Gedanken über Maßschuhe

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George Cleverley in London gilt als einer der besten Maßschuhmacher. Er bietet auch Schuhe von der Stange an. Ist das ein Widerspruch? (Foto: George Cleverley)

Viele Männer träumen von Maßschuhen. Selbst solche, die sich nicht klassisch kleiden. Da die meisten Menschen nie einem Maßschuhträger begegnet sind, halten sich die Legenden über den Maßschuh hartnäckig. Zum Beispiel die, dass Maßschuhe ein Maximum an Bequemlichkeit bieten. Ein berühmter Maßschuhmacher aus Wien soll seine Kunden vor der Bestellung gefragt haben, ob sie sich einen schönen Schuh oder einen bequemen Schuh wünschen. Diese Frage fasst das Problem sehr gut zusammen: Ein schöner Schuh ist nicht unbedingt angenehm zu tragen. Und der bequeme Schuh entspricht nicht unbedingt unseren Vorstellungen von Eleganz.

Die Idee, dass Maßschuhe vor allem bequem sein sollen, ist relativ modern. Noch um 1900 stand die Eleganz im Vordergrund. Das Äußere des Schuhs hatte sich der Ästhetik zu unterwerfen. Frauen formten damals auch noch ihre Figur mit Hilfe eines Korsetts, wer schön sein wollte, musste leiden. Deshalb gab es damals bei Maßschuhen auch noch keine Anproben. Es hätte als absurde Materialverschwendung gegolten, einen Testschuh zu bauen. Vermutlich stammt aus diesen Zeiten auch die Legende, dass Maßschuhe vom Diener eingetragen werden mussten.

Auch heute sind sich die Maßschuhmacher nicht unbedingt einig darüber, ob Form oder Funktion im Vordergrund stehen. Sicherlich würden die meisten behaupten, dass ihre Schuhe äußerst bequem sind und besser passen, als Schuhe von der Stange. Wenn man sich allerdings die Modelle in den Vitrinen einiger Handwerker ansieht, ist die Anpassung der gezeigten Schuhe an individuelle Fußformen nur schwer vorstellbar. Wobei natürlich Modelle die Idealvorstellung wiedergeben. Sehr viele Kunden werden mit ganz anderen Schuhen aus dem Laden gehen.

Die meisten Maßschuhmacher arbeiten heute mit Probierschuhen. Sie sichern damit sich selbst ab und  nehmen auch dem Kunden etwas von der Angst, dass der teure Schuh am Enden drücken könnte. Wobei der Probierschuh natürlich nie mit dem Endprodukt identisch ist. Der Probierschuh ist aus anderem Leder gefertigt und auch der Unterbau unterscheidet sich meistens vom Endprodukt. Der fertige Schuh kann aber nicht probiert werden, ihn bekommt der Kunde erst dann zu sehen und zu spüren, wenn das Werk vollendet ist. Anders beim Maßschneider. Wenn der die erste Anprobe aus einem neutralen Stoff zuschneidet und erst danach die „richtige“ Ware zuschneidet, wird der Kunde natürlich auch noch den Anzug aus dem endgültigen Stoff probieren. Wenn der Maßschuh drückt, muss der Maßschuhmacher entweder punktuell das Leder strecken, schlimmstenfalls muss er den Schuh wieder auseinandernehmen, den Leisten ändern und den Schuh neu wieder aufbauen. Das kommt selten vor, wenn vorher ein Probierschuh gefertigt wurde, doch es passiert.

