Widersinnige Kombinationen

 

 

 

Immer wieder fragen mich Leser und Journalisten nach Stilfehlern und Modesünden. Unschön sind 1. schlechte Passform, 2. Kleidung, die nicht zum Anlass passt und 3. ungünstige oder unkorrekte Kombinationen von Farben, Mustern und Materialien. Und dann gibt es auch noch die widersinnigen Kombinationen. Hier meine Favoriten:

  1. Gürtel und Hosenträger

    Die berühmteste und zugleich häufigste Kombination dieser Kategorie entsteht dann, wenn man Hosen gleichzeitig von einem Gürtel und Hosenträgern halten lässt. Man sieht die doppelt gegen das Herunterutschen gesicherte Hose relativ häufig, Gürtel und Hosenträger gelten dennoch als die widersinnige Kombination schlechthin.

  2. Panamahut und Regenmantel

    Sonnenschutz und Regenschutz wollen irgendwie nicht zusammenpassen. Es ist zwar nicht auszuschließen, dass sich Sonne und Regen schnell abwechseln und man gegen Sonne und Regen geschützt sein möchte, trotzdem sollte man Panama und Regenmantel nicht gleichzeitig tragen.

  3. Wachsjacke und Regenschirm

    An Regentagen in der Stadt sieht man häufiger Spaziergänger in englischen Wachsjacken, die einen aufgespannten Regenschirm tragen. Praktischer und stimmiger wäre es, den Kopf mit Hut oder Mütze gegen den Regen zu schützen. Zumal die Wachsjacke für Aktivität in der Natur steht, ein Regenschirm passt dazu ebenso wenig wie ein Zylinderhut.

  4. Smoking und Brogues

    Obwohl eigentlich bekannt ist, dass man zum Smoking spezielle Abendschuhe tragen sollte, z. B. Lackoxfords oder Escarpins mit Seidenschleife, sieht man immer wieder Herren, die in schwarzen „Straßenschuhen“ beim Black-Tie-Event antreten. Ein Oxford mit Kappe gilt als gute Notlösung, vorausgesetzt, er wurde auf Glanz poliert. Ein Brogue wäre hingegen nicht korrekt, da er ein reiner Tagesschuh ist.

  5. Buttondownhemd mit Klappmanschetten

    Man sieht die Kombination aus Buttondownkragen und Klappmanschetten gar nicht so selten und ich möchte sie auch niemandem ausreden, dennoch würde ich sie als widersinnig bezeichnen. Der Buttonkragen ist erstens ein weicher Kragen, der von Anbeginn an mit weichen Knopfmanschetten kombiniert worden ist. Klappmanschetten stehen dagegen für Förmlichkeit.

  6. Dufflecoat und Fedora

    Von anderen Mantelklassikern unterscheidet sich der Dufflecoat durch die Kapuze. Bei der britischen Marine wurde der Dufflecoat getragen, die Kapuze schützte die Männer gegen Wind und Regen. Da die Kapuze weit geschnitten war, passte sie über eine Strick- eine Kapitansmütze.  Einen Hut zum Dufflecoat zu kombinieren, dessen Krempe nicht unter die Kapuze passt, ist hingegen widersinnig.

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Die neuen Regenten

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Philippe E. Brenninkmeijer und Andreas M. Meier haben im Herbst 2016 die Anzugmanufaktur Regent übernommen. Die beiden haben viel mehr vor, als das einstige Flaggschiff der deutschen Konfektion wieder flott zu machen. Sie möchten ein Stück Kultur bewahren und eine neue Generation für ihre Philosophie des „Comfortable Luxury“ begeistern. 

BR: Wer von Ihnen hatte zuerst die Idee, Regent zu kaufen?

AM: Ich. Das war schon vor mehreren Jahren. Da hatte ich mit Philippe in Eichstätt bei mir zu Hause zusammengesessen und ihm erzählt, dass Regent in der Insolvenz ist.

BR: Wieso war das ein Thema für Sie?

PM: Wir hatten beide in den letzten Jahren immer wieder Kontakt über die sartoriale Schiene.

AMM: So haben wir uns auch kennengelernt. Das war vor zehn Jahren bei einer Veranstaltung meiner Alma Mater. Im Gespräch mit einer gemeinsamen Freundin haben wir schnell festgestellt, dass wir beide das handwerklich hergestellte Schneiderprodukt lieben. Daraus ist unsere Freundschaft entstanden.

PB: Da wir beide auch Kunden von Regent waren haben wir uns immer wieder über dieses Unternehmen ausgetauscht. Im letzten Herbst erzählte mir dann Andreas, dass Regent erneut in der Insolvenz ist. Wir hatten schon seit längerem überlegt, Regent zu übernehmen. Aber wir beide waren beruflich fest eingebunden und hatten keine Zeit. Und letzten Herbst war ich noch in London. Da war ich auch sehr glücklich, habe mich dann aber doch entschieden, ich will wieder nach Hause. Wir haben wir uns das Ganze erstmal genauer angesehen. Vier Wochen später sind wir nach Weißenburg gefahren und haben das Unternehmen übernommen.

BR: Gibt es Leute in Ihrem Umfeld, die Sie für verrückt erklärt haben?

PB: Bei mir nicht. Aber bei Dir schon, Andreas. Oder?

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Andreas Martin Meier beim Interview in Weißenburg (Foto: Jan Hemmerich)

AMM: Ja, einige fanden das verrückt. Aber auch konsequent von meiner Person her. Meine Entscheidung war für einige also verrückt aber nachvollziehbar.

PB: Eins ist klar, das ist ein schwieriges und anspruchsvolles Unterfangen. Da wir aber etwas für den Standort Deutschland tun, statt immer nur ins Ausland zu verlagern, war die Resonanz in meinem Umfeld durchweg positiv. Das kommt sehr gut an.

BR: Regent galt als der deutsche Brioni. Was unterscheidet Regent von Brioni und anderen Mitbewerbern aus Italien?

