Die neuen Regenten

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Philippe E. Brenninkmeijer und Andreas M. Meier haben im Herbst 2016 die Anzugmanufaktur Regent übernommen. Die beiden haben viel mehr vor, als das einstige Flaggschiff der deutschen Konfektion wieder flott zu machen. Sie möchten ein Stück Kultur bewahren und eine neue Generation für ihre Philosophie des „Comfortable Luxury“ begeistern. 

BR: Wer von Ihnen hatte zuerst die Idee, Regent zu kaufen?

AM: Ich. Das war schon vor mehreren Jahren. Da hatte ich mit Philippe in Eichstätt bei mir zu Hause zusammengesessen und ihm erzählt, dass Regent in der Insolvenz ist.

BR: Wieso war das ein Thema für Sie?

PM: Wir hatten beide in den letzten Jahren immer wieder Kontakt über die sartoriale Schiene.

AMM: So haben wir uns auch kennengelernt. Das war vor zehn Jahren bei einer Veranstaltung meiner Alma Mater. Im Gespräch mit einer gemeinsamen Freundin haben wir schnell festgestellt, dass wir beide das handwerklich hergestellte Schneiderprodukt lieben. Daraus ist unsere Freundschaft entstanden.

PB: Da wir beide auch Kunden von Regent waren haben wir uns immer wieder über dieses Unternehmen ausgetauscht. Im letzten Herbst erzählte mir dann Andreas, dass Regent erneut in der Insolvenz ist. Wir hatten schon seit längerem überlegt, Regent zu übernehmen. Aber wir beide waren beruflich fest eingebunden und hatten keine Zeit. Und letzten Herbst war ich noch in London. Da war ich auch sehr glücklich, habe mich dann aber doch entschieden, ich will wieder nach Hause. Wir haben wir uns das Ganze erstmal genauer angesehen. Vier Wochen später sind wir nach Weißenburg gefahren und haben das Unternehmen übernommen.

BR: Gibt es Leute in Ihrem Umfeld, die Sie für verrückt erklärt haben?

PB: Bei mir nicht. Aber bei Dir schon, Andreas. Oder?

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Andreas Martin Meier beim Interview in Weißenburg (Foto: Jan Hemmerich)

AMM: Ja, einige fanden das verrückt. Aber auch konsequent von meiner Person her. Meine Entscheidung war für einige also verrückt aber nachvollziehbar.

PB: Eins ist klar, das ist ein schwieriges und anspruchsvolles Unterfangen. Da wir aber etwas für den Standort Deutschland tun, statt immer nur ins Ausland zu verlagern, war die Resonanz in meinem Umfeld durchweg positiv. Das kommt sehr gut an.

BR: Regent galt als der deutsche Brioni. Was unterscheidet Regent von Brioni und anderen Mitbewerbern aus Italien?

PB: Wir machen bei Regent ein anderes Produkt. Es ist weniger verspielt. Es ist mehr nördlich und passt besser zu dem hiesigen Markt. Und gerade dadurch, dass unser Unternehmen kleiner ist, können wir sehr gut auf die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden eingehen. Bei uns ist eben ganz klar, wo was hergestellt wird. Ich erwähne das nicht in Bezug auf einen bestimmten Mitbewerber. Bei uns kommt alles aus Weißenburg und das sagen wir auch offen. Es kann jeder vorbeikommen und sich das anschauen. Er wird feststellen, dass wirklich alles bei uns genäht wird. Das ist in dieser Industrie sehr selten.

BR: Regent ist seit 1946 in Weißenburg ansässig. Haben sich da eigene Fertigungsmethoden entwickelt? Wird bei Regent anders genäht? Oder sind das alles die gleichen Abläufe, wie bei anderen Manufakturen in Italien oder England?

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Philippe E. Brenninkmeijer im Nähsaal von Regent – natürlich in einem Anzug aus seiner Manufaktur (Foto: Jan Hemmerich)

PB: Das Nähen ist gleich. Das passiert mit einer Nadel, zwei Händen und dem Stoff. Wir versuchen allerdings, einen eigenen Hausstil zu kreieren. Daran arbeiten wir gerade sehr hart. Wir schauen natürlich, was die Italiener und die Engländer machen. Aber wir suchen einen Mittelweg. Die Neapolitaner machen einen sehr schönen Anzug, der ist nur nicht für jedermann geeignet. Die Verspieltheit, das Verschnörkelte ist für manche Kunden schwierig. Bei den Engländern ist dagegen die Verarbeitung mit festeren Einlagen und stärkerer Schulterpolsterung typisch, die wollen die Kunden hier eigentlich gar nicht. Wir nehmen die Leichtigkeit, die wir in Italien finden und paaren sie mit gewissen Schnitten und Stoffen aus England. Wir glauben, dass das einen sehr ansprechenden und zeitgemäßen Stil ergibt.

BR: Was heißt denn zeitgemäß?

PB: Wir sehen heute zum einen die Kunden, die Anzug tragen müssen, die wollen ein klassischeres Teil. Dann haben wir aber Kunden, die tragen ein Sakko, weil sie das möchten und weil sie sich das wert sind. In beiden Fällen muss das Kleidungsstück aber bequem sein und Komfort bieten und das ist genau das, was die Neuausrichtung von Regent ausmacht.

BR: Wie alt sind Sie beide jetzt?

AMM: Ich bin 31.

PB: Ich bin 33.

BR: In anderen Ländern ist es normal, dass man in diesem Alter als Unternehmer Verantwortung trägt. Für deutsche Verhältnisse sind Sie relativ jung. Werden Sie darauf angesprochen oder merken Sie das in irgendeiner Weise?