Ob es bei den Maßschuhmachern häufiger nötig ist, die ohne Probierschuh arbeiten, lässt sich schwer quantifizieren. Alle Maßschuhmacher räumen gelegentliche Fehlschläge ein, nennen aber selten genaue Zahlen. Die Tatsache, dass einige sehr alte Maßschuhmachereien ohne Probierschuhe wirtschaftlich arbeiten können, scheint für deren Erfolgsquote zu sprechen. Wobei die Reklamationsquote sicherlich auch mit dem Renommee des Maßschuhmachers zusammenhängt und dessen Art, mit den Kunden umzugehen. Einigen berühmten Adressen eilt ein dermaßen einschüchternder Ruf voraus, dass manch einer sich schlicht nicht trauen wird, ernsthaft den Neubau des Schuhs zu fordern. Oder die Kundschaft ist dort vielleicht so betucht, dass kein Interesse an langwierigen Reklamationen besteht. Wer 300 Paar Schuhe im Schrank stehen hat, wird wegen eines Paars Maßschuhe, das nicht ganz so toll sitzt, nicht unbedingt einen Streit vom Zaun brechen. Und man darf auch nicht vergessen, dass nur ein bestimmter Anteil der Kunden überhaupt mehrfach ordert oder mehrfach ordern will. Es ist durchaus nicht ungewöhnlich, dass ein Kunde nach dem ersten Paar nie wieder etwas bestellt. Nicht, weil der Schuh schlecht war, vielmehr weil die Maßschuhe von vorn herein als einmaliges Erlebnis gedacht waren. Deshalb berechnen viele Maßschuhmacher bei dem ersten Paar den Bau des Leistens separat. Oder Sie verlangen stattdessen, dass der Kunde gleich mehrere Paar bestellt.

Es gibt sehr viele sehr zufriedene Maßschuhträger. Aber nicht jeder Schuhfan, der schon viele Jahre lang rahmengenähte Qualitätsware an den Füßen trägt, wird mit Maßschuhen glücklicher sein als mit dem, was er schon gewohnt ist. Tatsächlich werden die meisten Maßschuhmacher zugeben, dass ihr Produkt nur um Nuancen besser ist, als ein sehr gut sitzender Schuh von der Stange. Das große Aha-Erlebnis haben vor allem die Maßschuhkunden, die vom günstigen Durchschnittsschuh auf den rahmengenähten Volllederschuh umsteigen. Das große Passformplus könnten Sie vielleicht aber auch bei einem Anbieter von rahmengenähten Konfektionsschuhen erleben, der mehrere Leistenformen und Breitengrößen im Angebot hat.

 

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Schuhe und Kleidung kombinieren, letzter Teil

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Braune oder schwarze Schuhe zum Blazer? Die Antwort hängt vom Anlass ab (Foto: Jan Hemmerich bei Ed. Meier in München)

Zur Stadtkleidung gehören auch die drei klassischen formalen Outfits Cut, Smoking und Frack. Der Cut wird am Tage getragen, wenn es sehr feierlich zugeht. Hochzeit oder Taufe sind familiäre Standardsituationen für den Cut. Dazu kommen offizielle Anläße wie diplomatische Empfänge, Staatsbegräbnisse oder Ordensverleihungen – wohlgemerkt, wenn sie am Tage stattfinden. Als Schuh sollte immer der glatte, schwarze Oxford gewählt werden. Er ist bei wirklich ernsten Anläßen ein Muß. Bei Hochzeiten werden auch Monkstraps oder sogar Loafer getragen. Auf keinen Fall wird zum Cut aber ein Brogue getragen oder gar ein brauner Schuh. Der Cut ist nämlich ursprünglich ein Outfit für die Stadt. Selbst wenn also die Hochzeit auf dem Lande stattfindet, ist nur der schwarze Schuh akzeptabel.

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Smoking aus schwarzem Leinen von Robert Vogdt in Berlin.

