Maßschneider Markus Schnurr, Teil 1

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Ich kenne den Herrenschneidermeister Markus Schnurr seit etwa 15 Jahren. Das erste Mal habe ich ihn getroffen, als er an einem Seminar für Herrenschneider teilgenommen hat, das ich zusammen mit dem Londoner „bespoke tailor“ John Coggin für Fachkreise veranstaltet habe. John Coggin war einer der beiden Inhaber von Tobias Tailors in der Savile Row gewesen. Zusammen mit seinem Partner John Davis hatte er dort von 1998 bis 2003 für mich gearbeitet. Bei dem Seminar ging es um die Arbeitsweise der Zuschneider und „coat maker“ in der Savile Row.

Seit dieser Zeit waren Markus Schnurr und ich per E-Mail in Kontakt und haben uns hin und wieder in München getroffen. Markus Schnurrs Vorliebe für traditionelle Herrenschneiderei konnte ich an seinen Posts bei Instagram ablesen. Übrigens hatten auch Carlo Jösch sowie die beiden Wiener Schneider Thomas Netousek und Zoltan Roeszler an diesem Seminar teilgenommen. Alle drei arbeiten heute erfolgreich als selbstständige „bespoke tailors.“ Carlo Jösch in Köln, Netousek in Wien im familieneigenen Betrieb, Roeszler im neugegründeten Atelier in der Wiener Herrengasse. Zoltan Roeszler ist gebürtiger Ungar, ihm war bei dem Seminar aufgefallen, dass John Coggin die Einlagen nach ungarischer Manier verarbeitet. Die überraschende Erklärung war, dass John Anfang der 1960er Jahre bei Anderson & Sheppard einen Exil-Ungarn als Lehrmeister für das „coatmaking“ hatte.

Markus Schnurr ist Jahrgang 1978 und seit 2003 Herrenschneidermeister. Von 2014 an hat er drei Jahre lang in München bei Max Dietl gearbeitet, immer noch Deutschlands renommiertestem Herrenschneider und Couturehaus. 2017 hat Markus Schnurr die alteingesessene Maßschneiderei von Herbert Martin in seiner Heimatstadt Offenburg übernommen. Die noch vorhandenen Kunden freuen sich über den jungen Nachfolger, Markus Schnurr versucht aber auch über die Region hinaus bekannt zu werden und ist deshalb bereit, zu Kunden zu reisen. Auch für mich hat er sich auf den Weg gemacht, zum Maßnehmen haben wir uns in Tübingen getroffen. Ich hatte an dem Abend noch einen Vortrag zu halten und er kam vorher zu mir in das Hotelzimmer in der verwinkelten Altstadt. In einem Werkzeugkoffer hatte er Maßbänder, Scheren, Garn, Nadeln und andere Utensilien dabei, außerdem Musterbündel mit Futterstoffen, so auch die von mir bevorzugten Satins von Dugdale’s. Die Oberstoffe hatte ich in meiner Reisetasche mitgebracht, da ich sie vorher schon bei Draper’s und Vitale Barberis Canonico bestellt hatte.

Markus Schnurr arbeitet schnell und ohne viel Geplauder. Manche Herrenschneider sind sehr gesprächig, vor allem solche, die allein arbeiten und viel für sich sind in der Werkstatt. Markus Schnurr ist eher der zurückhaltende Typ, er hat aber durchaus Humor. Beim Maßnehmen fiel mir nichts besonderes auf. Wie die meisten deutschen Herrenschneider begann er mit der Körpergröße. Er verwendet keinen Taillengurt, um von dort ausgehend den Rücken zu vermessen und die Schulterhöhen zu ermitteln und er klemmt dem Kunden auch kein Lineal oder Buch unter den Arm, um die Armlochhöhe zu messen. Er wirkt konzentriert und misst genau. Bei anderen Schneidern sieht man schon daran, wie sie das Maßband halten, dass die Messergebnisse niemals auf den cm genau stimmen können. Was allerdings auch nicht dramatisch ist. Maßschneiderei ist keine wirklich exakte Angelegenheit. Jedenfalls nicht bis zur ersten Anprobe.