PB: Wir machen bei Regent ein anderes Produkt. Es ist weniger verspielt. Es ist mehr nördlich und passt besser zu dem hiesigen Markt. Und gerade dadurch, dass unser Unternehmen kleiner ist, können wir sehr gut auf die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden eingehen. Bei uns ist eben ganz klar, wo was hergestellt wird. Ich erwähne das nicht in Bezug auf einen bestimmten Mitbewerber. Bei uns kommt alles aus Weißenburg und das sagen wir auch offen. Es kann jeder vorbeikommen und sich das anschauen. Er wird feststellen, dass wirklich alles bei uns genäht wird. Das ist in dieser Industrie sehr selten.

BR: Regent ist seit 1946 in Weißenburg ansässig. Haben sich da eigene Fertigungsmethoden entwickelt? Wird bei Regent anders genäht? Oder sind das alles die gleichen Abläufe, wie bei anderen Manufakturen in Italien oder England?

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Philippe E. Brenninkmeijer im Nähsaal von Regent – natürlich in einem Anzug aus seiner Manufaktur (Foto: Jan Hemmerich)

PB: Das Nähen ist gleich. Das passiert mit einer Nadel, zwei Händen und dem Stoff. Wir versuchen allerdings, einen eigenen Hausstil zu kreieren. Daran arbeiten wir gerade sehr hart. Wir schauen natürlich, was die Italiener und die Engländer machen. Aber wir suchen einen Mittelweg. Die Neapolitaner machen einen sehr schönen Anzug, der ist nur nicht für jedermann geeignet. Die Verspieltheit, das Verschnörkelte ist für manche Kunden schwierig. Bei den Engländern ist dagegen die Verarbeitung mit festeren Einlagen und stärkerer Schulterpolsterung typisch, die wollen die Kunden hier eigentlich gar nicht. Wir nehmen die Leichtigkeit, die wir in Italien finden und paaren sie mit gewissen Schnitten und Stoffen aus England. Wir glauben, dass das einen sehr ansprechenden und zeitgemäßen Stil ergibt.

BR: Was heißt denn zeitgemäß?

PB: Wir sehen heute zum einen die Kunden, die Anzug tragen müssen, die wollen ein klassischeres Teil. Dann haben wir aber Kunden, die tragen ein Sakko, weil sie das möchten und weil sie sich das wert sind. In beiden Fällen muss das Kleidungsstück aber bequem sein und Komfort bieten und das ist genau das, was die Neuausrichtung von Regent ausmacht.

BR: Wie alt sind Sie beide jetzt?

AMM: Ich bin 31.

PB: Ich bin 33.

BR: In anderen Ländern ist es normal, dass man in diesem Alter als Unternehmer Verantwortung trägt. Für deutsche Verhältnisse sind Sie relativ jung. Werden Sie darauf angesprochen oder merken Sie das in irgendeiner Weise?

AMM: Ich merke das nicht. Wir glauben, dass man Regent wie ein 70 Jahre altes Start-Up führen muss. Wenn jemand gekommen wäre, der Mitte 50 ist, dann hätte das eine Perspektive von zehn oder 15 Jahren eröffnet. Das hätte man am Markt viel kritischer gesehen, als wenn zwei in unserem Alter kommen. Und Philippe ist ein ausgewiesener Branchenexperte. Ich habe mir im Unternehmen meiner Familie auch schon ein paar Sporen verdient. Wenn ich die Jungs in den Berliner Start-Ups sehe, dann sind die auch nicht älter. Ich glaube, dass das Unternehmen diesen frischen Wind braucht.

PB: Wir haben beide in den letzten Jahren bei einigen Firmen gearbeitet. Ein Turnaround, wie er jetzt bei Regent gefordert ist, ist mir bereits bei meiner Tätigkeit als Geschäftsführer von Huntsman gelungen. Das gibt einem ein gewisses Selbstvertrauen. Wir wollen als Geschäftsführer dicht an unseren Mitarbeitern sein und mit ihnen zusammen den Weg gehen. Das hierarchische Denken halten wir für veraltet, weil es Mauern aufbaut. Die wichtigste Kompetenz, die wir besitzen, ist die unserer Mitarbeiter und Kollegen. Diese Kompetenz wollen wir nutzen und die Menschen in die Entscheidungen mit einzubeziehen. Wenn wir z. B. ein Problem mit einer Einlage haben, dann muss ich ein Vertrauensverhältnis zu der Kollegin haben, die als Expertin in dem Bereich arbeitet. Sie kann mir besser als jeder andere sagen, woher die Probleme kommen. Dazu muss ich eine professionelle Beziehung aufbauen. So schaffe ich aber auch Vertrauen. Als ich in Weißenburg ankam, habe ich allen erstmal das Du angeboten. Und ich habe gesagt: Der Karren ist im Dreck, dafür sind wir nicht verantwortlich und auch nicht die Mitarbeiter, sondern die vorangegangenen Managements. Wir wollen den Karren jetzt da rausziehen und das geht nur gemeinsam. Distanzierte Umgangsformen führen da nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Das war für die Kollegen neu, es verbessert aber das Produkt. Wir kriegen viel mehr Feedback, wenn was nicht läuft.

BR: Sie sind immer im Unternehmen präsent, wenn nicht gerade Reisen nötig sind?

AMM: Ich kümmere mich um den finanziellen Part, das kann ich überall in der Welt machen. Überwiegend arbeite ich von Eichstätt aus, das liegt 15 Minuten von hier. Einmal die Woche komme ich in mein Büro in Weißenburg.

PB: Mich treffen Sie fast immer hier an.

BR: Regent war immer ein typisches Produkt für den Herrenausstatter. Deren Zahl geht immer mehr zurück, wie wollen Sie neue Kunden finden und die alten Kunden zurückgewinnen?

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Impressionen aus der Anzugmanufaktur. Die Bilder sind nach Feierabend entstanden, deshalb waren keine Schneider mehr anwesend (Fotos: Jan Hemmerich)

PB: Es gibt noch Einzelhändler, die sehr erfolgreich sind, weil sie persönlichen Service bieten. Da kennen die Inhaber und die Mitarbeiter das Produkt und wissen, wofür Regent steht und können es durch persönliche Beratung gut verkaufen. Dadurch setzen sie sich auch vom Online-Geschäft ab. Auf diese Einzelhändler wollen wir weiter setzen. Wir haben aber auch das Produkt weiterentwickelt. Wir bieten jetzt zwei Linien an. Die eine ist die handgefertigte, die heißt „Phönix“. Sie ist das Handmade-Produkt, wie wir es von Regent kennen. Zusätzlich haben wir eine Linie entwickelt, die wir „Pionier“ nennen. Diese folgt der Prämisse: „Dort, wo die Handarbeit nicht objektiv wichtig ist, wird sie durch eine Maschine ersetzt“.