AMM: Ich merke das nicht. Wir glauben, dass man Regent wie ein 70 Jahre altes Start-Up führen muss. Wenn jemand gekommen wäre, der Mitte 50 ist, dann hätte das eine Perspektive von zehn oder 15 Jahren eröffnet. Das hätte man am Markt viel kritischer gesehen, als wenn zwei in unserem Alter kommen. Und Philippe ist ein ausgewiesener Branchenexperte. Ich habe mir im Unternehmen meiner Familie auch schon ein paar Sporen verdient. Wenn ich die Jungs in den Berliner Start-Ups sehe, dann sind die auch nicht älter. Ich glaube, dass das Unternehmen diesen frischen Wind braucht.

PB: Wir haben beide in den letzten Jahren bei einigen Firmen gearbeitet. Ein Turnaround, wie er jetzt bei Regent gefordert ist, ist mir bereits bei meiner Tätigkeit als Geschäftsführer von Huntsman gelungen. Das gibt einem ein gewisses Selbstvertrauen. Wir wollen als Geschäftsführer dicht an unseren Mitarbeitern sein und mit ihnen zusammen den Weg gehen. Das hierarchische Denken halten wir für veraltet, weil es Mauern aufbaut. Die wichtigste Kompetenz, die wir besitzen, ist die unserer Mitarbeiter und Kollegen. Diese Kompetenz wollen wir nutzen und die Menschen in die Entscheidungen mit einzubeziehen. Wenn wir z. B. ein Problem mit einer Einlage haben, dann muss ich ein Vertrauensverhältnis zu der Kollegin haben, die als Expertin in dem Bereich arbeitet. Sie kann mir besser als jeder andere sagen, woher die Probleme kommen. Dazu muss ich eine professionelle Beziehung aufbauen. So schaffe ich aber auch Vertrauen. Als ich in Weißenburg ankam, habe ich allen erstmal das Du angeboten. Und ich habe gesagt: Der Karren ist im Dreck, dafür sind wir nicht verantwortlich und auch nicht die Mitarbeiter, sondern die vorangegangenen Managements. Wir wollen den Karren jetzt da rausziehen und das geht nur gemeinsam. Distanzierte Umgangsformen führen da nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Das war für die Kollegen neu, es verbessert aber das Produkt. Wir kriegen viel mehr Feedback, wenn was nicht läuft.

BR: Sie sind immer im Unternehmen präsent, wenn nicht gerade Reisen nötig sind?

AMM: Ich kümmere mich um den finanziellen Part, das kann ich überall in der Welt machen. Überwiegend arbeite ich von Eichstätt aus, das liegt 15 Minuten von hier. Einmal die Woche komme ich in mein Büro in Weißenburg.

PB: Mich treffen Sie fast immer hier an.

BR: Regent war immer ein typisches Produkt für den Herrenausstatter. Deren Zahl geht immer mehr zurück, wie wollen Sie neue Kunden finden und die alten Kunden zurückgewinnen?

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Impressionen aus der Anzugmanufaktur. Die Bilder sind nach Feierabend entstanden, deshalb waren keine Schneider mehr anwesend (Fotos: Jan Hemmerich)

PB: Es gibt noch Einzelhändler, die sehr erfolgreich sind, weil sie persönlichen Service bieten. Da kennen die Inhaber und die Mitarbeiter das Produkt und wissen, wofür Regent steht und können es durch persönliche Beratung gut verkaufen. Dadurch setzen sie sich auch vom Online-Geschäft ab. Auf diese Einzelhändler wollen wir weiter setzen. Wir haben aber auch das Produkt weiterentwickelt. Wir bieten jetzt zwei Linien an. Die eine ist die handgefertigte, die heißt „Phönix“. Sie ist das Handmade-Produkt, wie wir es von Regent kennen. Zusätzlich haben wir eine Linie entwickelt, die wir „Pionier“ nennen. Diese folgt der Prämisse: „Dort, wo die Handarbeit nicht objektiv wichtig ist, wird sie durch eine Maschine ersetzt“.

BR: Zu Beispiel?

PB: Bei den Knopflöchern. Es ist wunderschön, wie die mit Herz und Seele von Hand genäht werden. Es gibt aber viele Kunden, die dafür gar kein Verständnis haben. Die zahlen einen Aufpreis für etwas, das sie gar nicht schätzen. Das, was für diesen Kunden nur subjektiv wichtig ist, lassen wir weg. Das macht dann einen Preisunterschied von gut 600 Euro. Unser Kunde trägt den Anzug von Regent, weil er dessen Vorteile schätzt, er braucht nicht den Markennamen. Das ist eine gewisse Selbstverständlichkeit des Luxus. Den Komfort habe ich eben schon erwähnt. Der war in den 1980ern nicht so wichtig, heute will der Kunde ihn aber. Und auch eine gewisse Lässigkeit. Deswegen sprechen wir von „Comfortable Luxury“.

BR: Herr Meier, wie kriegen Sie es finanziell hin, ein handgefertigtes Produkt in Deutschland zu fertigen, das dann preislich unter dem der Mitbewerber aus Italien liegt? Ich rede jetzt wohlgemerkt von der handgemachten Linie. Deutschland gilt doch als extrem teurer Standort.

AMM: Wir haben den Produktionsprozess sehr genau untersucht. Nicht nur, als wir die neue Produktlinie spezifiziert und entwickelt haben – auch darüber hinaus. Darin spiegelt sich unsere Start-Up-Mentalität wieder. Alles wird hinterfragt und überprüft. Seit 40 Jahren wird etwas in einer bestimmten Weise gemacht. Ist das aber noch zeitgemäß? Und wofür ist der Kunde noch bereit, Geld auszugeben? Da geht es um Produktionsminuten. Wir gehen da eben anders ran, als die Italiener, eher mit einem deutschen Ingenieurdenken. Wir sind auch etwas technischer orientiert und weniger romantisch. Wir müssen die Marke Regent entstauben und neu aufbauen. Dazu gehört immer, dass wir in Deutschland fertigen, aber auch den Preis sehr scharf kalkulieren.