Ich trug einen handgemachten Maßkonfektions-Anzug von Cove & Co., der mir gut gefällt. Er hat eingeschobene Ärmel im neapolitanischen Stil und ist insgesamt sehr weich verarbeitet. Auch die Hosen dieses Anzugs gefallen mir so gut, dass sie Markus Schnurr als Referenz dienen konnten. Ich trage die Hosen im Moment mit hohem Bund und, wie fast immer bei Anzügen, mit „forward pleats“, Seitenschnallen und Knöpfen für Hosenträger. Cove hatte sie erst im zweiten Anlauf in der gewünschten Höhe hinbekommen. Die jungen Schneider wollen meistens nicht glauben, dass die Hosen wirklich diese Leibhöhe haben sollen. Ich bestellte bei Markus Schnurr ein einreihiges Sakko aus grünem Flanell mit Pattentaschen, Billetttasche und Seitenschlitzen, sowie einen zweireihigen Anzug aus kariertem Stoff. Für das grüne Sakko wählte ich ein kirschrotes Futter, für den Anzug einen Satin in „RAF blue.“ Ansonsten machte ich wenig Vorgaben. Bei der Gestaltung der Details lasse ich dem Schneider grundsätzlich viel Freiheit, ich bin nicht einer von den Kunden, die dem Handwerker am liebsten noch die Position der Crochetnaht bis auf den mm genau vorgeben möchten.

Die erste Anprobe fand nicht bei Markus Schnurr statt, wir trafen uns stattdessen wieder auf der Reise, dieses Mal bei einem Bekannten in Stuttgart. Für die Anprobe des Sakkos hatte Markus Schnurr die Ärmel eingeheftet, er nahm sie aber während der Anprobe heraus, um die Form des Armlochs zu korrigieren und die Achsel neu zu stecken. Die Ärmel der grünen Jacke hatte er schon aus dem endgültigen Stoff zugeschnitten, da der Stoff kein Muster hat. Der Doppelreiher ist kariert, bei ihm fand die Anprobe ohne Ärmel statt. Für die zweite Anprobe wird Markus Schnurr Ärmel aus neutralem Stoff zuschneiden und noch nicht aus dem karierten Stoff. Warum? Der Maßschneider markiert bei der Anprobe die Armhaltung, wenn sich bei der nächsten Anprobe dabei noch Änderungen ergeben, würde bei einem karierten Stoff das Muster nicht mehr korrekt vom Rumpf auf die Ärmel verlaufen.

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Die erste Anprobe findet vor allem für den Schneider statt und das meiste, was er dabei markiert oder ändert, wird von ihm nicht kommentiert. Es ist eine Sache, unter den Augen des Kunden arbeiten zu müssen, eine andere, die Verbesserungen mit ihm in allen Einzelheiten zu bereden. Beide Teile gefielen mir auf Anhieb gut. Ich hatte ja nicht viel zum gewünschten Stil gesagt und als Inspiration für den Einreiher lediglich das Foto eines Sakkos des Wiener Herrenschneiders Michael Possanner gezeigt. Beim Einreiher bat ich Markus Schnurr, das Fasson zu verbreitern. Außerdem habe ich mir etwas größere Patten an den Taschen gewünscht. Auch der Gesamtlänge wurden anderthalb cm zugegeben.

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Beim Zweireiher wünschte ich mir minimale Korrekturen bei Form und Breite der Fassons, außerdem zeichnete ich selbst die exakte Position der äußeren Brusttasche an. Aus mir unbekannten Gründen werden Brusttaschen heutzutage oftmals sehr hoch angesetzt, was mir aber nicht gefällt. Die Brusttaschen hat Markus Schnurr nach der Anprobe leicht geschwungen gearbeitet. Nicht, um die neapolitanische Bötchen-Form zu imitieren, vielmehr nach Art seines Offenburger Vorgängers. Die Hosen waren exakt nach Wunsch geschnitten, also als hoch sitzende“Spitzbundhose.“ Hier gab es von mir keine Änderungswünsche. Beide Jacken sind sehr leicht gearbeitet und waren kaum spürbar. Die Schultern sind kaum gepolstert, das Tragegefühl ist norditalienisch.