Der Smoking ist der Anzug für den Abend. Ausschließlich dafür wurde er entworfen und seine Farbe ist Schwarz oder Mitternachtsblau. Zwei Fehler sollten im Zusammenhang mit dem Smoking unbedingt vermieden werden. Erstens: Ein Smoking aus einer anderen als den erwähnten Farben. Weinrot, Violett oder Petrol sind schlicht und einfach verkehrt. Einzige Ausnahme ist das sogenannte Dinnerjacket, das auf See oder unter freiem Himmel die schwarze Jacke ersetzt. Der zweite beliebte Fehler ist die farbige oder gar weiße Schleife. Zum Smoking wird immer und ausschließlich eine schwarze Schleife getragen. Dazu gehören Abenschuhe aus Lack- oder auf Hochglanz poliertem Kalbsleder z. B. ein Oxford ohne Kappe oder ein Pumps. Letzterer wird auch zum Frack getragen werden. Damit sind wir bei dem letzten der drei formalen Outfits, dem Frack. Zu ihm wird ausschließlich eine weiße Schleife getragen, die schwarze Schleife trägt nur das Service-Personal. Der Schuh zum Frack ist im Idealfall der eben erwähnte Pumps aus Lackleder, auf Englisch heißt er Court Shoe. Bei allen drei förmlichen Anzugarten wird der schwarze Kniestrumpf getragen. Beim Cut ist er aus dünner Wolle, Baumwolle oder Seide. Zum Smoking und Frack wären Seidenstrümpfe angebracht. Wer keine Abendschuhe besitzt, kann einen spiegelblank polierten Oxford zum Smoking tragen.

An die eben besprochenen Grundregeln für Business- und Freizeitoutfits sowie für feierliche Anlässe halten sich meist auch jene, die ihre Kleidung nach ästhetischen Kriterien auswählen. Sei es, dass sie nicht unangenehm auffallen wollen, sei es, dass ihnen die überlieferte Kombination auch als die ästhetisch befriedigenste erscheint. Dennoch haben sich gewisse Abweichungen von den Normen klassischer Kleidung fest etabliert. Dabei hat Italien in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine Vorreiterrolle übernommen und gewisse Kombinationen aus Farben, Stoffen und vor allem Schuhen weltweit populär gemacht. Aus dem Umfeld dieses Aufsatzes ergibt sich, dass wir uns dabei vor allem den Looks im Bereich Schuhe zuwenden. Hier ist die Vorliebe für den braunen Schuh zum Businessanzug als die wohl wichtigste italienische Eigenart zu nennen. Der stilvolle Norditaliener wählt zu seinem anthrazitgraunen Anzug aus leichtester Schurwolle in aller Regel einen braunen Schuh aus Glatt- oder Rauhleder.

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Zum dunklen Anzug: Raulederbrogue von Ed. Meier München 

Die Italiener haben damit nichts Neues erfunden. Sie haben lediglich das, was schon seit den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts vornehmlich als Freizeitoutfit getragen wurde, für den Businessanzug übernommen. Und tatsächlich spricht einiges für den braunen Schuh zum dunklen Anzug. Erstens sieht Braun zu Grau- oder Blautönen sowie vielen klassischen Dessins sehr gut aus. Zweitens bietet der braune Schuh die Möglichkeit der individuellen Patinierung. So kann durch die richtige Anwendung von Wachspaste dem hellbraunen Schuh eine spezielle Tönung gegeben werden. Ein nicht schon vom Hersteller mit einem Antik-Finish versehener Schuh kann also indivuell eingefärbt werden oder aber auch weitgehend in seinem Originalzustand erhalten bleiben. Alternativ kann man aus einer großen Zahl vorab patinierter Schuhe auswählen, mit denen viele Hersteller gerade in Italien äußerst erfolgreich sind.

Wer sich für den braunen Schuh zum dunklen Business-Outfit entscheidet, kann unter mehreren klassischen Kombinationen wählen. Zum einen gibt es die eben schon erwähnte aus dunkelgrauem Anzug und dunkelbraunen Schuhen. Dabei wird meist ein Brogue gewählt. Ebenso beliebt ist er zur grauen Flanellhose und Sportjacke oder blauem Blazer. Letzteres ist in Frankreich, Italien und Spanien ein nach wie vor äußerst beliebter Look. Zur grauen Hose und blauen Jacke wird dabei gern auch der sehr helle Brogue gewählt. Diese Kombination ist zwar nicht mehr wie noch in den Achtzigern der Look der wirklichen Insider, sie hat sich dafür aber rund um das Mittelmeer im stilistischen Mainstream fest etabliert.