PB: Viele Mitbewerber investieren sehr viel Geld in das Marketing. Wir stecken das Geld lieber in das Produkt, statt in teure Visitenkarten oder kostspielige Testimonials. Was hat der Kunde davon, wenn ein Hollywoodstar unseren Anzug trägt? Wir machen lieber das Produkt besser und den Preis attraktiver. Pionier geht von der Stange bei 1200 Euro los, die handgemachte Phönix-Linie bei 1800 Euro.

BR: Die Ready-to-wear es weiterhin geben? Für den Kunden, der nicht auf die Maßanfertigung warten will?

PB: Oder sie nicht braucht. Ich glaube, dass wir immer Ready-to-wear anbieten werden. Weil der Kunde darüber das Produkt kennenlernen und verstehen kann. Aber natürlich wird Maß stark nachgefragt, weil man sich durch Individualität von der Masse abgrenzen kann. Da sehen wir ein starkes Wachstum. Wir brauchen beides.

BR: Herr Meier, Herr Brenninkmeijer was ist für Sie das perfekte Wochenende? Wie entspannen Sie?

AMM: Zwei Tage bevor wir uns hier der Belegschaft vorgestellt haben, hat meine Frau unser erstes Kind geboren. Das heißt, es waren plötzlich zwei Babys da, wenn ich Regent auch als Baby bezeichnen darf. Für mich ist es einfach schön, wenn ich am Wochenende dem Kleinen beim Wachsen und beim Lernen zusehen kann.

PB: Meine Verlobte und ich gehen am Wochenende gern auf dem Markt einkaufen, regionale Produkte, auf dem Viktualienmarkt oder hier bei uns. Dann kochen wir zusammen, laden Freunde ein, das machen wir sehr gern. Und Sonntag machen wir immer einen großen Spaziergang mit unserer Dackeldame. Ansonsten lese ich gern und beschäftige mich mit Geschichte.

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Prince Charles. Stilikone wider Willen

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Prince Charles gehört zu den besten Werbeträgern der legendären Wachsjacken (Foto: Barbour)

Prinz Charles, der britische Thronfolger, ist heute so beliebt wie lange nicht. Viele jüngere Briten wissen nur aus Erzählungen, dass der am 14. November 1948 geborene Prinz Charles nicht immer so populär war. Er war lange Junggeselle und sein Zögern bei der Brautwahl ließ ihn in der Öffentlichkeit als unentschlossen und wankelmütig erscheinen. Auch sein für einen Briten der Oberklasse eher untypisches Interesse an Ökologie und Esoterik wurde mit Verwunderung registriert. Man spöttelte, dass der Prinz mit seinen Pflanzen redet. Als er sich 1981 mit Lady Diana verlobte, stieg seine Popularität vorübergehend, mit der Zeit stahl ihm seine Frau aber immer öfter die Show. Prinzessin Diana galt als modern, elegant und mitfühlend, er hingegen als steif, altmodisch und verstaubt. Der Niedergang seiner Ehe ließ seine Beliebtheit noch mehr schrumpfen und die Enthüllung des Verhältnisses mit der im Vergleich zu Diana eher unattraktiven Camilla versetzten seinem Image weitere Tiefschläge. Der Tiefpunkt kam 1997 nach Dianas Unfalltod und der als gefühllos empfundenen Reaktion des Königshauses. Die Presse sah Prince Charles schon abreten und wollte Prinz William zum Thronanwärter ausrufen. Doch der Prince of Wales behielt eine „stiff upperlip“ und machte weiter. Stur, unbeirrbar und pflichtbewusst. Das brachte ihm irgendwann Respekt ein, denn die Briten wissen Sportlichkeit zu schätzen. Er heiratete sogar Camilla, kümmerte sich um seine Wohltätigkeitsorganisationen und arbeitete nach und nach sein Negativ-Image ab. Heute lacht niemand mehr, wenn er über „grüne“ Themen oder hässliche Bauwerke redet. Er gilt nicht mehr als albern und verschroben, schlimmstenfalls als exzentrisch und im besten Sinne altmodisch.

Das Auf und Ab seiner Popularitätswerte hat eine Gruppe von Bewunderern nie interessiert: Die Freunde des englischen Gentleman-Looks. Für sie ist Prinz Charles eine Stil-Ikone. Spätestens seit er sich Anfang der 1980er für die Doppelreiher von Anderson & Sheppard entschieden hat, wird sein Look von der weltweiten Fangemeinde genau beobachtet, studiert, analysiert und kopiert. Auch die Presse berichtete seit den 1990er Jahren nicht mehr nur von seiner wohltätigen Arbeit oder seinen Ideen über Architektur, immer häufiger wurde seine Garderobe thematisiert. So widmete ihm das japanische Herrenmodemagazin Dorso 2004 ein zwanzigseitiges, reich bebildertes Special. Und als er 2006 seinem langjährigen Savile-Row-Schneider den Korb gab, schrieb darüber „The Telegraph“. Das Blatt vermutete die Sparsamkeit seiner zweiten Frau, der Durchess of Cornwall, hinter dem überraschenden Schritt. Längst ist er zu Anderson & Sheppard zurückgekehrt, denn im Januar 2013 besuchte er – erstmals nach dreißig Jahren – seine alte und neue Schneiderei. Dem Prinz schien es dort gefallen zu haben, denn er blieb doppelt so lang wie geplant.