Die zweite Anprobe findet Anfang März statt, danach folgt Teil 2 meines Erfahrungsberichts.

Fotos: Martin Smolka

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Die erste Anprobe – mit oder ohne Ärmel?

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Erste Anprobe bei Kathrin Emmer in Potsdam (Foto: Erill Fritz)

In den Maßschneidereien dieser Welt herrscht die einhellige Meinung, dass Anproben unerlässlich sind. Selbst bei einem bewährten Schnittmuster würde kein Schneider freiwillig darauf verzichten, zweimal den halbfertigen Anzug am Kunden zu sehen.  Nur ganz ausnahmsweise, z. B. wenn ein Kunde, für den schon häufiger Anzüge gemacht wurde, wirklich nur für eine Anprobe Zeit hat oder aus anderen Gründen Termindruck besteht, werden die üblichen zwei Anproben zu einer zusammengefasst, Diese Anprobe entspricht dann in etwa der sonst üblichen zweiten Anprobe, bei der z. B. schon die Taschen fertig sind. Einige Schneider der Savile Row, die viel Geschäft im Ausland machen, verzichten ebenfalls auf die zweite Anprobe und schicken das Kleidungsstück nach einer Anprobe an den Kunden. Auch Reiseschneider aus Italien lassen die zweite Anprobe gern weg, um Kosten zu sparen. Der Normalfall ist das aber nicht und Kunden sollten aufhorchen, wenn Schneider behaupten, dass sie ab der zweiten Bestellung mit einer Anprobe auskommen.

Die Anproben sind ein wichtigtes Unterscheidungsmerkmal zwischen der Maßschneiderei vom Handwerker und der Maßkonfektion. Einige Maßkonfektionäre bieten zwar auch Anproben an, allerdings ist das Kleidungsstück dann schon viel weiter fortgeschritten und lässt sich nicht mehr so grundlegend ändern, wie das zur ersten Anprobe beim Schneider zusammengeheftete Teil. Abgesehen davon, dass Maßkonfektionsanzüge immer auf bestehenden Konfektionsschnittmustern beruhen, die Position der Taschen oder die Breite der Revers lässt sich deshalb nicht beliebig ändern.

Die Franzosen nennen die Handwerksarbeit „le grand sur-mesure“ und die Maßkonfektion „le sur-mesure industriel“, was den Unterschied gut beschreibt. Auf der einen Seite die „große“ Handwerksarbeit, die auf Deutsch auch als „Vollmaß“ bezeichnet wird, auf der anderen die industriell gefertigte Maßkleidung – die gleichwohl einen hohen Anteil von Handarbeit aufweisen kann. So eindeutig es ist, dass die Anproben die Arbeit des Schneiders klar von der des Maßkonfektionsanbieters unterschieden, so uneins sind die Schneider darüber, wie die erste Anprobe abzulaufen hat. Die Rede ist von den Ärmeln. Sollen sie bei der ersten Probe eingeheftet sein oder nicht? Die einen sind dafür, die anderen dagegen, und eine dritte Fraktion zieht es vor, nur einen der beiden Ärmel einzuheften. Ganz abgesehen von manchen Pariser Schneidern, die für die erste Anprobe noch nicht den vom Kunden georderten Stoff, sondern nur ein neutrales Leinengewebe zuschneiden und zusammenheften.

Betrachten wir zunächst die Methoden der englischen Maßschneider. Hier wird in aller Regel mit beiden Ärmeln probiert, denn zum einen kann der Kunde sich auf diese Weise einen besseren Eindruck von seinem Kleidungsstück verschaffen, und zum anderen muss die Jacke nach der ersten Anprobe ohnehin wieder vollständig auseinander genommen werden. Notwendige Änderungen, wie etwa eine Vergrößerung des Armlochs, zeichnet der Schneider mit Kreide an und setzt sie später um. Das dritte Argument für die Anprobe mit Ärmeln ist die dadurch zu erreichende Zeitersparnis. Sollte zum Beispiel etwas mit der Weite oder der Position des Ärmels nicht stimmen, wird dies jetzt schon und nicht erst bei der zweiten Anprobe auffallen. Dementsprechend kann der geänderte Ärmel bei der zweiten Anprobe gleich mitbegutachtet werden. Auf die Frage, warum seine kontinentalen Kollegen ohne oder nur mit einem Ärmel probieren, antwortete ein Londoner Zuschneider lakonisch: „Vielleicht sind sie zu faul, die Ärmel für die Anprobe einzusetzen.“