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Zum hellen Sommeranzug oder mittelgrauem Flanell: Honigfarbene Oxfords.

Wer seine Kleidung nach ästethischen Kriterien kombiniert, sollte nicht nur die Farbe im Auge behalten. Die Wechselwirkung zwischen der Oberflächenstruktur von Schuh und Textilien ist mindestens ebenso wichtig. Dazu ein paar Beispiele. Zu einem Anzug aus einem schweren und wolligen Stoff sollten Schuhe gewählt werden, deren Oberfläche ähnlich stark strukturiert ist. Dies wäre zum einen bei Rauhleder der Fall, dessen Oberfläche der des Wollstoffs ähnelt. Ein Glattleder kann dann passen, wenn seine eigentich ebenmäßige Außenseite durch Nähte und Lochungen Struktur bekommt. Zu einem Glencheck-Anzug aus einer schweren Winterware könnte also ein Loafer aus Rauhleder gwählt werden. Zu dem gleichen Anzug würde aber auch der schwarze Fullbrogue aus Kalbsleder passen. Die eigentlich glatte Oberfläche des Materials würde durch Zierstepperei und Lochung optisch „aufgerauht“, wodurch es besser zum wolligen und stark gemusterten Anzugstoff paßt.

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Leichte Anzugstoffe von Hardy Minnis – braune Schuhe würden zu jeder Farbvariante passen.

Wenn man die beiden Kombinationsmöglichkeiten mit Hilfe der vorgestellten Kriterien analysiert, dann wären Glencheck und Rauhleder entweder die Wahl des Briten für ein sportliches Wochenendoutfit oder die eines Italieners für das Business-Lunch in der Stadt. Ein Glencheck-Anzug mit schwarzem Fullbrogue ist in den USA ein Business-Klassiker, in Großbritannien dagegen eher eine Seltenheit. Denn dort gilt Glencheck – oder wie man dort sagt Prince-of-Wales-Check – als definitiv sportliches Dessin. In der Stadt – also mit schwarzem Schuh – würden es vielleicht Kunsthändler oder Intellektuelle tragen. Bei den Brokern der Londoner City wäre ein Glencheck-Anzug dagegen absolut deplatziert. Es ist ersichtlich, dass eine bestimmte Kombination aus Oberbekleidung und Schuh sehr unterschiedliche Bedeutungen haben kann.

Wenn wir also Schuhe mit der übrigen Kleidung kombinieren, dann tun wir dies entweder im Einklang mit überlieferten Normen oder aber nach selbst kreierten oder lediglich gelernten ästethischen Kritierien. In beiden Fällen entsteht mit der Wahl eines Schuhs in den allermeisten Fällen ein Look mit einer ganz bestimmten Aussage. Ob die Aussage mit dem übereinstimmt, was wir mit der Kombination aus Schuh und Kleidung erreichen wollten, ist eine andere Frage. Ein einreihiger dunkelblauer Anzug mit einem orangefarbenen Gitterkaro könnte zum Beispiel mit einem Rauhlederschuh in genau dem Farbton des Überkaros kombiniert werden. Das Ergebnis wäre ästhetisch sicherlich befriedigend. Ob man damit richtig angezogen ist, hängt von den Umständen ab.