Während des Besuchs trug er einen Anzug, der dort in den 1990ern genäht worden ist. Das mag als Kompliment an Anderson & Sheppard gemeint gewesen sein, vielleicht war es nur Zufall. Denn generell wirft man im Hause Windsor ungern etwas weg. Ein Stück Stoff, das für einen Anzug nicht mehr reichte, ließ der Prinz zu einem Mantel für seinen Hund verarbeiten. Alles soll möglichst ein Leben lang halten. Die Anhänglichkeit des Prinzen an seine Kleidung darf man Knauserigkeit nennen, sie mag aber auch als konsequente Fortsetzung des Nachhaltigkeitsgedanken gesehen werden. Prinz Charles denkt in langen Zeiträumen und ist gegenüber Neuem skeptisch. So trägt der Prinz Maßschuhe, die er zum achtzehnten Geburtstag angemessen bekam, seinen schweren Tweedmantel setzt er seit 1987 jeden Winter ein. Zuletzt erregte eine Wachsjacke Aufsehen, die er in einem Fernsehbericht über seine Aktivitäten für den Landschaftsschutz trug. Man sah ihn bei der Arbeit an einem Feldrand, er trug Tweedmütze, eine Schutzbrille und eine Wachsjacke, die fast nur noch aus Flicken bestand. Die Begeisterung war groß, auch bei Modeexperten.

© Ben PhillipsJohn Lobb, the bootmakers of St.James's UK, London
Prince Charles trägt immer noch Maßschuhe, die bei John Lobb zu seinem 18. Geburtstag gefertigt worden sind (Foto: John Lobb)

Als ältester Sohn der Queen steht Prince Charles seit Geburt unter Beobachtung. Jede Abweichung von der Kleidungsnorm der britischen Oberschicht wäre registriert worden. Doch sein Stil blieb im Rahmen, als gewagt war vielleicht nur seine Idee aufzufassen, kurzzeitig mit einem Schnurrbart aufzutreten. Alles anderen Details seiner äußeren Erscheinung folgten streng der Tradition. Durch besonders gute Kleidung aufzufallen, ist im Hause Windsor seit der Abdankung König Edward VIII, seines als Dandy legendären Großonkels, verpönt. Dabei durfte nicht allein der Mann, der als Prince of Wales bei seiner Weltreisen durch den exzellenten Schnitt seiner Anzüge und die gewagte Kombination von Mustern und Farben aufgefallen war, als Modenarr gelten. Auch seine Brüder waren Großkunden bei ihren Schneidern. Der Duke of Kent, der 1942 bei einem Flugzeugunglück starb, galt zu seiner Zeit sogar als eine größere Stil-Ikone als sein Bruder Edward, der Kronprinz und spätere König Edward VIII. Auch sein Bruder George, der nach der Abdankung Edwards unvorbereitet und äußerst ungern auf den Thron nachrückte, besaß eine riesige Garderobe. Da alles tabuisiert wurde, was mit dem König, der seiner Liebe zu Wallis Simpson wegen den Thron aufgab, sollte das exzessive Interesse an Kleidung nie mehr Thema bei den Windsors sein. Der einzige Dandy der Familie war der Duke of Windsor und der war eine Unperson für den Hof. Prince Charles hielt sich daran und bewahrte ein „low profile“. Sein Look viel nur bei den an subtiler Eleganz interessierten Italienern positiv auf. Während die schon den Schnitt seiner Zweireiher wahrnahmen, die oftmals anstelle von Schnürschuhen getragenen Loafer von Lobb bewunderten oder die Kombination der Hermès-Krawatten mit den Hemden von Turnbull & Asser goutierten, mokierten sich die Briten noch über seine Liebe zur Natur.

Man sagt Prinz Charles nach, dass er im privaten Umgang äußerst konservativ sei und bei aller Freundlichkeit, die er im Dienst den Untertanen entgegenbringt, seinem Personal gegenüber auf Distanz achtet. Dies ist normal angesichts seiner Erziehung und der Art des Umgangs, den ihm seine Eltern und seine Großmutter vorgelebt haben. Man ist von zahlreichen Bediensteten umgeben, die einem alles abnehmen und lästige Dinge des Alltags fernhalten. Wenn Prinz Charles bei der Besichtigung der Londoner U-Bahn sagt, dass er die Untergrundbahn noch nie betreten hat, dann ist das kein Witz. Er ist noch nie U-Bahn gefahren, genauso wenig, wie er je an einem Check-In-Schalter anstehen musste, stundenlang auf einen ausgefallen Zug zu warten hatte oder mit seinem Auto im Stau stand. Der Prinz ist in Watte gepackt und die ist maßgeschneidert. Einkaufen, oder besser gesagt Shopping, ist nicht das Ding des Prinzen. Jedenfalls nicht Shopping im normalen Sinne oder in dem der Superreichen. Ein Hollywoodstar kommt in den Genuss, dass er vor Ladenöffnung allein durch ein Kaufhaus schlendern darf. Prinzessin Diana nahm dieses Privileg gern bei Harrod’s in London in Anspruch. Prinz Charles ist da viel altmodischer, er kauft so ein, wie es im frühen 20. Jahrhundert üblich war. Sein Hemdenmacher, sein Schneider und sein Schuhmacher kommen zu ihm in den Palast. Die Dort sucht er Stoffe aus und probiert die Anzüge an. Alle weiteren Besorgungen macht das Personal. Der Prinz geht nicht bummeln, er bevorzugt die royale Variante des Homeshopping.