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Anprobe bei Simon Skottowe in Budapest. Er beginnt die Anprobe mit eingehefteten Ärmeln und entfernt sie anschließend, um den Sitz des Armlochs zu überprüfen  (Foto: Simon Skottowe)

Dies weisen die solchermaßen verdächtigten Zunftgenossen natürlich weit von sich. So argumentiert ein deutscher Maßschneider: „Es hat keinen Sinn die Ärmel einzusetzen, da ich ja vielleicht noch etwas am Armloch machen muss. Und die Balance kann ich auch ohne Ärmel überprüfen.“ Dies mag zwar richtig sein, doch der Kunde bleibt bei diesem Verfahren auf der Strecke. Schneider, die bei der ersten Anprobe ohne Ärmel arbeiten, sind vermutlich der Auffassung, dass dieser wichtige Termin vor allem für sie selbst gedacht ist. Der Kunde wird erst in der zweiten Stufe einbezogen, deshalb werden auch dann erst die Ärmel eingefügt. Allerdings zeigen sich gerade Neulinge im Maßatelier bei der ersten Anprobe entsetzt über den Anblick des ärmellosen Rohlings und können sich nur schwer vorstellen, dass daraus irgendwann ein elegantes Kleidungsstück werden soll. Die geringe Mehrarbeit, die das Einheften der Ärmel bedeutet, ist also auch eine vertrauensbildende Maßnahme, die sich gerade bei Erstkunden lohnt.

Was wiederum spricht für das Einheften eines Ärmels statt beider? Auch diese Methode hat ihre Anhänger, doch eigentlich lässt sich kaum ein stichhaltiges Argument dafür finden. Entweder verzichtet man aus den genannten Gründen ganz auf die Ärmel, oder aber man heftet beide ein. Zwar ist auch an einem einzelnen Ärmel ablesbar, ob dessen Weite stimmt, doch ob er richtig eingesetzt ist, muss schließlich auf beiden Seiten überprüft werden. Deshalb heißt es auch in der in den dreißiger Jahren in Hannover erschienenen Fachzeitung Die Zuschneidekunst, dass grundsätzlich entweder kein Ärmel oder beide einzuheften sind. Außerdem, so warnt das Blatt, bestehe die Gefahr, dass bei einer Anprobe mit nur einem Ärmel sich das Kleidungsstück nach dieser Seite herüberzieht. Der englische Maßschneider Simon Skottowe, der ein Atelier in Budapest betreibt, macht einen Kompromiss. Er heftet für die erste Anprobe beide Ärmel ein und überprüft dann, wie wie die Ärmel sitzen und ob sie noch gedreht werden müssen. Den Ärmel zu drehen bedeutet, dass er an die Haltung der Arme im entspannt herabhängenden Zustand angepasst wird. Außerdem überprüft Skottowe, der regelmäßig bei dem Wiener Tuchhändler und Herrenausstatter Wilh. Jungmann & Neffe zu Gast ist, die Passform des Ärmels am Bizeps und an den Schultern. Anschließend entfernt er die Ärmel wieder und überprüft die Position des Armlochs.

Rundschau: Münch
Ein Artikel aus der deutschen Schneiderfachzeitschrift Rundschau der Herrenmode, vermutlich aus den 1950er Jahren. In dem Bericht über den Stuttgarter Herrenschneider Fritz Münch wird berichtet, dass dort nur eine Anprobe stattfand, was ca. 15 Arbeitsstunden gespart.