Beim Meeting mit Bankern in Frankfurt könnte das Outfit zum Beispiel Verwunderung erzeugen und den Träger bei den Finanzexperten in ein unseriöses Licht setzen. Wenn die beschriebene Kombination aus Anzug und Schuh beim Zusammentreffen mit einem Redakteur der italienischen Ausgabe eines bekannten Männermodemagazins getragen würde, könnten wir dagegen mit Anerkennung rechnen. Bei einem Vorstellungsgespräch mit einem Headhunter, der eine Stelle in der Londoner City zu besetzen hat, wäre die Wirkung dieses Outfits wiederum desaströs. Nur die allerwenigsten von uns müssen vor jedem Griff in Kleider- und Schuhschrank derartige Überlegungen anstellen. Gleichwohl bewegen wir uns alle täglich in wechselnden sozialen, gesellschaftlichen oder kulturellen Umfeldern. Vorausahnen zu können oder gar zu kalkulieren, was die Wahl dieses oder jenes Schuhs für Konsequenzen in den unterschiedlichen Bedeutungsfeldern haben kann, vermag manchmal hilfreich sein. Das Nachdenken über die Konnotationen des Outfits sollte den Spaß am Spiel mit Formen und Farben allerdings niemals zerstören. Denn das ästhetische Experiment ist das einzige, was den klassischen Kleidungsstil immer aus Neue verjüngt und für ihn jede Generation aufs Neue für sich entdecken lässt.

Schuhe und Kleidung kombinieren, Teil 2

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Chukkaboots aus Rauleder von Saint Crispin’s. Zu Tweed im Sinne des Erfinders, zum dunklen Anzug „italienisch“

Werfen wir zunächst einen Blick auf System Nr. 1, die Regeln von Anstand und Sitte. Die meisten von ihnen haben ihren Ursprung in Großbritannien, dem Mutterland der Herrenmode. Die Nuancen britischer Stilregeln zu referieren, würde hier zu weit und am Thema vorbei führen. Hilfreich für die Frage nach der richtigen Kombination von Kleidung und Schuhwerk ist zum einen das Konzept von Stadtkleidung und Landkleidung und zum anderen das von Businesskleidung und Freizeitkleidung. In der Stadt trägt man im Geschäft und in der Freizeit schwarze Schuhe oder braune Stadtschuhe. Die schwarzen Schuhe werden mit dem dunklen Anzug kombiniert und die schwarzen oder braunen Freizeitschuhe mit der mehr oder weniger förmlichen Freizeitkleidung. Freizeitkleidung kann in der Stadt im Extremfall der Förmlichkeit aus dem Businessanzug mit schwarzen Schuhen bestehen und in der äußersten Formlosigkeit aus Hemd, Pullover, Jeans und Loafern oder gar Bootsschuhen. Das Konzept von Stadt- oder Landkleidung bedeutet nämlich ursprünglich, dass in der Stadt stets schwarze Schuhe getragen werden und auf dem Lande braune Schuhe. Lediglich in den letzten zwei Jahrzehnten werden auch in der Stadt braune Schuhe akzeptiert.

Diese Unterteilung in Stadt und Land besitzt außerhalb Großbritanniens nur sehr bedingt Gültigkeit. Es ist in Paris, Mailand oder Hamburg durchaus kein Faux pas braune Schuhe beim abendlichen Restaurantbesuch zu tragen. Ich bespreche das Konzept von Stadtkleidung und Landkleidung nur deshalb so ausführlich, weil es für das Verständnis der verschiedenen Schuhtypen so wichtig ist. Schließlich stammen alle klassischen Formen des Herrenschuhs aus einer Gesellschaft, die ihre Kleidung nach genau diesem Kodex eingeteilt hat. Wenn wir also wissen, daß der braune Full-Brogue ursprünglich ein Schuh für das Land war und in der Stadt allenfalls als Freizeitschuh gelten konnte, dann verstehen wir, warum er zum dunklen Geschäftsanzug nicht so recht passen will.