BR: Zu Beispiel?

PB: Bei den Knopflöchern. Es ist wunderschön, wie die mit Herz und Seele von Hand genäht werden. Es gibt aber viele Kunden, die dafür gar kein Verständnis haben. Die zahlen einen Aufpreis für etwas, das sie gar nicht schätzen. Das, was für diesen Kunden nur subjektiv wichtig ist, lassen wir weg. Das macht dann einen Preisunterschied von gut 600 Euro. Unser Kunde trägt den Anzug von Regent, weil er dessen Vorteile schätzt, er braucht nicht den Markennamen. Das ist eine gewisse Selbstverständlichkeit des Luxus. Den Komfort habe ich eben schon erwähnt. Der war in den 1980ern nicht so wichtig, heute will der Kunde ihn aber. Und auch eine gewisse Lässigkeit. Deswegen sprechen wir von „Comfortable Luxury“.

BR: Herr Meier, wie kriegen Sie es finanziell hin, ein handgefertigtes Produkt in Deutschland zu fertigen, das dann preislich unter dem der Mitbewerber aus Italien liegt? Ich rede jetzt wohlgemerkt von der handgemachten Linie. Deutschland gilt doch als extrem teurer Standort.

AMM: Wir haben den Produktionsprozess sehr genau untersucht. Nicht nur, als wir die neue Produktlinie spezifiziert und entwickelt haben – auch darüber hinaus. Darin spiegelt sich unsere Start-Up-Mentalität wieder. Alles wird hinterfragt und überprüft. Seit 40 Jahren wird etwas in einer bestimmten Weise gemacht. Ist das aber noch zeitgemäß? Und wofür ist der Kunde noch bereit, Geld auszugeben? Da geht es um Produktionsminuten. Wir gehen da eben anders ran, als die Italiener, eher mit einem deutschen Ingenieurdenken. Wir sind auch etwas technischer orientiert und weniger romantisch. Wir müssen die Marke Regent entstauben und neu aufbauen. Dazu gehört immer, dass wir in Deutschland fertigen, aber auch den Preis sehr scharf kalkulieren.

PB: Viele Mitbewerber investieren sehr viel Geld in das Marketing. Wir stecken das Geld lieber in das Produkt, statt in teure Visitenkarten oder kostspielige Testimonials. Was hat der Kunde davon, wenn ein Hollywoodstar unseren Anzug trägt? Wir machen lieber das Produkt besser und den Preis attraktiver. Pionier geht von der Stange bei 1200 Euro los, die handgemachte Phönix-Linie bei 1800 Euro.

BR: Die Ready-to-wear es weiterhin geben? Für den Kunden, der nicht auf die Maßanfertigung warten will?

PB: Oder sie nicht braucht. Ich glaube, dass wir immer Ready-to-wear anbieten werden. Weil der Kunde darüber das Produkt kennenlernen und verstehen kann. Aber natürlich wird Maß stark nachgefragt, weil man sich durch Individualität von der Masse abgrenzen kann. Da sehen wir ein starkes Wachstum. Wir brauchen beides.

BR: Herr Meier, Herr Brenninkmeijer was ist für Sie das perfekte Wochenende? Wie entspannen Sie?

AMM: Zwei Tage bevor wir uns hier der Belegschaft vorgestellt haben, hat meine Frau unser erstes Kind geboren. Das heißt, es waren plötzlich zwei Babys da, wenn ich Regent auch als Baby bezeichnen darf. Für mich ist es einfach schön, wenn ich am Wochenende dem Kleinen beim Wachsen und beim Lernen zusehen kann.

PB: Meine Verlobte und ich gehen am Wochenende gern auf dem Markt einkaufen, regionale Produkte, auf dem Viktualienmarkt oder hier bei uns. Dann kochen wir zusammen, laden Freunde ein, das machen wir sehr gern. Und Sonntag machen wir immer einen großen Spaziergang mit unserer Dackeldame. Ansonsten lese ich gern und beschäftige mich mit Geschichte.

Maßschneider Markus Schnurr, Teil 1

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Ich kenne den Herrenschneidermeister Markus Schnurr seit etwa 15 Jahren. Das erste Mal habe ich ihn getroffen, als er an einem Seminar für Herrenschneider teilgenommen hat, das ich zusammen mit dem Londoner „bespoke tailor“ John Coggin für Fachkreise veranstaltet habe. John Coggin war einer der beiden Inhaber von Tobias Tailors in der Savile Row gewesen. Zusammen mit seinem Partner John Davis hatte er dort von 1998 bis 2003 für mich gearbeitet. Bei dem Seminar ging es um die Arbeitsweise der Zuschneider und „coat maker“ in der Savile Row.

Seit dieser Zeit waren Markus Schnurr und ich per E-Mail in Kontakt und haben uns hin und wieder in München getroffen. Markus Schnurrs Vorliebe für traditionelle Herrenschneiderei konnte ich an seinen Posts bei Instagram ablesen. Übrigens hatten auch Carlo Jösch sowie die beiden Wiener Schneider Thomas Netousek und Zoltan Roeszler an diesem Seminar teilgenommen. Alle drei arbeiten heute erfolgreich als selbstständige „bespoke tailors.“ Carlo Jösch in Köln, Netousek in Wien im familieneigenen Betrieb, Roeszler im neugegründeten Atelier in der Wiener Herrengasse. Zoltan Roeszler ist gebürtiger Ungar, ihm war bei dem Seminar aufgefallen, dass John Coggin die Einlagen nach ungarischer Manier verarbeitet. Die überraschende Erklärung war, dass John Anfang der 1960er Jahre bei Anderson & Sheppard einen Exil-Ungarn als Lehrmeister für das „coatmaking“ hatte.