Herauszufinden, woher der Prinz seine Kleidung bezieht, ist ein Puzzlespiel. Es gibt zwar Hoflieferanten, doch sie statten nicht alle den Prinzen persönlich aus, manchmal beliefern sie wirklich nur den Hof. Dennoch ist bekannt, was der Prinz trägt. Seine Anzüge lässt er bei Anderson & Sheppard nähen. Als Student hatte er zunächst bei Billings & Edmonds arbeiten lassen. Der in London, Eton und Harrow ansässige Ausstatter belieferte zahllose junge Männer der Ober- und Mittelschicht mit Schuluniformen und Maßkleidung, Accessoires und Schals in den Farben diverser Schulen. Als er Billings & Edmonds entwachsen war, ließ er für eine Weile bei Hawes & Curtis nähen, dem Schneider seines Vaters Prinz Philipp. Als dessen Zuschneider, John Kent, Hawes & Curtis verließ und sich selbstständig machte, ging Prince Philipp mit und Prince Charles folgte. Vielleicht wollte Prinz Charles nach seiner Eheschließung demonstrieren, dass er erwachsen geworden ist, jedenfalls verließ danach John Kent und entschied sich für Anderson & Sheppard. Dies ließ aufhorchen, denn es gab in der Savile Row eine Reihe von Firmen, die wesentlich traditionsreicher sind als die erst 1906 gegründete Schneiderei Anderson & Sheppard. Ihre Anzüge sind äußerst weich, fast süditalienisch verarbeitet und die Kunden stammen überwiegend aus den USA. Adelige gehören eher nicht dazu, dafür statteten sie aber Roger Moore für seine Rolle in „The Saint“ aus. Sollte Prince Charles doch etwas von Duke of Windsor in sich haben? Die Sorge war unberechtigt, denn der Thronfolger entschied sich stets für äußerst unauffällige Stoffe und blieb seinem Zweireiher bis heute treu. Die einzige Abweichung vom traditionellen Dresscode, die schon fast als Extravaganz gelten darf, sind seine zweireihigen Sportsakkos. Er lässt sich aus schottischem Tweed schneidern oder als sommerliche Kombination mit hellen oder sogar weißen Baumwollhosen aus Leinen. Diese Marotte wurde interessanterweise bisher noch von niemandem aufgegriffen. Wenn der Anlass in heißen Weltregionen den Anzug nicht zwingend vorschreibt, tritt der Prinz ansonsten auch gern im Safari-Look auf. Das Outfit stammt von dem legendären Tropenausstatter Airey & Wheeler aus Mayfair. Er gilt als die Nr. 1 in Sachen leichter Kleidung, seine Safarijacken sind geradezu Kult. Airey & Wheeler arbeitet jetzt unter dem Dach von AJ Hewitt. Reitkleidung und Jagdanzüge lässt der Prinz bei Frank Hall in Market Harborough Leicestershire schneidern.

Die Hemden des Prinzen liefert der legendäre Jermyn-Street-Schneider Turnbull & Asser. 1981 wurde er erstmals offiziell „Shirtmaker“ des Prince of Wales. T & A hat diverse Berühmtheiten ausgestattet, Schauspieler, Politiker, Musiker und Geschäftsleute, US-Präsidenten, Literaten und last but not least den fiktiven Geheimagenten 007. Seit dem ersten James-Bond-Streifen „Dr. No“ aus dem Jahre 1962 hat Turnbull & Asser die Hemden für alle Darsteller des Agenten geliefert. Sean Connery war der erste, dem das Hemd mit der berühmten Knopfdoppelmanschette auf den Leib geschneidert worden ist. Prince Charles trägt natürlich auch Maßhemden, laut einer Firmenbroschüre von T & A entsprechen seine Maße aber genau denen eines Konfektionshemds mit Kragenweite 39. Einmal war allerdings ein besonderer Schnitt gefordert. Als Prince Charles sich 1999 beim Polospielen den Arm brach, eilte der Zuschneider Paul Cuss in den Palast um Maß für ein Hemd zu nehmen, das über den Gipsarm passt. Die Bilder des Prinzen, der das Krankenhaus in diesem Hemd verließ, gingen um die Welt. Bei Krawatten hat der Thronfolger eine leicht zu dokumentierende Vorliebe für die Marke Hermès. Falls er überhaupt einmal die Krawatten frei wählen kann. Bei vielen offiziellen Anlässen ist das Dessin nämlich durch das Protokoll mehr oder weniger vorgegeben. Besucht er die Truppe, trägt er z. B. die passenden Regimentsfarben. Bei Terminen im akademischen Bereich greift er wiederum zu den Farben des Gastgebers, z. B. eines College, oder aber zu den Farben seiner eigenen Schule. Seine Vorliebe für die Krawatten aus Paris erscheint auf den ersten Blick ungewöhnlich für den zukünftigen König eines Landes, das Heimat zahlreicher Hersteller von Qualitätsbindern ist. Andererseits passt es zu dem Prinzen, dass er sich kleine, im Rahmen bleibende Extravaganzen erlaubt. Und die Vorliebe für luxuriöse Erzeugnisse aus Frankreich hat in England Tradition, die Briten gehören zu den größten Champagnerkonsumenten der Welt.

Die Schuhe des Prinzen stammen von zwei Lieferanten. Für Maßanfertigungen ist John Lobb zuständig, der berühmteste Maßschuhmacher der Welt. Schuhe von der Stange darf Tricker’s liefern, auf ungezählten Bildern sieht man den Prinzen seit früher Jugend in den Desert Boots der Manufaktur durch tropische Gefilde und Wüsten wandeln. Als Student trug er sie gern auch zum smarten Casuallook mit Tweedjacke und Hosen aus Kavallerie-Twill, diesen Look übernimmt jetzt sein jüngster Sohn Harry. Heute trägt Prince Charles zum Anzug und zur Tweedjacke wohl überwiegend die maßgefertigten Schnürer und Schlupfschuhe des Maßschuhmachers aus St. James’s. Damit setzt er eine Tradition fort, die 1863 mit Königin Victorias ältestem Sohn, dem späteren Edward VII begann. Er verlieh damals dem noch jungen Unternehmen den prestigeträchtigen Titel des Hoflieferanten. Auch die Königin und Prinz Philipp sowie weitere Mitglieder der Königsfamilie lassen ihre Schuhe bei Lobb’s in London anfertigen. Bei schlechtem Wetter oder auf schlammigem Terrain trägt der Prinz natürlich Gummistiefel. Anders als deutsche Politiker aber nicht irgendwelche im Spritzgussverfahren gefertigte Allerweltsexemplare, vielmehr die klassischen Modelle aus Schottland. Neben den legendären grünen „Wellies“ von Hunter auch die von Farmern bevorzugten schwarzen Gummistiefel von „Bullseye“. Wie jeder Großgrundbesitzer von Adel sieht auch Prinz Charles sich im Grunde als Landwirt, deshalb sind schwarze Gummistiefel seine Präferenz.