Es sei noch einmal wiederholt: Wer einen braunen Full-Brogue gern im Büro zum dunkelgrauen Anzug trägt, begeht nicht wirklich einen Fehler. Er stellt den Schuh lediglich in einen Zusammenhang, für den er eigentlich nicht gedacht war. Wenn wir die verschiedenen Schuhklassiker gemäß dem Kriterium von Stadt oder Land überprüfen, dann ergibt sich folgende Aufteilung: Schwarzer Oxford, Brogue, Monkstrap oder Loafer sind eigentich Schuhe für die Stadt und damit auch das Geschäft. In Braun werden die gleichen Schuhtypen automatisch zu Freizeitschuhen für die Stadt oder förmlichen Schuhen für das Land. Diese Grundeinteilung ist nur in den angelsächsischen Ländern noch wirklich annähernd verbindlich, dennoch ist sie auch für die restliche Welt eine gute Grundregel. Unter Braun verstehen wir wohlgemerkt alle Schattierungen vom Farbton dunklen Eichenholzes bis hin zu hellsten Sandtönen.

Wer feinere Nuancen sucht, kann nun die Schuhtypen in sich noch nach ihrer Förmlichkeit abstufen. Hier gilt grundsätzlich, dass der Schnürschuh förmlicher ist als der Loafer. Oder anders gesagt: Je mehr Fuß zu sehen ist, desto lockerer geht es zu. Die schwarze, knöchelhohe Knüpfstiefelette wäre auf der Förmlichkeitsskala sozusagen der Nullpunkt, der weitausgeschnittene Loafer am äußersten Ende des gerade noch Förmlichen. Wer für sich also die Regel akzeptiert, dass zum Business-Outfit ein schwarzer Schuh gehört, kann dennoch mit der Wahl des Schuhs viel Individualität zum Ausdruck bringen.

Zum dunkelblauen Nadelstreifenanzug wäre zum Beispiel der schwarze Oxford die klassische Wahl. Dies wäre eine korrekte, geradezu lehrbuchhafte Lösung. Ein schwarzer Full-Brogue würde schon ein wenig von der Norm abweichen. Formal ist der Brogue schließlich ein rustikaler Schuh. Je nach Leistenform, Lederart und Details der Lochungen und Nähte, kann er mehr oder weniger fein wirken. Ein schwarzer Monkstrap würde noch ein wenig weiter vom ganz klassischen Stil abweichen. Mit dem Schnallenschuh läßt sich also innerhalb der Norm ein etwas ungewöhnlicherer Geschmack zeigen. Mit dem schwarzen Loafer zum dunkelblauen Nadelstreifenanzug entfernen wir uns am weitesten von der Sicherheit des Oxfords. Noch heute gilt der Loafer in sehr konservativen Kreisen als reiner Freizeitschuh. Dennoch ist der schwarze Loafer zum dunklen Anzug generell akzeptabel. Allerdings muß es sich dabei um die rahmengenähte Variante handeln.

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Nicht jeder liebt Tasselloafer. Für die einen sind sie der Gipfel des guten Stils, für andere einfach affig. Foto: Jan Hemmerich

Es muß hier allerdings darauf hingewiesen werden, dass die Auffassungen über den Platz des Loafers im Konzert der Schuhformen je nach Land sehr unterschiedlich sein können. So hat sich der elegante rahmengenähte Loafer in Großbritannien und den USA eine treue Gemeinde erobert, die ihn als Teil eines klassischen Business-Looks tragen. Auf dem Kontinent gilt der Loafer allerdings immer noch als so etwas wie ein „Bruder Leichtfuß“ unter den Rahmengenähten. Insbesondere in Deutschland setzen die wenigen, die überhaupt hochwertiges Schuhwerk kaufen, meist auf Schnürer. Das hängt zum einen mit einem Hang zum Soliden und Bodenständigen zusammen, zum anderen aber auch mit einer gewissen Einstellung zu Geld: „Wenn ich schon einen so teuren Schuh kaufe, dann will ich auch das Maximum für mein Geld bekommen“.