Markus Schnurr ist Jahrgang 1978 und seit 2003 Herrenschneidermeister. Von 2014 an hat er drei Jahre lang in München bei Max Dietl gearbeitet, immer noch Deutschlands renommiertestem Herrenschneider und Couturehaus. 2017 hat Markus Schnurr die alteingesessene Maßschneiderei von Herbert Martin in seiner Heimatstadt Offenburg übernommen. Die noch vorhandenen Kunden freuen sich über den jungen Nachfolger, Markus Schnurr versucht aber auch über die Region hinaus bekannt zu werden und ist deshalb bereit, zu Kunden zu reisen. Auch für mich hat er sich auf den Weg gemacht, zum Maßnehmen haben wir uns in Tübingen getroffen. Ich hatte an dem Abend noch einen Vortrag zu halten und er kam vorher zu mir in das Hotelzimmer in der verwinkelten Altstadt. In einem Werkzeugkoffer hatte er Maßbänder, Scheren, Garn, Nadeln und andere Utensilien dabei, außerdem Musterbündel mit Futterstoffen, so auch die von mir bevorzugten Satins von Dugdale’s. Die Oberstoffe hatte ich in meiner Reisetasche mitgebracht, da ich sie vorher schon bei Draper’s und Vitale Barberis Canonico bestellt hatte.

Markus Schnurr arbeitet schnell und ohne viel Geplauder. Manche Herrenschneider sind sehr gesprächig, vor allem solche, die allein arbeiten und viel für sich sind in der Werkstatt. Markus Schnurr ist eher der zurückhaltende Typ, er hat aber durchaus Humor. Beim Maßnehmen fiel mir nichts besonderes auf. Wie die meisten deutschen Herrenschneider begann er mit der Körpergröße. Er verwendet keinen Taillengurt, um von dort ausgehend den Rücken zu vermessen und die Schulterhöhen zu ermitteln und er klemmt dem Kunden auch kein Lineal oder Buch unter den Arm, um die Armlochhöhe zu messen. Er wirkt konzentriert und misst genau. Bei anderen Schneidern sieht man schon daran, wie sie das Maßband halten, dass die Messergebnisse niemals auf den cm genau stimmen können. Was allerdings auch nicht dramatisch ist. Maßschneiderei ist keine wirklich exakte Angelegenheit. Jedenfalls nicht bis zur ersten Anprobe.

Ich trug einen handgemachten Maßkonfektions-Anzug von Cove & Co., der mir gut gefällt. Er hat eingeschobene Ärmel im neapolitanischen Stil und ist insgesamt sehr weich verarbeitet. Auch die Hosen dieses Anzugs gefallen mir so gut, dass sie Markus Schnurr als Referenz dienen konnten. Ich trage die Hosen im Moment mit hohem Bund und, wie fast immer bei Anzügen, mit „forward pleats“, Seitenschnallen und Knöpfen für Hosenträger. Cove hatte sie erst im zweiten Anlauf in der gewünschten Höhe hinbekommen. Die jungen Schneider wollen meistens nicht glauben, dass die Hosen wirklich diese Leibhöhe haben sollen. Ich bestellte bei Markus Schnurr ein einreihiges Sakko aus grünem Flanell mit Pattentaschen, Billetttasche und Seitenschlitzen, sowie einen zweireihigen Anzug aus kariertem Stoff. Für das grüne Sakko wählte ich ein kirschrotes Futter, für den Anzug einen Satin in „RAF blue.“ Ansonsten machte ich wenig Vorgaben. Bei der Gestaltung der Details lasse ich dem Schneider grundsätzlich viel Freiheit, ich bin nicht einer von den Kunden, die dem Handwerker am liebsten noch die Position der Crochetnaht bis auf den mm genau vorgeben möchten.

Die erste Anprobe fand nicht bei Markus Schnurr statt, wir trafen uns stattdessen wieder auf der Reise, dieses Mal bei einem Bekannten in Stuttgart. Für die Anprobe des Sakkos hatte Markus Schnurr die Ärmel eingeheftet, er nahm sie aber während der Anprobe heraus, um die Form des Armlochs zu korrigieren und die Achsel neu zu stecken. Die Ärmel der grünen Jacke hatte er schon aus dem endgültigen Stoff zugeschnitten, da der Stoff kein Muster hat. Der Doppelreiher ist kariert, bei ihm fand die Anprobe ohne Ärmel statt. Für die zweite Anprobe wird Markus Schnurr Ärmel aus neutralem Stoff zuschneiden und noch nicht aus dem karierten Stoff. Warum? Der Maßschneider markiert bei der Anprobe die Armhaltung, wenn sich bei der nächsten Anprobe dabei noch Änderungen ergeben, würde bei einem karierten Stoff das Muster nicht mehr korrekt vom Rumpf auf die Ärmel verlaufen.

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Die erste Anprobe findet vor allem für den Schneider statt und das meiste, was er dabei markiert oder ändert, wird von ihm nicht kommentiert. Es ist eine Sache, unter den Augen des Kunden arbeiten zu müssen, eine andere, die Verbesserungen mit ihm in allen Einzelheiten zu bereden. Beide Teile gefielen mir auf Anhieb gut. Ich hatte ja nicht viel zum gewünschten Stil gesagt und als Inspiration für den Einreiher lediglich das Foto eines Sakkos des Wiener Herrenschneiders Michael Possanner gezeigt. Beim Einreiher bat ich Markus Schnurr, das Fasson zu verbreitern. Außerdem habe ich mir etwas größere Patten an den Taschen gewünscht. Auch der Gesamtlänge wurden anderthalb cm zugegeben.

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Beim Zweireiher wünschte ich mir minimale Korrekturen bei Form und Breite der Fassons, außerdem zeichnete ich selbst die exakte Position der äußeren Brusttasche an. Aus mir unbekannten Gründen werden Brusttaschen heutzutage oftmals sehr hoch angesetzt, was mir aber nicht gefällt. Die Brusttaschen hat Markus Schnurr nach der Anprobe leicht geschwungen gearbeitet. Nicht, um die neapolitanische Bötchen-Form zu imitieren, vielmehr nach Art seines Offenburger Vorgängers. Die Hosen waren exakt nach Wunsch geschnitten, also als hoch sitzende“Spitzbundhose.“ Hier gab es von mir keine Änderungswünsche. Beide Jacken sind sehr leicht gearbeitet und waren kaum spürbar. Die Schultern sind kaum gepolstert, das Tragegefühl ist norditalienisch.