Der Prinz hat keine Scheu, sich der Presse in einem alten Morgenrock zu stellen. Er besitzt zahlreiche wollene Hausmäntel, die er bei der Gartenarbeit aufträgt. Was der Prinz jedoch als Nachtgewand trägt, ist nicht fotografisch dokumentiert. Man darf aber davon ausgehen, dass er Schlafanzüge und Morgenröcke von Turnbull & Asser trägt. Von dort stammen auch seine Pullover. Er trägt sie aus Kaschmir und Lammwolle, kleine Löcher oder ein ausgefranster Saum stören ihn nicht. Als er sich während der Flitterwochen in Schottland mit Prinzessin Diana der Weltpresse stellte, wurde der schadhafte Pullover noch mit Verwunderung registriert. Heute wäre niemand mehr überrascht. Im Gegenteil. Die betagte Garderobe des Öko-Prinzen hat mittlerweile Kultcharakter, sie gilt als die königliche „Altkleidersammlung“. Charles verbringt einen großen Teil seiner knappen Freizeit im Freien, entweder auf seinem Landsitz, auf der Jagd, zu Pferde, beim Fischen, beim Wandern oder beim Aquarellieren. Dabei trägt er typisch englische Wetterjacken verschiedener Anbieter. Seine Vorliebe für Wachsjacken von Barbour ist bekannt, häufiger sieht man ihn aber in Jacken von John Partridge, dem Reitsportspezialisten Musto und Fieldcoats von Holland & Holland, Cordings, Swaine Adeney Brigg oder Herbert Johnson. Die Fieldcoats der verschiedenen Labels werden vermutlich von Chrysalis Clothes in Corby gefertigt. Der Familienbetrieb wurde 1985 von Chris Blackmore gegründet, einem Zuschneider, der vorher bei Chester Barrie tätig war. Die Jacken werden einzeln von Hand zugeschnitten und sind Dank einer wasserdichten Membran absolut wetterfest. Dazu trägt der POW große Tweedmützen, die von Lock & Co. im passenden Stoff angefertigt werden. Der Hutmacher aus St. James, der auch schon den Zweispitz von Admiral Nelson geliefert hat, stattet das Haupt des Prinzen mit Hüten jeder Art aus, z. B. feinsten Panamas für den Sommer.

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Die Panamahüte des Thronfolgers stammen von seinem Hoflieferanten Lock & Co. (Foto: Lock Hatters)

Einen gewissen Anteil seiner öffentlichen Auftritte absolviert Prince Charles in Uniform oder in zeremonieller Kleidung. Prince Charles hat in der Marine gedient, die blauen Uniformen stammen von Gieves & Hawkes. Die Uniformen anderer Truppengattungen nähen Welsh & Jeffries. Seit 1990 weist ein „Royal Warrant“ sie als Hoflieferanten des Prince of Wales aus. Die Roben für den zeremoniellen Einsatz kommen aus der City von London. Dort ist Ede & Ravenscroft ansässig, die älteste noch existierende Schneiderei der Stadt. Sie wurde 1689 gegründet und fertigt z. B. die Kleidung für die Ritter des Hosenbandordens, stattet aber auch Richter und Kleriker aus und liefert höfische Kleidung für Teilnehmer der Krönungszeremonien. Der Prinz ist dem überaus traditionsreichen Haus eng verbunden und schrieb sogar ein Vorwort zu dem Buch, das zur Feier des 300 jährigen Jubiläums herausgebracht worden ist. Juristen lassen dort übrigens auch ganz normale Anzüge anfertigen. Bei Ede & Ravenscroft fallen sie noch eine Spur konservativer aus als in der Savile Row.

Als Prinz Charles 2012 von GQ zu einem der bestangezogenen Briten gekürt wurde, nahm er es mit Humor. Es sei gar nicht so lange her, dass er als einer der am schlechtesten angezogenen Männer bezeichnet wurde, scherzte er bei einer Rede in London. Ohnehin hat er vor langer Zeit entschieden, nur seinen eigenen Vorlieben zu folgen: „I stick to what I felt suited me“. Ein kleines bisschen hat es ihn aber bestimmt doch gefreut, dass seine Auffassung von Mode, die so gar nicht modisch ist, am Ende Anerkennung findet. Oder wenigstens Verständnis.

Die erste Anprobe – mit oder ohne Ärmel?

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Erste Anprobe bei Kathrin Emmer in Potsdam (Foto: Erill Fritz)

In den Maßschneidereien dieser Welt herrscht die einhellige Meinung, dass Anproben unerlässlich sind. Selbst bei einem bewährten Schnittmuster würde kein Schneider freiwillig darauf verzichten, zweimal den halbfertigen Anzug am Kunden zu sehen.  Nur ganz ausnahmsweise, z. B. wenn ein Kunde, für den schon häufiger Anzüge gemacht wurde, wirklich nur für eine Anprobe Zeit hat oder aus anderen Gründen Termindruck besteht, werden die üblichen zwei Anproben zu einer zusammengefasst, Diese Anprobe entspricht dann in etwa der sonst üblichen zweiten Anprobe, bei der z. B. schon die Taschen fertig sind. Einige Schneider der Savile Row, die viel Geschäft im Ausland machen, verzichten ebenfalls auf die zweite Anprobe und schicken das Kleidungsstück nach einer Anprobe an den Kunden. Auch Reiseschneider aus Italien lassen die zweite Anprobe gern weg, um Kosten zu sparen. Der Normalfall ist das aber nicht und Kunden sollten aufhorchen, wenn Schneider behaupten, dass sie ab der zweiten Bestellung mit einer Anprobe auskommen.

