Maßschneider Markus Schnurr, Teil 1

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Ich kenne den Herrenschneidermeister Markus Schnurr seit etwa 15 Jahren. Das erste Mal habe ich ihn getroffen, als er an einem Seminar für Herrenschneider teilgenommen hat, das ich zusammen mit dem Londoner „bespoke tailor“ John Coggin für Fachkreise veranstaltet habe. John Coggin war einer der beiden Inhaber von Tobias Tailors in der Savile Row gewesen. Zusammen mit seinem Partner John Davis hatte er dort von 1998 bis 2003 für mich gearbeitet. Bei dem Seminar ging es um die Arbeitsweise der Zuschneider und „coat maker“ in der Savile Row.

Seit dieser Zeit waren Markus Schnurr und ich per E-Mail in Kontakt und haben uns hin und wieder in München getroffen. Markus Schnurrs Vorliebe für traditionelle Herrenschneiderei konnte ich an seinen Posts bei Instagram ablesen. Übrigens hatten auch Carlo Jösch sowie die beiden Wiener Schneider Thomas Netousek und Zoltan Roeszler an diesem Seminar teilgenommen. Alle drei arbeiten heute erfolgreich als selbstständige „bespoke tailors.“ Carlo Jösch in Köln, Netousek in Wien im familieneigenen Betrieb, Roeszler im neugegründeten Atelier in der Wiener Herrengasse. Zoltan Roeszler ist gebürtiger Ungar, ihm war bei dem Seminar aufgefallen, dass John Coggin die Einlagen nach ungarischer Manier verarbeitet. Die überraschende Erklärung war, dass John Anfang der 1960er Jahre bei Anderson & Sheppard einen Exil-Ungarn als Lehrmeister für das „coatmaking“ hatte.

Markus Schnurr ist Jahrgang 1978 und seit 2003 Herrenschneidermeister. Von 2014 an hat er drei Jahre lang in München bei Max Dietl gearbeitet, immer noch Deutschlands renommiertestem Herrenschneider und Couturehaus. 2017 hat Markus Schnurr die alteingesessene Maßschneiderei von Herbert Martin in seiner Heimatstadt Offenburg übernommen. Die noch vorhandenen Kunden freuen sich über den jungen Nachfolger, Markus Schnurr versucht aber auch über die Region hinaus bekannt zu werden und ist deshalb bereit, zu Kunden zu reisen. Auch für mich hat er sich auf den Weg gemacht, zum Maßnehmen haben wir uns in Tübingen getroffen. Ich hatte an dem Abend noch einen Vortrag zu halten und er kam vorher zu mir in das Hotelzimmer in der verwinkelten Altstadt. In einem Werkzeugkoffer hatte er Maßbänder, Scheren, Garn, Nadeln und andere Utensilien dabei, außerdem Musterbündel mit Futterstoffen, so auch die von mir bevorzugten Satins von Dugdale’s. Die Oberstoffe hatte ich in meiner Reisetasche mitgebracht, da ich sie vorher schon bei Draper’s und Vitale Barberis Canonico bestellt hatte.

Markus Schnurr arbeitet schnell und ohne viel Geplauder. Manche Herrenschneider sind sehr gesprächig, vor allem solche, die allein arbeiten und viel für sich sind in der Werkstatt. Markus Schnurr ist eher der zurückhaltende Typ, er hat aber durchaus Humor. Beim Maßnehmen fiel mir nichts besonderes auf. Wie die meisten deutschen Herrenschneider begann er mit der Körpergröße. Er verwendet keinen Taillengurt, um von dort ausgehend den Rücken zu vermessen und die Schulterhöhen zu ermitteln und er klemmt dem Kunden auch kein Lineal oder Buch unter den Arm, um die Armlochhöhe zu messen. Er wirkt konzentriert und misst genau. Bei anderen Schneidern sieht man schon daran, wie sie das Maßband halten, dass die Messergebnisse niemals auf den cm genau stimmen können. Was allerdings auch nicht dramatisch ist. Maßschneiderei ist keine wirklich exakte Angelegenheit. Jedenfalls nicht bis zur ersten Anprobe.