Die zweite Anprobe findet Anfang März statt, danach folgt Teil 2 meines Erfahrungsberichts.

Fotos: Martin Smolka

Schuhe und Kleidung kombinieren, letzter Teil

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Braune oder schwarze Schuhe zum Blazer? Die Antwort hängt vom Anlass ab (Foto: Jan Hemmerich bei Ed. Meier in München)

Zur Stadtkleidung gehören auch die drei klassischen formalen Outfits Cut, Smoking und Frack. Der Cut wird am Tage getragen, wenn es sehr feierlich zugeht. Hochzeit oder Taufe sind familiäre Standardsituationen für den Cut. Dazu kommen offizielle Anläße wie diplomatische Empfänge, Staatsbegräbnisse oder Ordensverleihungen – wohlgemerkt, wenn sie am Tage stattfinden. Als Schuh sollte immer der glatte, schwarze Oxford gewählt werden. Er ist bei wirklich ernsten Anläßen ein Muß. Bei Hochzeiten werden auch Monkstraps oder sogar Loafer getragen. Auf keinen Fall wird zum Cut aber ein Brogue getragen oder gar ein brauner Schuh. Der Cut ist nämlich ursprünglich ein Outfit für die Stadt. Selbst wenn also die Hochzeit auf dem Lande stattfindet, ist nur der schwarze Schuh akzeptabel.

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Smoking aus schwarzem Leinen von Robert Vogdt in Berlin.

Der Smoking ist der Anzug für den Abend. Ausschließlich dafür wurde er entworfen und seine Farbe ist Schwarz oder Mitternachtsblau. Zwei Fehler sollten im Zusammenhang mit dem Smoking unbedingt vermieden werden. Erstens: Ein Smoking aus einer anderen als den erwähnten Farben. Weinrot, Violett oder Petrol sind schlicht und einfach verkehrt. Einzige Ausnahme ist das sogenannte Dinnerjacket, das auf See oder unter freiem Himmel die schwarze Jacke ersetzt. Der zweite beliebte Fehler ist die farbige oder gar weiße Schleife. Zum Smoking wird immer und ausschließlich eine schwarze Schleife getragen. Dazu gehören Abenschuhe aus Lack- oder auf Hochglanz poliertem Kalbsleder z. B. ein Oxford ohne Kappe oder ein Pumps. Letzterer wird auch zum Frack getragen werden. Damit sind wir bei dem letzten der drei formalen Outfits, dem Frack. Zu ihm wird ausschließlich eine weiße Schleife getragen, die schwarze Schleife trägt nur das Service-Personal. Der Schuh zum Frack ist im Idealfall der eben erwähnte Pumps aus Lackleder, auf Englisch heißt er Court Shoe. Bei allen drei förmlichen Anzugarten wird der schwarze Kniestrumpf getragen. Beim Cut ist er aus dünner Wolle, Baumwolle oder Seide. Zum Smoking und Frack wären Seidenstrümpfe angebracht. Wer keine Abendschuhe besitzt, kann einen spiegelblank polierten Oxford zum Smoking tragen.

An die eben besprochenen Grundregeln für Business- und Freizeitoutfits sowie für feierliche Anlässe halten sich meist auch jene, die ihre Kleidung nach ästhetischen Kriterien auswählen. Sei es, dass sie nicht unangenehm auffallen wollen, sei es, dass ihnen die überlieferte Kombination auch als die ästhetisch befriedigenste erscheint. Dennoch haben sich gewisse Abweichungen von den Normen klassischer Kleidung fest etabliert. Dabei hat Italien in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine Vorreiterrolle übernommen und gewisse Kombinationen aus Farben, Stoffen und vor allem Schuhen weltweit populär gemacht. Aus dem Umfeld dieses Aufsatzes ergibt sich, dass wir uns dabei vor allem den Looks im Bereich Schuhe zuwenden. Hier ist die Vorliebe für den braunen Schuh zum Businessanzug als die wohl wichtigste italienische Eigenart zu nennen. Der stilvolle Norditaliener wählt zu seinem anthrazitgraunen Anzug aus leichtester Schurwolle in aller Regel einen braunen Schuh aus Glatt- oder Rauhleder.

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Zum dunklen Anzug: Raulederbrogue von Ed. Meier München 

Die Italiener haben damit nichts Neues erfunden. Sie haben lediglich das, was schon seit den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts vornehmlich als Freizeitoutfit getragen wurde, für den Businessanzug übernommen. Und tatsächlich spricht einiges für den braunen Schuh zum dunklen Anzug. Erstens sieht Braun zu Grau- oder Blautönen sowie vielen klassischen Dessins sehr gut aus. Zweitens bietet der braune Schuh die Möglichkeit der individuellen Patinierung. So kann durch die richtige Anwendung von Wachspaste dem hellbraunen Schuh eine spezielle Tönung gegeben werden. Ein nicht schon vom Hersteller mit einem Antik-Finish versehener Schuh kann also indivuell eingefärbt werden oder aber auch weitgehend in seinem Originalzustand erhalten bleiben. Alternativ kann man aus einer großen Zahl vorab patinierter Schuhe auswählen, mit denen viele Hersteller gerade in Italien äußerst erfolgreich sind.

Wer sich für den braunen Schuh zum dunklen Business-Outfit entscheidet, kann unter mehreren klassischen Kombinationen wählen. Zum einen gibt es die eben schon erwähnte aus dunkelgrauem Anzug und dunkelbraunen Schuhen. Dabei wird meist ein Brogue gewählt. Ebenso beliebt ist er zur grauen Flanellhose und Sportjacke oder blauem Blazer. Letzteres ist in Frankreich, Italien und Spanien ein nach wie vor äußerst beliebter Look. Zur grauen Hose und blauen Jacke wird dabei gern auch der sehr helle Brogue gewählt. Diese Kombination ist zwar nicht mehr wie noch in den Achtzigern der Look der wirklichen Insider, sie hat sich dafür aber rund um das Mittelmeer im stilistischen Mainstream fest etabliert.

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Zum hellen Sommeranzug oder mittelgrauem Flanell: Honigfarbene Oxfords.