Die Anproben sind ein wichtigtes Unterscheidungsmerkmal zwischen der Maßschneiderei vom Handwerker und der Maßkonfektion. Einige Maßkonfektionäre bieten zwar auch Anproben an, allerdings ist das Kleidungsstück dann schon viel weiter fortgeschritten und lässt sich nicht mehr so grundlegend ändern, wie das zur ersten Anprobe beim Schneider zusammengeheftete Teil. Abgesehen davon, dass Maßkonfektionsanzüge immer auf bestehenden Konfektionsschnittmustern beruhen, die Position der Taschen oder die Breite der Revers lässt sich deshalb nicht beliebig ändern.

Die Franzosen nennen die Handwerksarbeit „le grand sur-mesure“ und die Maßkonfektion „le sur-mesure industriel“, was den Unterschied gut beschreibt. Auf der einen Seite die „große“ Handwerksarbeit, die auf Deutsch auch als „Vollmaß“ bezeichnet wird, auf der anderen die industriell gefertigte Maßkleidung – die gleichwohl einen hohen Anteil von Handarbeit aufweisen kann. So eindeutig es ist, dass die Anproben die Arbeit des Schneiders klar von der des Maßkonfektionsanbieters unterschieden, so uneins sind die Schneider darüber, wie die erste Anprobe abzulaufen hat. Die Rede ist von den Ärmeln. Sollen sie bei der ersten Probe eingeheftet sein oder nicht? Die einen sind dafür, die anderen dagegen, und eine dritte Fraktion zieht es vor, nur einen der beiden Ärmel einzuheften. Ganz abgesehen von manchen Pariser Schneidern, die für die erste Anprobe noch nicht den vom Kunden georderten Stoff, sondern nur ein neutrales Leinengewebe zuschneiden und zusammenheften.

Betrachten wir zunächst die Methoden der englischen Maßschneider. Hier wird in aller Regel mit beiden Ärmeln probiert, denn zum einen kann der Kunde sich auf diese Weise einen besseren Eindruck von seinem Kleidungsstück verschaffen, und zum anderen muss die Jacke nach der ersten Anprobe ohnehin wieder vollständig auseinander genommen werden. Notwendige Änderungen, wie etwa eine Vergrößerung des Armlochs, zeichnet der Schneider mit Kreide an und setzt sie später um. Das dritte Argument für die Anprobe mit Ärmeln ist die dadurch zu erreichende Zeitersparnis. Sollte zum Beispiel etwas mit der Weite oder der Position des Ärmels nicht stimmen, wird dies jetzt schon und nicht erst bei der zweiten Anprobe auffallen. Dementsprechend kann der geänderte Ärmel bei der zweiten Anprobe gleich mitbegutachtet werden. Auf die Frage, warum seine kontinentalen Kollegen ohne oder nur mit einem Ärmel probieren, antwortete ein Londoner Zuschneider lakonisch: „Vielleicht sind sie zu faul, die Ärmel für die Anprobe einzusetzen.“

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Anprobe bei Simon Skottowe in Budapest. Er beginnt die Anprobe mit eingehefteten Ärmeln und entfernt sie anschließend, um den Sitz des Armlochs zu überprüfen  (Foto: Simon Skottowe)

Dies weisen die solchermaßen verdächtigten Zunftgenossen natürlich weit von sich. So argumentiert ein deutscher Maßschneider: „Es hat keinen Sinn die Ärmel einzusetzen, da ich ja vielleicht noch etwas am Armloch machen muss. Und die Balance kann ich auch ohne Ärmel überprüfen.“ Dies mag zwar richtig sein, doch der Kunde bleibt bei diesem Verfahren auf der Strecke. Schneider, die bei der ersten Anprobe ohne Ärmel arbeiten, sind vermutlich der Auffassung, dass dieser wichtige Termin vor allem für sie selbst gedacht ist. Der Kunde wird erst in der zweiten Stufe einbezogen, deshalb werden auch dann erst die Ärmel eingefügt. Allerdings zeigen sich gerade Neulinge im Maßatelier bei der ersten Anprobe entsetzt über den Anblick des ärmellosen Rohlings und können sich nur schwer vorstellen, dass daraus irgendwann ein elegantes Kleidungsstück werden soll. Die geringe Mehrarbeit, die das Einheften der Ärmel bedeutet, ist also auch eine vertrauensbildende Maßnahme, die sich gerade bei Erstkunden lohnt.

