafer in aller Regel vorgezogen.

Ende Teil 2

Schuhe und Kleidung kombinieren, Teil 1

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Braune oder schwarze Schuhe zum dunkelblauen Blazer? Im Verlauf dieses mehrteiligen Beitrags wird diese Frage beantwortet werden. Im Bild braune Oxfords auf Peduform-Leisten von Ed. Meier München (Foto: Jan Hemmerich)

Ein wirklich stilvolles Outfit beginnt nicht erst mit den Schuhen, sollte aber auch keinesfalls bei Ihnen enden. Wer Wert auf sein Äußeres legt, wird seine Prioritäten deshalb nie so setzen, daß ein anderes Element seiner Kleidung dadurch zu kurz kommt. Im Idealfall ist also alles von höchster Qualität. Dabei meine ich, dass alles nicht nur mit größter Sorgfalt und von exzellenten Handwerkern angefertigt wurde, sondern auch perfekt paßsst. Dies ist bei den Schuhen in der Regel ein geringeres Problem, als bei der übrigen Kleidung. Schließlich bieten die Hersteller guter rahmengenähter Schuhe ihre Produkte in mehreren Breitengrößen an. Dabei könnte eine leicht vereinfachende Gleichung aufgestellt werden: Je größer die Zahl der Breitengrößen, desto besser die Schuhmarke. Und tatsächlich können es sich nur die wirklich großen oder aber teuren Hersteller leisten, die wichtigsten oder gar alle Modelle in mindestens zwei Breiten anzubieten. Wer aus dem Sortiment dieser Firmen auswählt, wird also in aller Regel ein sehr gut passenden und hervorragend verarbeiteten Schuh bekommen.

Maßschuhe sind für den mit unproblematischen Füßen gesegneten Mann allenfalls ein prinzipieller Imparativ – wenn auch ein sehr starker. Denn wer ein bestimmtes Qualitätsniveau erreicht hat, wird sich selten mit dem Massenprodukt zufrieden geben, auch wenn es noch so gut gemacht ist. Wer so denkt, betrachtet den Schuh als Teil eines Ganzen. Er wird ihn immer als ein Element von vielen sehen und ihm dadurch automatisch das richtige Gewicht geben. Stilvoll gekleidet zu sein, bedeutet nämlich auch, daß kein Teil des Outfits qualitativ im Gesamtklang eine Dissonanz erzeugt. Ein weniger als hochwertiges Hemd kann einen wirklich guten Anzug herunterziehen. Die Schönheit eines handgefertigten Maßschuhs degradiert die mindere Qualität des übrigen Outfits noch weiter. Oder noch praxisnäher gesagt: Billige, knöchellange Socken mit humoristischen Motiven berauben einen guten Schuh seiner Strahlkraft.

© Ben PhillipsJohn Lobb, the bootmakers of St.James's UK, London
Lobb in London – der wohl berühmteste Maßschuhmacher der Welt. Die berühmten Kunden der Vergangenheit wussten, wie sie Schuhe und Kleidung richtig kombinieren (Foto: Lobb)

Die Analogie aus der Welt des Essens würde lauten, dass ein gutes Menü auch gute Weine erfordert und umgekehrt der beste Wein wenig nützt, wenn die Speisen nichts taugen. Die kulinarische Methaphorik hilft uns, auch noch einen weiteren Aspekt zu verdeutlichen. Selbst die besten Zutaten und die besten Weine ergeben nicht automatisch ein wohlschmeckendes Menü. Die festen und flüssigen Zutaten müssen natürlich auch zusammenpassen. Das gilt auch für das Outfit. Und damit bin ich bei dem eigentlichen Thema . Wie wähle ich die richtigen Schuhe aus? Was passt zu welchem Outfit und zu welchem Anlass? Wann trage ich Braun, wann Schwarz und zu welchen Farben der Kleidung?

Hellbraune Chukkaboots aus Rauleder zu Flanellanzug? Klassisch oder unpassend (Foto: Martin Smolka)?

Auf diese Fragen gibt es in unseren Tagen mehr Antworten denn je. Schließlich kann heute jeder sehr weitgehend tun und lassen, was er will. Es gibt weder wirklich verbindliche Regeln, noch Sanktionen oder gar Möglichkeiten ihrer Durchsetzung. Wer partout zum Frack braune Wildlederschuhe anziehen möchte, der soll dies in Gottes Namen tun. Kaum einer wird ihn deshalb mit Verachtung strafen. Wen schert heute noch, was richtig oder falsch ist. Und so findet auch kaum jemand etwas dabei, wenn der Moderator einer Fernsehshow zum Anzug Trainingsschuhe trägt. Doch die generelle Mißachtung historisch gewachsener Konventionen bedeutet nicht, dass Regeln nicht mehr existieren. Die Zahl derjenigen, die sie kennen und die aus ihrer Einhaltung oder virtuosen Übertretung Vergnügen ziehen, wird lediglich immer kleiner. Doch das soll niemand in seinem Vorsatz beirren, seine Kleidung sorgfältig zu wählen. Dabei können wir uns verschiedener Systeme bedienen oder gar Inspiration aus mehreren ziehen.

Zum einen gibt es das System überlieferter Regeln von Anstand und Sitte, die sich aus historischen Quellen speisen und die in aller Regel den Geschmack der führerenden Klassen widerspiegeln – in Großbritannien ist dies immer noch der Adel, auf dem republikanischen Kontinent hat seit dem Ende des 19. Jahrhunderts das Großbürgertum die Führungsrolle übernommen. In der westlichen Welt gilt heute eine Mischung aus verschiedenen nationalen Konventionen, die sich zu einem internationalem Stilkanon vermischt haben. Man könnte diese Regeln unter dem Stichwort „das macht man so“ zusammenfassen. Das zweite System bedient sich rein ästhetischer Regeln und räumt dabei dem persönlichen Geschmacksempfinden einen großen Stellenwert ein. Diese Regeln könnten auch unter dem Postulat „das finde ich schön“ subsumiert werden.

Dazu kommt eine Reihe von Spezialsystemen, die sich vor allem in den USA großer Beliebtheit erfreuen. Sie versuchen überlieferte gesellschaftliche oder aber persönliche ästethische Kriterien durch neue Regelwerke zu ersetzen. Als Beispiel sei hier nur eine Theorie erwähnt, die anhand des Hauttons bestimmte Farben, Materialien und Oberflächenstrukturen empfiehlt. Man könnte diese Art von Regeln unter die Überschrift „Das passt zu dir, weil … „ stellen. Wir möchten hier aber nicht von ihnen reden. Wir glauben, daß die gesellschaftlichen Normen und das persönliche Geschmacksurteil bessere Leitfäden sind, als pseudowissenschaftliche Heilslehren.

Ende von Teil 1, Fortsetzung folgt.