Wer seine Kleidung nach ästethischen Kriterien kombiniert, sollte nicht nur die Farbe im Auge behalten. Die Wechselwirkung zwischen der Oberflächenstruktur von Schuh und Textilien ist mindestens ebenso wichtig. Dazu ein paar Beispiele. Zu einem Anzug aus einem schweren und wolligen Stoff sollten Schuhe gewählt werden, deren Oberfläche ähnlich stark strukturiert ist. Dies wäre zum einen bei Rauhleder der Fall, dessen Oberfläche der des Wollstoffs ähnelt. Ein Glattleder kann dann passen, wenn seine eigentich ebenmäßige Außenseite durch Nähte und Lochungen Struktur bekommt. Zu einem Glencheck-Anzug aus einer schweren Winterware könnte also ein Loafer aus Rauhleder gwählt werden. Zu dem gleichen Anzug würde aber auch der schwarze Fullbrogue aus Kalbsleder passen. Die eigentlich glatte Oberfläche des Materials würde durch Zierstepperei und Lochung optisch „aufgerauht“, wodurch es besser zum wolligen und stark gemusterten Anzugstoff paßt.

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Leichte Anzugstoffe von Hardy Minnis – braune Schuhe würden zu jeder Farbvariante passen.

Wenn man die beiden Kombinationsmöglichkeiten mit Hilfe der vorgestellten Kriterien analysiert, dann wären Glencheck und Rauhleder entweder die Wahl des Briten für ein sportliches Wochenendoutfit oder die eines Italieners für das Business-Lunch in der Stadt. Ein Glencheck-Anzug mit schwarzem Fullbrogue ist in den USA ein Business-Klassiker, in Großbritannien dagegen eher eine Seltenheit. Denn dort gilt Glencheck – oder wie man dort sagt Prince-of-Wales-Check – als definitiv sportliches Dessin. In der Stadt – also mit schwarzem Schuh – würden es vielleicht Kunsthändler oder Intellektuelle tragen. Bei den Brokern der Londoner City wäre ein Glencheck-Anzug dagegen absolut deplatziert. Es ist ersichtlich, dass eine bestimmte Kombination aus Oberbekleidung und Schuh sehr unterschiedliche Bedeutungen haben kann.

Wenn wir also Schuhe mit der übrigen Kleidung kombinieren, dann tun wir dies entweder im Einklang mit überlieferten Normen oder aber nach selbst kreierten oder lediglich gelernten ästethischen Kritierien. In beiden Fällen entsteht mit der Wahl eines Schuhs in den allermeisten Fällen ein Look mit einer ganz bestimmten Aussage. Ob die Aussage mit dem übereinstimmt, was wir mit der Kombination aus Schuh und Kleidung erreichen wollten, ist eine andere Frage. Ein einreihiger dunkelblauer Anzug mit einem orangefarbenen Gitterkaro könnte zum Beispiel mit einem Rauhlederschuh in genau dem Farbton des Überkaros kombiniert werden. Das Ergebnis wäre ästhetisch sicherlich befriedigend. Ob man damit richtig angezogen ist, hängt von den Umständen ab.

Beim Meeting mit Bankern in Frankfurt könnte das Outfit zum Beispiel Verwunderung erzeugen und den Träger bei den Finanzexperten in ein unseriöses Licht setzen. Wenn die beschriebene Kombination aus Anzug und Schuh beim Zusammentreffen mit einem Redakteur der italienischen Ausgabe eines bekannten Männermodemagazins getragen würde, könnten wir dagegen mit Anerkennung rechnen. Bei einem Vorstellungsgespräch mit einem Headhunter, der eine Stelle in der Londoner City zu besetzen hat, wäre die Wirkung dieses Outfits wiederum desaströs. Nur die allerwenigsten von uns müssen vor jedem Griff in Kleider- und Schuhschrank derartige Überlegungen anstellen. Gleichwohl bewegen wir uns alle täglich in wechselnden sozialen, gesellschaftlichen oder kulturellen Umfeldern. Vorausahnen zu können oder gar zu kalkulieren, was die Wahl dieses oder jenes Schuhs für Konsequenzen in den unterschiedlichen Bedeutungsfeldern haben kann, vermag manchmal hilfreich sein. Das Nachdenken über die Konnotationen des Outfits sollte den Spaß am Spiel mit Formen und Farben allerdings niemals zerstören. Denn das ästhetische Experiment ist das einzige, was den klassischen Kleidungsstil immer aus Neue verjüngt und für ihn jede Generation aufs Neue für sich entdecken lässt.

Schuhe und Kleidung kombinieren, Teil 2

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Chukkaboots aus Rauleder von Saint Crispin’s. Zu Tweed im Sinne des Erfinders, zum dunklen Anzug „italienisch“

Werfen wir zunächst einen Blick auf System Nr. 1, die Regeln von Anstand und Sitte. Die meisten von ihnen haben ihren Ursprung in Großbritannien, dem Mutterland der Herrenmode. Die Nuancen britischer Stilregeln zu referieren, würde hier zu weit und am Thema vorbei führen. Hilfreich für die Frage nach der richtigen Kombination von Kleidung und Schuhwerk ist zum einen das Konzept von Stadtkleidung und Landkleidung und zum anderen das von Businesskleidung und Freizeitkleidung. In der Stadt trägt man im Geschäft und in der Freizeit schwarze Schuhe oder braune Stadtschuhe. Die schwarzen Schuhe werden mit dem dunklen Anzug kombiniert und die schwarzen oder braunen Freizeitschuhe mit der mehr oder weniger förmlichen Freizeitkleidung. Freizeitkleidung kann in der Stadt im Extremfall der Förmlichkeit aus dem Businessanzug mit schwarzen Schuhen bestehen und in der äußersten Formlosigkeit aus Hemd, Pullover, Jeans und Loafern oder gar Bootsschuhen. Das Konzept von Stadt- oder Landkleidung bedeutet nämlich ursprünglich, dass in der Stadt stets schwarze Schuhe getragen werden und auf dem Lande braune Schuhe. Lediglich in den letzten zwei Jahrzehnten werden auch in der Stadt braune Schuhe akzeptiert.