Ich trug einen handgemachten Maßkonfektions-Anzug von Cove & Co., der mir gut gefällt. Er hat eingeschobene Ärmel im neapolitanischen Stil und ist insgesamt sehr weich verarbeitet. Auch die Hosen dieses Anzugs gefallen mir so gut, dass sie Markus Schnurr als Referenz dienen konnten. Ich trage die Hosen im Moment mit hohem Bund und, wie fast immer bei Anzügen, mit „forward pleats“, Seitenschnallen und Knöpfen für Hosenträger. Cove hatte sie erst im zweiten Anlauf in der gewünschten Höhe hinbekommen. Die jungen Schneider wollen meistens nicht glauben, dass die Hosen wirklich diese Leibhöhe haben sollen. Ich bestellte bei Markus Schnurr ein einreihiges Sakko aus grünem Flanell mit Pattentaschen, Billetttasche und Seitenschlitzen, sowie einen zweireihigen Anzug aus kariertem Stoff. Für das grüne Sakko wählte ich ein kirschrotes Futter, für den Anzug einen Satin in „RAF blue.“ Ansonsten machte ich wenig Vorgaben. Bei der Gestaltung der Details lasse ich dem Schneider grundsätzlich viel Freiheit, ich bin nicht einer von den Kunden, die dem Handwerker am liebsten noch die Position der Crochetnaht bis auf den mm genau vorgeben möchten.

Die erste Anprobe fand nicht bei Markus Schnurr statt, wir trafen uns stattdessen wieder auf der Reise, dieses Mal bei einem Bekannten in Stuttgart. Für die Anprobe des Sakkos hatte Markus Schnurr die Ärmel eingeheftet, er nahm sie aber während der Anprobe heraus, um die Form des Armlochs zu korrigieren und die Achsel neu zu stecken. Die Ärmel der grünen Jacke hatte er schon aus dem endgültigen Stoff zugeschnitten, da der Stoff kein Muster hat. Der Doppelreiher ist kariert, bei ihm fand die Anprobe ohne Ärmel statt. Für die zweite Anprobe wird Markus Schnurr Ärmel aus neutralem Stoff zuschneiden und noch nicht aus dem karierten Stoff. Warum? Der Maßschneider markiert bei der Anprobe die Armhaltung, wenn sich bei der nächsten Anprobe dabei noch Änderungen ergeben, würde bei einem karierten Stoff das Muster nicht mehr korrekt vom Rumpf auf die Ärmel verlaufen.

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Die erste Anprobe findet vor allem für den Schneider statt und das meiste, was er dabei markiert oder ändert, wird von ihm nicht kommentiert. Es ist eine Sache, unter den Augen des Kunden arbeiten zu müssen, eine andere, die Verbesserungen mit ihm in allen Einzelheiten zu bereden. Beide Teile gefielen mir auf Anhieb gut. Ich hatte ja nicht viel zum gewünschten Stil gesagt und als Inspiration für den Einreiher lediglich das Foto eines Sakkos des Wiener Herrenschneiders Michael Possanner gezeigt. Beim Einreiher bat ich Markus Schnurr, das Fasson zu verbreitern. Außerdem habe ich mir etwas größere Patten an den Taschen gewünscht. Auch der Gesamtlänge wurden anderthalb cm zugegeben.

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Beim Zweireiher wünschte ich mir minimale Korrekturen bei Form und Breite der Fassons, außerdem zeichnete ich selbst die exakte Position der äußeren Brusttasche an. Aus mir unbekannten Gründen werden Brusttaschen heutzutage oftmals sehr hoch angesetzt, was mir aber nicht gefällt. Die Brusttaschen hat Markus Schnurr nach der Anprobe leicht geschwungen gearbeitet. Nicht, um die neapolitanische Bötchen-Form zu imitieren, vielmehr nach Art seines Offenburger Vorgängers. Die Hosen waren exakt nach Wunsch geschnitten, also als hoch sitzende“Spitzbundhose.“ Hier gab es von mir keine Änderungswünsche. Beide Jacken sind sehr leicht gearbeitet und waren kaum spürbar. Die Schultern sind kaum gepolstert, das Tragegefühl ist norditalienisch.

Die zweite Anprobe findet Anfang März statt, danach folgt Teil 2 meines Erfahrungsberichts.

Fotos: Martin Smolka

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Prince Charles. Stilikone wider Willen

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Prince Charles gehört zu den besten Werbeträgern der legendären Wachsjacken (Foto: Barbour)