Was wiederum spricht für das Einheften eines Ärmels statt beider? Auch diese Methode hat ihre Anhänger, doch eigentlich lässt sich kaum ein stichhaltiges Argument dafür finden. Entweder verzichtet man aus den genannten Gründen ganz auf die Ärmel, oder aber man heftet beide ein. Zwar ist auch an einem einzelnen Ärmel ablesbar, ob dessen Weite stimmt, doch ob er richtig eingesetzt ist, muss schließlich auf beiden Seiten überprüft werden. Deshalb heißt es auch in der in den dreißiger Jahren in Hannover erschienenen Fachzeitung Die Zuschneidekunst, dass grundsätzlich entweder kein Ärmel oder beide einzuheften sind. Außerdem, so warnt das Blatt, bestehe die Gefahr, dass bei einer Anprobe mit nur einem Ärmel sich das Kleidungsstück nach dieser Seite herüberzieht. Der englische Maßschneider Simon Skottowe, der ein Atelier in Budapest betreibt, macht einen Kompromiss. Er heftet für die erste Anprobe beide Ärmel ein und überprüft dann, wie wie die Ärmel sitzen und ob sie noch gedreht werden müssen. Den Ärmel zu drehen bedeutet, dass er an die Haltung der Arme im entspannt herabhängenden Zustand angepasst wird. Außerdem überprüft Skottowe, der regelmäßig bei dem Wiener Tuchhändler und Herrenausstatter Wilh. Jungmann & Neffe zu Gast ist, die Passform des Ärmels am Bizeps und an den Schultern. Anschließend entfernt er die Ärmel wieder und überprüft die Position des Armlochs.

Rundschau: Münch
Ein Artikel aus der deutschen Schneiderfachzeitschrift Rundschau der Herrenmode, vermutlich aus den 1950er Jahren. In dem Bericht über den Stuttgarter Herrenschneider Fritz Münch wird berichtet, dass dort nur eine Anprobe stattfand, was ca. 15 Arbeitsstunden gespart.

Wie oben erwähnt, gehen manche Pariser Schneider einen ganz anderen Weg. Sie übertragen das Schnittmuster vom Papier nicht gleich auf den gewünschten Stoff, sondern auf ein neutrales Leinengewebe (toile), das sie anschließend zuschneiden zusammenheften. Eine Methode, nach der übrigens auch die Haute-Couture-Schneider bei der Modellentwicklung sowie einige Hemdenmacher arbeiten. Für diese Technik spricht, dass man bei Kunden mit sehr schwierigen Figuren das Schnittmuster nach der Anprobe sehr stark abändern kann, ohne den Musterverlauf des Originalstoffs zu beeinträchtigen oder ihn gar zu verschneiden. Allerdings fällt die „toile“ natürlich etwas anders als der Anzugstoff, insofern sind spätere Anpassungen auch bei diesem Verfahren notwendig. Sicherlich liefert die Anprobe eines Prototyps aus neutralem Stoff dem Zuschneider wertvolle Erkenntnisse, doch nicht jeder Kunde ist bereit, deshalb länger auf seinen Anzug zu warten. Darüber hinaus erhöht dieser Zwischenschritt auch die Kosten. Mit „toile“ arbeiten hierzuande viele Damenschneider, doch auch Herrenschneider verwenden diese Methode gelegentlich, z. B. Carlo Jösch in Köln.

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Jacken fertig zur Anprobe bei dem Wiener Herrenschneider Michael Possanner. Die erste Anprobe macht er nach österreichischer Tradition ohne Ärmel (Foto: Bernhard Roetzel)

 

Zur Arbeitsweise der deutschen Maßschneider gehört die sogenannte Stecknadelprobe. Hierbei wird das geheftete Kleidungsstück direkt am Kunden aufgetrennt und wieder neu zusammengesteckt. Der zukünftige Besitzer des Maßanzugs zieht zunächst die vorbereitete Jacke an. Anhand der durch Einschlagstiche markierten Querzeichen schließt der Zuschneider die Vorderteile mit Stecknadeln. Nun werden Ärmellänge und Schulterbreite kontrolliert. Anschließend entfernt der Zuschneider die Ärmel und den Oberkragen, indem er – je nach seinem persönlichen Stil – die Heftnähte mit der Schere auftrennt oder die Einzelteile mit Schwung herunterreißt. Nun geht er daran, die Balance zu überprüfen und gegebenenfalls zu verbessern. Dazu wird die Schulternaht aufgetrennt und das Vorderteil so lange der Körperkontur angepasst, bis das gewünschte Ergebnis erreicht ist. Die Einlage im Schulterbereich wird ebenfalls optimiert. Nun wird das Rückenteil am Körper hochgestrichen und überschüssiger Stoff abgesteckt. Wenn die Schulter fertig ist, begutachtet der Zuschneider noch einmal den Rücken und die Seiten, um sie notfalls ebenfalls zu öffnen und neu festzustecken. Ist dies getan, wird der Kragen wieder fixiert. Heinz-Josef Radermacher in Düsseldorf arbeitet so, oder Volkmar Arnulf in Potsdam.

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Anprobe einer Anzugjacke bei der Sartoria Diletto aus Mailand. Die Ärmel werden dort bei der ersten Anprobe entfernt (Foto: Erill Fritz)

 

Es herrschen unterschiedliche Auffassungen darüber, ob die Stecknadelprobe Sinn macht oder eher überflüssig ist, allerdings wäre es ungerecht, ihren Anhängern Effekthascherei oder gar mangelnde Sicherheit im Zuschnitt zu unterstellen. Genauso wenig trifft es zu, dass allein die Stecknadelprobe ein perfektes Ergebnis garantiert, denn diese Behauptung würde implizieren, dass die Verfechter der Kreideprobe weniger vollkommene Anzüge liefern. Nadel und Kreide sollten als zwei unterschiedliche Wege zum gleichen Ziel gesehen werden. Im Allgemeinen wird ein erfahrener und talentierter Zuschneider bei der ersten Anprobe aber ohnehin schon ein recht gut passendes Kleidungsstück präsentieren. Lediglich bei sehr schwierigen Figuren oder starken Gewichtsveränderungen kann es gerechtfertigt sein, eine Jacke am Körper aufzutrennen und neu zusammenzustecken. So oder so sollte der Kunde jedoch die Arbeitsmethoden der verschiedenen Schneidertraditionen respektieren. Welche Vorgehensweise ihm am meisten zusagt, hängt letztlich auch davon ab, in welcher dieser Traditionen er sich stilistisch am besten aufgehoben fühlt.