Diese Unterteilung in Stadt und Land besitzt außerhalb Großbritanniens nur sehr bedingt Gültigkeit. Es ist in Paris, Mailand oder Hamburg durchaus kein Faux pas braune Schuhe beim abendlichen Restaurantbesuch zu tragen. Ich bespreche das Konzept von Stadtkleidung und Landkleidung nur deshalb so ausführlich, weil es für das Verständnis der verschiedenen Schuhtypen so wichtig ist. Schließlich stammen alle klassischen Formen des Herrenschuhs aus einer Gesellschaft, die ihre Kleidung nach genau diesem Kodex eingeteilt hat. Wenn wir also wissen, daß der braune Full-Brogue ursprünglich ein Schuh für das Land war und in der Stadt allenfalls als Freizeitschuh gelten konnte, dann verstehen wir, warum er zum dunklen Geschäftsanzug nicht so recht passen will.

Es sei noch einmal wiederholt: Wer einen braunen Full-Brogue gern im Büro zum dunkelgrauen Anzug trägt, begeht nicht wirklich einen Fehler. Er stellt den Schuh lediglich in einen Zusammenhang, für den er eigentlich nicht gedacht war. Wenn wir die verschiedenen Schuhklassiker gemäß dem Kriterium von Stadt oder Land überprüfen, dann ergibt sich folgende Aufteilung: Schwarzer Oxford, Brogue, Monkstrap oder Loafer sind eigentich Schuhe für die Stadt und damit auch das Geschäft. In Braun werden die gleichen Schuhtypen automatisch zu Freizeitschuhen für die Stadt oder förmlichen Schuhen für das Land. Diese Grundeinteilung ist nur in den angelsächsischen Ländern noch wirklich annähernd verbindlich, dennoch ist sie auch für die restliche Welt eine gute Grundregel. Unter Braun verstehen wir wohlgemerkt alle Schattierungen vom Farbton dunklen Eichenholzes bis hin zu hellsten Sandtönen.

Wer feinere Nuancen sucht, kann nun die Schuhtypen in sich noch nach ihrer Förmlichkeit abstufen. Hier gilt grundsätzlich, dass der Schnürschuh förmlicher ist als der Loafer. Oder anders gesagt: Je mehr Fuß zu sehen ist, desto lockerer geht es zu. Die schwarze, knöchelhohe Knüpfstiefelette wäre auf der Förmlichkeitsskala sozusagen der Nullpunkt, der weitausgeschnittene Loafer am äußersten Ende des gerade noch Förmlichen. Wer für sich also die Regel akzeptiert, dass zum Business-Outfit ein schwarzer Schuh gehört, kann dennoch mit der Wahl des Schuhs viel Individualität zum Ausdruck bringen.

Zum dunkelblauen Nadelstreifenanzug wäre zum Beispiel der schwarze Oxford die klassische Wahl. Dies wäre eine korrekte, geradezu lehrbuchhafte Lösung. Ein schwarzer Full-Brogue würde schon ein wenig von der Norm abweichen. Formal ist der Brogue schließlich ein rustikaler Schuh. Je nach Leistenform, Lederart und Details der Lochungen und Nähte, kann er mehr oder weniger fein wirken. Ein schwarzer Monkstrap würde noch ein wenig weiter vom ganz klassischen Stil abweichen. Mit dem Schnallenschuh läßt sich also innerhalb der Norm ein etwas ungewöhnlicherer Geschmack zeigen. Mit dem schwarzen Loafer zum dunkelblauen Nadelstreifenanzug entfernen wir uns am weitesten von der Sicherheit des Oxfords. Noch heute gilt der Loafer in sehr konservativen Kreisen als reiner Freizeitschuh. Dennoch ist der schwarze Loafer zum dunklen Anzug generell akzeptabel. Allerdings muß es sich dabei um die rahmengenähte Variante handeln.

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Nicht jeder liebt Tasselloafer. Für die einen sind sie der Gipfel des guten Stils, für andere einfach affig. Foto: Jan Hemmerich

Es muß hier allerdings darauf hingewiesen werden, dass die Auffassungen über den Platz des Loafers im Konzert der Schuhformen je nach Land sehr unterschiedlich sein können. So hat sich der elegante rahmengenähte Loafer in Großbritannien und den USA eine treue Gemeinde erobert, die ihn als Teil eines klassischen Business-Looks tragen. Auf dem Kontinent gilt der Loafer allerdings immer noch als so etwas wie ein „Bruder Leichtfuß“ unter den Rahmengenähten. Insbesondere in Deutschland setzen die wenigen, die überhaupt hochwertiges Schuhwerk kaufen, meist auf Schnürer. Das hängt zum einen mit einem Hang zum Soliden und Bodenständigen zusammen, zum anderen aber auch mit einer gewissen Einstellung zu Geld: „Wenn ich schon einen so teuren Schuh kaufe, dann will ich auch das Maximum für mein Geld bekommen“.

Die Unsicherheit in Bezug auf den Loafer zeigt sich am deutlichsten am gespaltenen Verhältnis der Deutschen zum Tassel-Loafer. Während er in den USA als Ausdruck des ultrakonservativen Ostküsten-Stils gilt und in Großbritannien immerhin selbst von Mitgliedern des Königshauses beim sonntäglichen Kirchgang getragen wird, sehen die Deutschen ihn eher als alberne Geschmacksverirrung. Die Abneigung der Deutschen gegen den Loafer im Allgemeinen und den Tassel-Loafer im Besonderen hat dazu geführt, daß hierzulande auch zum Freizeitdress häufig Schnürschuhe getragen werden. Die in Deutschland äußerst verbreitete Kombination aus Jeans oder Chinos und braunem Brogues ist in Großbritannien, den USA oder rund um das Mittelmeer eher selten anzutreffen. Dort wird am Wochenende und Abends der Loafer in aller Regel vorgezogen.