Prinz Charles, der britische Thronfolger, ist heute so beliebt wie lange nicht. Viele jüngere Briten wissen nur aus Erzählungen, dass der am 14. November 1948 geborene Prinz Charles nicht immer so populär war. Er war lange Junggeselle und sein Zögern bei der Brautwahl ließ ihn in der Öffentlichkeit als unentschlossen und wankelmütig erscheinen. Auch sein für einen Briten der Oberklasse eher untypisches Interesse an Ökologie und Esoterik wurde mit Verwunderung registriert. Man spöttelte, dass der Prinz mit seinen Pflanzen redet. Als er sich 1981 mit Lady Diana verlobte, stieg seine Popularität vorübergehend, mit der Zeit stahl ihm seine Frau aber immer öfter die Show. Prinzessin Diana galt als modern, elegant und mitfühlend, er hingegen als steif, altmodisch und verstaubt. Der Niedergang seiner Ehe ließ seine Beliebtheit noch mehr schrumpfen und die Enthüllung des Verhältnisses mit der im Vergleich zu Diana eher unattraktiven Camilla versetzten seinem Image weitere Tiefschläge. Der Tiefpunkt kam 1997 nach Dianas Unfalltod und der als gefühllos empfundenen Reaktion des Königshauses. Die Presse sah Prince Charles schon abreten und wollte Prinz William zum Thronanwärter ausrufen. Doch der Prince of Wales behielt eine „stiff upperlip“ und machte weiter. Stur, unbeirrbar und pflichtbewusst. Das brachte ihm irgendwann Respekt ein, denn die Briten wissen Sportlichkeit zu schätzen. Er heiratete sogar Camilla, kümmerte sich um seine Wohltätigkeitsorganisationen und arbeitete nach und nach sein Negativ-Image ab. Heute lacht niemand mehr, wenn er über „grüne“ Themen oder hässliche Bauwerke redet. Er gilt nicht mehr als albern und verschroben, schlimmstenfalls als exzentrisch und im besten Sinne altmodisch.

Das Auf und Ab seiner Popularitätswerte hat eine Gruppe von Bewunderern nie interessiert: Die Freunde des englischen Gentleman-Looks. Für sie ist Prinz Charles eine Stil-Ikone. Spätestens seit er sich Anfang der 1980er für die Doppelreiher von Anderson & Sheppard entschieden hat, wird sein Look von der weltweiten Fangemeinde genau beobachtet, studiert, analysiert und kopiert. Auch die Presse berichtete seit den 1990er Jahren nicht mehr nur von seiner wohltätigen Arbeit oder seinen Ideen über Architektur, immer häufiger wurde seine Garderobe thematisiert. So widmete ihm das japanische Herrenmodemagazin Dorso 2004 ein zwanzigseitiges, reich bebildertes Special. Und als er 2006 seinem langjährigen Savile-Row-Schneider den Korb gab, schrieb darüber „The Telegraph“. Das Blatt vermutete die Sparsamkeit seiner zweiten Frau, der Durchess of Cornwall, hinter dem überraschenden Schritt. Längst ist er zu Anderson & Sheppard zurückgekehrt, denn im Januar 2013 besuchte er – erstmals nach dreißig Jahren – seine alte und neue Schneiderei. Dem Prinz schien es dort gefallen zu haben, denn er blieb doppelt so lang wie geplant.

Während des Besuchs trug er einen Anzug, der dort in den 1990ern genäht worden ist. Das mag als Kompliment an Anderson & Sheppard gemeint gewesen sein, vielleicht war es nur Zufall. Denn generell wirft man im Hause Windsor ungern etwas weg. Ein Stück Stoff, das für einen Anzug nicht mehr reichte, ließ der Prinz zu einem Mantel für seinen Hund verarbeiten. Alles soll möglichst ein Leben lang halten. Die Anhänglichkeit des Prinzen an seine Kleidung darf man Knauserigkeit nennen, sie mag aber auch als konsequente Fortsetzung des Nachhaltigkeitsgedanken gesehen werden. Prinz Charles denkt in langen Zeiträumen und ist gegenüber Neuem skeptisch. So trägt der Prinz Maßschuhe, die er zum achtzehnten Geburtstag angemessen bekam, seinen schweren Tweedmantel setzt er seit 1987 jeden Winter ein. Zuletzt erregte eine Wachsjacke Aufsehen, die er in einem Fernsehbericht über seine Aktivitäten für den Landschaftsschutz trug. Man sah ihn bei der Arbeit an einem Feldrand, er trug Tweedmütze, eine Schutzbrille und eine Wachsjacke, die fast nur noch aus Flicken bestand. Die Begeisterung war groß, auch bei Modeexperten.