Die Unsicherheit in Bezug auf den Loafer zeigt sich am deutlichsten am gespaltenen Verhältnis der Deutschen zum Tassel-Loafer. Während er in den USA als Ausdruck des ultrakonservativen Ostküsten-Stils gilt und in Großbritannien immerhin selbst von Mitgliedern des Königshauses beim sonntäglichen Kirchgang getragen wird, sehen die Deutschen ihn eher als alberne Geschmacksverirrung. Die Abneigung der Deutschen gegen den Loafer im Allgemeinen und den Tassel-Loafer im Besonderen hat dazu geführt, daß hierzulande auch zum Freizeitdress häufig Schnürschuhe getragen werden. Die in Deutschland äußerst verbreitete Kombination aus Jeans oder Chinos und braunem Brogues ist in Großbritannien, den USA oder rund um das Mittelmeer eher selten anzutreffen. Dort wird am Wochenende und Abends der Loafer in aller Regel vorgezogen.

Ende Teil 2

Schuhe und Kleidung kombinieren, Teil 1

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Braune oder schwarze Schuhe zum dunkelblauen Blazer? Im Verlauf dieses mehrteiligen Beitrags wird diese Frage beantwortet werden. Im Bild braune Oxfords auf Peduform-Leisten von Ed. Meier München (Foto: Jan Hemmerich)

Ein wirklich stilvolles Outfit beginnt nicht erst mit den Schuhen, sollte aber auch keinesfalls bei Ihnen enden. Wer Wert auf sein Äußeres legt, wird seine Prioritäten deshalb nie so setzen, daß ein anderes Element seiner Kleidung dadurch zu kurz kommt. Im Idealfall ist also alles von höchster Qualität. Dabei meine ich, dass alles nicht nur mit größter Sorgfalt und von exzellenten Handwerkern angefertigt wurde, sondern auch perfekt paßsst. Dies ist bei den Schuhen in der Regel ein geringeres Problem, als bei der übrigen Kleidung. Schließlich bieten die Hersteller guter rahmengenähter Schuhe ihre Produkte in mehreren Breitengrößen an. Dabei könnte eine leicht vereinfachende Gleichung aufgestellt werden: Je größer die Zahl der Breitengrößen, desto besser die Schuhmarke. Und tatsächlich können es sich nur die wirklich großen oder aber teuren Hersteller leisten, die wichtigsten oder gar alle Modelle in mindestens zwei Breiten anzubieten. Wer aus dem Sortiment dieser Firmen auswählt, wird also in aller Regel ein sehr gut passenden und hervorragend verarbeiteten Schuh bekommen.

Maßschuhe sind für den mit unproblematischen Füßen gesegneten Mann allenfalls ein prinzipieller Imparativ – wenn auch ein sehr starker. Denn wer ein bestimmtes Qualitätsniveau erreicht hat, wird sich selten mit dem Massenprodukt zufrieden geben, auch wenn es noch so gut gemacht ist. Wer so denkt, betrachtet den Schuh als Teil eines Ganzen. Er wird ihn immer als ein Element von vielen sehen und ihm dadurch automatisch das richtige Gewicht geben. Stilvoll gekleidet zu sein, bedeutet nämlich auch, daß kein Teil des Outfits qualitativ im Gesamtklang eine Dissonanz erzeugt. Ein weniger als hochwertiges Hemd kann einen wirklich guten Anzug herunterziehen. Die Schönheit eines handgefertigten Maßschuhs degradiert die mindere Qualität des übrigen Outfits noch weiter. Oder noch praxisnäher gesagt: Billige, knöchellange Socken mit humoristischen Motiven berauben einen guten Schuh seiner Strahlkraft.