Ende Teil 2

Schuhe und Kleidung kombinieren, Teil 1

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Braune oder schwarze Schuhe zum dunkelblauen Blazer? Im Verlauf dieses mehrteiligen Beitrags wird diese Frage beantwortet werden. Im Bild braune Oxfords auf Peduform-Leisten von Ed. Meier München (Foto: Jan Hemmerich)

Ein wirklich stilvolles Outfit beginnt nicht erst mit den Schuhen, sollte aber auch keinesfalls bei Ihnen enden. Wer Wert auf sein Äußeres legt, wird seine Prioritäten deshalb nie so setzen, daß ein anderes Element seiner Kleidung dadurch zu kurz kommt. Im Idealfall ist also alles von höchster Qualität. Dabei meine ich, dass alles nicht nur mit größter Sorgfalt und von exzellenten Handwerkern angefertigt wurde, sondern auch perfekt paßsst. Dies ist bei den Schuhen in der Regel ein geringeres Problem, als bei der übrigen Kleidung. Schließlich bieten die Hersteller guter rahmengenähter Schuhe ihre Produkte in mehreren Breitengrößen an. Dabei könnte eine leicht vereinfachende Gleichung aufgestellt werden: Je größer die Zahl der Breitengrößen, desto besser die Schuhmarke. Und tatsächlich können es sich nur die wirklich großen oder aber teuren Hersteller leisten, die wichtigsten oder gar alle Modelle in mindestens zwei Breiten anzubieten. Wer aus dem Sortiment dieser Firmen auswählt, wird also in aller Regel ein sehr gut passenden und hervorragend verarbeiteten Schuh bekommen.

Maßschuhe sind für den mit unproblematischen Füßen gesegneten Mann allenfalls ein prinzipieller Imparativ – wenn auch ein sehr starker. Denn wer ein bestimmtes Qualitätsniveau erreicht hat, wird sich selten mit dem Massenprodukt zufrieden geben, auch wenn es noch so gut gemacht ist. Wer so denkt, betrachtet den Schuh als Teil eines Ganzen. Er wird ihn immer als ein Element von vielen sehen und ihm dadurch automatisch das richtige Gewicht geben. Stilvoll gekleidet zu sein, bedeutet nämlich auch, daß kein Teil des Outfits qualitativ im Gesamtklang eine Dissonanz erzeugt. Ein weniger als hochwertiges Hemd kann einen wirklich guten Anzug herunterziehen. Die Schönheit eines handgefertigten Maßschuhs degradiert die mindere Qualität des übrigen Outfits noch weiter. Oder noch praxisnäher gesagt: Billige, knöchellange Socken mit humoristischen Motiven berauben einen guten Schuh seiner Strahlkraft.

© Ben PhillipsJohn Lobb, the bootmakers of St.James's UK, London
Lobb in London – der wohl berühmteste Maßschuhmacher der Welt. Die berühmten Kunden der Vergangenheit wussten, wie sie Schuhe und Kleidung richtig kombinieren (Foto: Lobb)

Die Analogie aus der Welt des Essens würde lauten, dass ein gutes Menü auch gute Weine erfordert und umgekehrt der beste Wein wenig nützt, wenn die Speisen nichts taugen. Die kulinarische Methaphorik hilft uns, auch noch einen weiteren Aspekt zu verdeutlichen. Selbst die besten Zutaten und die besten Weine ergeben nicht automatisch ein wohlschmeckendes Menü. Die festen und flüssigen Zutaten müssen natürlich auch zusammenpassen. Das gilt auch für das Outfit. Und damit bin ich bei dem eigentlichen Thema . Wie wähle ich die richtigen Schuhe aus? Was passt zu welchem Outfit und zu welchem Anlass? Wann trage ich Braun, wann Schwarz und zu welchen Farben der Kleidung?

Hellbraune Chukkaboots aus Rauleder zu Flanellanzug? Klassisch oder unpassend (Foto: Martin Smolka)?

Auf diese Fragen gibt es in unseren Tagen mehr Antworten denn je. Schließlich kann heute jeder sehr weitgehend tun und lassen, was er will. Es gibt weder wirklich verbindliche Regeln, noch Sanktionen oder gar Möglichkeiten ihrer Durchsetzung. Wer partout zum Frack braune Wildlederschuhe anziehen möchte, der soll dies in Gottes Namen tun. Kaum einer wird ihn deshalb mit Verachtung strafen. Wen schert heute noch, was richtig oder falsch ist. Und so findet auch kaum jemand etwas dabei, wenn der Moderator einer Fernsehshow zum Anzug Trainingsschuhe trägt. Doch die generelle Mißachtung historisch gewachsener Konventionen bedeutet nicht, dass Regeln nicht mehr existieren. Die Zahl derjenigen, die sie kennen und die aus ihrer Einhaltung oder virtuosen Übertretung Vergnügen ziehen, wird lediglich immer kleiner. Doch das soll niemand in seinem Vorsatz beirren, seine Kleidung sorgfältig zu wählen. Dabei können wir uns verschiedener Systeme bedienen oder gar Inspiration aus mehreren ziehen.

Zum einen gibt es das System überlieferter Regeln von Anstand und Sitte, die sich aus historischen Quellen speisen und die in aller Regel den Geschmack der führerenden Klassen widerspiegeln – in Großbritannien ist dies immer noch der Adel, auf dem republikanischen Kontinent hat seit dem Ende des 19. Jahrhunderts das Großbürgertum die Führungsrolle übernommen. In der westlichen Welt gilt heute eine Mischung aus verschiedenen nationalen Konventionen, die sich zu einem internationalem Stilkanon vermischt haben. Man könnte diese Regeln unter dem Stichwort „das macht man so“ zusammenfassen. Das zweite System bedient sich rein ästhetischer Regeln und räumt dabei dem persönlichen Geschmacksempfinden einen großen Stellenwert ein. Diese Regeln könnten auch unter dem Postulat „das finde ich schön“ subsumiert werden.

Dazu kommt eine Reihe von Spezialsystemen, die sich vor allem in den USA großer Beliebtheit erfreuen. Sie versuchen überlieferte gesellschaftliche oder aber persönliche ästethische Kriterien durch neue Regelwerke zu ersetzen. Als Beispiel sei hier nur eine Theorie erwähnt, die anhand des Hauttons bestimmte Farben, Materialien und Oberflächenstrukturen empfiehlt. Man könnte diese Art von Regeln unter die Überschrift „Das passt zu dir, weil … „ stellen. Wir möchten hier aber nicht von ihnen reden. Wir glauben, daß die gesellschaftlichen Normen und das persönliche Geschmacksurteil bessere Leitfäden sind, als pseudowissenschaftliche Heilslehren.

Ende von Teil 1, Fortsetzung folgt.