Wie oben erwähnt, gehen manche Pariser Schneider einen ganz anderen Weg. Sie übertragen das Schnittmuster vom Papier nicht gleich auf den gewünschten Stoff, sondern auf ein neutrales Leinengewebe (toile), das sie anschließend zuschneiden zusammenheften. Eine Methode, nach der übrigens auch die Haute-Couture-Schneider bei der Modellentwicklung sowie einige Hemdenmacher arbeiten. Für diese Technik spricht, dass man bei Kunden mit sehr schwierigen Figuren das Schnittmuster nach der Anprobe sehr stark abändern kann, ohne den Musterverlauf des Originalstoffs zu beeinträchtigen oder ihn gar zu verschneiden. Allerdings fällt die „toile“ natürlich etwas anders als der Anzugstoff, insofern sind spätere Anpassungen auch bei diesem Verfahren notwendig. Sicherlich liefert die Anprobe eines Prototyps aus neutralem Stoff dem Zuschneider wertvolle Erkenntnisse, doch nicht jeder Kunde ist bereit, deshalb länger auf seinen Anzug zu warten. Darüber hinaus erhöht dieser Zwischenschritt auch die Kosten. Mit „toile“ arbeiten hierzuande viele Damenschneider, doch auch Herrenschneider verwenden diese Methode gelegentlich, z. B. Carlo Jösch in Köln.

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Jacken fertig zur Anprobe bei dem Wiener Herrenschneider Michael Possanner. Die erste Anprobe macht er nach österreichischer Tradition ohne Ärmel (Foto: Bernhard Roetzel)

 

Zur Arbeitsweise der deutschen Maßschneider gehört die sogenannte Stecknadelprobe. Hierbei wird das geheftete Kleidungsstück direkt am Kunden aufgetrennt und wieder neu zusammengesteckt. Der zukünftige Besitzer des Maßanzugs zieht zunächst die vorbereitete Jacke an. Anhand der durch Einschlagstiche markierten Querzeichen schließt der Zuschneider die Vorderteile mit Stecknadeln. Nun werden Ärmellänge und Schulterbreite kontrolliert. Anschließend entfernt der Zuschneider die Ärmel und den Oberkragen, indem er – je nach seinem persönlichen Stil – die Heftnähte mit der Schere auftrennt oder die Einzelteile mit Schwung herunterreißt. Nun geht er daran, die Balance zu überprüfen und gegebenenfalls zu verbessern. Dazu wird die Schulternaht aufgetrennt und das Vorderteil so lange der Körperkontur angepasst, bis das gewünschte Ergebnis erreicht ist. Die Einlage im Schulterbereich wird ebenfalls optimiert. Nun wird das Rückenteil am Körper hochgestrichen und überschüssiger Stoff abgesteckt. Wenn die Schulter fertig ist, begutachtet der Zuschneider noch einmal den Rücken und die Seiten, um sie notfalls ebenfalls zu öffnen und neu festzustecken. Ist dies getan, wird der Kragen wieder fixiert. Heinz-Josef Radermacher in Düsseldorf arbeitet so, oder Volkmar Arnulf in Potsdam.

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Anprobe einer Anzugjacke bei der Sartoria Diletto aus Mailand. Die Ärmel werden dort bei der ersten Anprobe entfernt (Foto: Erill Fritz)

 

Es herrschen unterschiedliche Auffassungen darüber, ob die Stecknadelprobe Sinn macht oder eher überflüssig ist, allerdings wäre es ungerecht, ihren Anhängern Effekthascherei oder gar mangelnde Sicherheit im Zuschnitt zu unterstellen. Genauso wenig trifft es zu, dass allein die Stecknadelprobe ein perfektes Ergebnis garantiert, denn diese Behauptung würde implizieren, dass die Verfechter der Kreideprobe weniger vollkommene Anzüge liefern. Nadel und Kreide sollten als zwei unterschiedliche Wege zum gleichen Ziel gesehen werden. Im Allgemeinen wird ein erfahrener und talentierter Zuschneider bei der ersten Anprobe aber ohnehin schon ein recht gut passendes Kleidungsstück präsentieren. Lediglich bei sehr schwierigen Figuren oder starken Gewichtsveränderungen kann es gerechtfertigt sein, eine Jacke am Körper aufzutrennen und neu zusammenzustecken. So oder so sollte der Kunde jedoch die Arbeitsmethoden der verschiedenen Schneidertraditionen respektieren. Welche Vorgehensweise ihm am meisten zusagt, hängt letztlich auch davon ab, in welcher dieser Traditionen er sich stilistisch am besten aufgehoben fühlt.