© Ben PhillipsJohn Lobb, the bootmakers of St.James's UK, London
Lobb in London – der wohl berühmteste Maßschuhmacher der Welt. Die berühmten Kunden der Vergangenheit wussten, wie sie Schuhe und Kleidung richtig kombinieren (Foto: Lobb)

Die Analogie aus der Welt des Essens würde lauten, dass ein gutes Menü auch gute Weine erfordert und umgekehrt der beste Wein wenig nützt, wenn die Speisen nichts taugen. Die kulinarische Methaphorik hilft uns, auch noch einen weiteren Aspekt zu verdeutlichen. Selbst die besten Zutaten und die besten Weine ergeben nicht automatisch ein wohlschmeckendes Menü. Die festen und flüssigen Zutaten müssen natürlich auch zusammenpassen. Das gilt auch für das Outfit. Und damit bin ich bei dem eigentlichen Thema . Wie wähle ich die richtigen Schuhe aus? Was passt zu welchem Outfit und zu welchem Anlass? Wann trage ich Braun, wann Schwarz und zu welchen Farben der Kleidung?

Hellbraune Chukkaboots aus Rauleder zu Flanellanzug? Klassisch oder unpassend (Foto: Martin Smolka)?

Auf diese Fragen gibt es in unseren Tagen mehr Antworten denn je. Schließlich kann heute jeder sehr weitgehend tun und lassen, was er will. Es gibt weder wirklich verbindliche Regeln, noch Sanktionen oder gar Möglichkeiten ihrer Durchsetzung. Wer partout zum Frack braune Wildlederschuhe anziehen möchte, der soll dies in Gottes Namen tun. Kaum einer wird ihn deshalb mit Verachtung strafen. Wen schert heute noch, was richtig oder falsch ist. Und so findet auch kaum jemand etwas dabei, wenn der Moderator einer Fernsehshow zum Anzug Trainingsschuhe trägt. Doch die generelle Mißachtung historisch gewachsener Konventionen bedeutet nicht, dass Regeln nicht mehr existieren. Die Zahl derjenigen, die sie kennen und die aus ihrer Einhaltung oder virtuosen Übertretung Vergnügen ziehen, wird lediglich immer kleiner. Doch das soll niemand in seinem Vorsatz beirren, seine Kleidung sorgfältig zu wählen. Dabei können wir uns verschiedener Systeme bedienen oder gar Inspiration aus mehreren ziehen.

Zum einen gibt es das System überlieferter Regeln von Anstand und Sitte, die sich aus historischen Quellen speisen und die in aller Regel den Geschmack der führerenden Klassen widerspiegeln – in Großbritannien ist dies immer noch der Adel, auf dem republikanischen Kontinent hat seit dem Ende des 19. Jahrhunderts das Großbürgertum die Führungsrolle übernommen. In der westlichen Welt gilt heute eine Mischung aus verschiedenen nationalen Konventionen, die sich zu einem internationalem Stilkanon vermischt haben. Man könnte diese Regeln unter dem Stichwort „das macht man so“ zusammenfassen. Das zweite System bedient sich rein ästhetischer Regeln und räumt dabei dem persönlichen Geschmacksempfinden einen großen Stellenwert ein. Diese Regeln könnten auch unter dem Postulat „das finde ich schön“ subsumiert werden.

Dazu kommt eine Reihe von Spezialsystemen, die sich vor allem in den USA großer Beliebtheit erfreuen. Sie versuchen überlieferte gesellschaftliche oder aber persönliche ästethische Kriterien durch neue Regelwerke zu ersetzen. Als Beispiel sei hier nur eine Theorie erwähnt, die anhand des Hauttons bestimmte Farben, Materialien und Oberflächenstrukturen empfiehlt. Man könnte diese Art von Regeln unter die Überschrift „Das passt zu dir, weil … „ stellen. Wir möchten hier aber nicht von ihnen reden. Wir glauben, daß die gesellschaftlichen Normen und das persönliche Geschmacksurteil bessere Leitfäden sind, als pseudowissenschaftliche Heilslehren.

Ende von Teil 1, Fortsetzung folgt.