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Prince Charles trägt immer noch Maßschuhe, die bei John Lobb zu seinem 18. Geburtstag gefertigt worden sind (Foto: John Lobb)

Als ältester Sohn der Queen steht Prince Charles seit Geburt unter Beobachtung. Jede Abweichung von der Kleidungsnorm der britischen Oberschicht wäre registriert worden. Doch sein Stil blieb im Rahmen, als gewagt war vielleicht nur seine Idee aufzufassen, kurzzeitig mit einem Schnurrbart aufzutreten. Alles anderen Details seiner äußeren Erscheinung folgten streng der Tradition. Durch besonders gute Kleidung aufzufallen, ist im Hause Windsor seit der Abdankung König Edward VIII, seines als Dandy legendären Großonkels, verpönt. Dabei durfte nicht allein der Mann, der als Prince of Wales bei seiner Weltreisen durch den exzellenten Schnitt seiner Anzüge und die gewagte Kombination von Mustern und Farben aufgefallen war, als Modenarr gelten. Auch seine Brüder waren Großkunden bei ihren Schneidern. Der Duke of Kent, der 1942 bei einem Flugzeugunglück starb, galt zu seiner Zeit sogar als eine größere Stil-Ikone als sein Bruder Edward, der Kronprinz und spätere König Edward VIII. Auch sein Bruder George, der nach der Abdankung Edwards unvorbereitet und äußerst ungern auf den Thron nachrückte, besaß eine riesige Garderobe. Da alles tabuisiert wurde, was mit dem König, der seiner Liebe zu Wallis Simpson wegen den Thron aufgab, sollte das exzessive Interesse an Kleidung nie mehr Thema bei den Windsors sein. Der einzige Dandy der Familie war der Duke of Windsor und der war eine Unperson für den Hof. Prince Charles hielt sich daran und bewahrte ein „low profile“. Sein Look viel nur bei den an subtiler Eleganz interessierten Italienern positiv auf. Während die schon den Schnitt seiner Zweireiher wahrnahmen, die oftmals anstelle von Schnürschuhen getragenen Loafer von Lobb bewunderten oder die Kombination der Hermès-Krawatten mit den Hemden von Turnbull & Asser goutierten, mokierten sich die Briten noch über seine Liebe zur Natur.

Man sagt Prinz Charles nach, dass er im privaten Umgang äußerst konservativ sei und bei aller Freundlichkeit, die er im Dienst den Untertanen entgegenbringt, seinem Personal gegenüber auf Distanz achtet. Dies ist normal angesichts seiner Erziehung und der Art des Umgangs, den ihm seine Eltern und seine Großmutter vorgelebt haben. Man ist von zahlreichen Bediensteten umgeben, die einem alles abnehmen und lästige Dinge des Alltags fernhalten. Wenn Prinz Charles bei der Besichtigung der Londoner U-Bahn sagt, dass er die Untergrundbahn noch nie betreten hat, dann ist das kein Witz. Er ist noch nie U-Bahn gefahren, genauso wenig, wie er je an einem Check-In-Schalter anstehen musste, stundenlang auf einen ausgefallen Zug zu warten hatte oder mit seinem Auto im Stau stand. Der Prinz ist in Watte gepackt und die ist maßgeschneidert. Einkaufen, oder besser gesagt Shopping, ist nicht das Ding des Prinzen. Jedenfalls nicht Shopping im normalen Sinne oder in dem der Superreichen. Ein Hollywoodstar kommt in den Genuss, dass er vor Ladenöffnung allein durch ein Kaufhaus schlendern darf. Prinzessin Diana nahm dieses Privileg gern bei Harrod’s in London in Anspruch. Prinz Charles ist da viel altmodischer, er kauft so ein, wie es im frühen 20. Jahrhundert üblich war. Sein Hemdenmacher, sein Schneider und sein Schuhmacher kommen zu ihm in den Palast. Die Dort sucht er Stoffe aus und probiert die Anzüge an. Alle weiteren Besorgungen macht das Personal. Der Prinz geht nicht bummeln, er bevorzugt die royale Variante des Homeshopping.

Herauszufinden, woher der Prinz seine Kleidung bezieht, ist ein Puzzlespiel. Es gibt zwar Hoflieferanten, doch sie statten nicht alle den Prinzen persönlich aus, manchmal beliefern sie wirklich nur den Hof. Dennoch ist bekannt, was der Prinz trägt. Seine Anzüge lässt er bei Anderson & Sheppard nähen. Als Student hatte er zunächst bei Billings & Edmonds arbeiten lassen. Der in London, Eton und Harrow ansässige Ausstatter belieferte zahllose junge Männer der Ober- und Mittelschicht mit Schuluniformen und Maßkleidung, Accessoires und Schals in den Farben diverser Schulen. Als er Billings & Edmonds entwachsen war, ließ er für eine Weile bei Hawes & Curtis nähen, dem Schneider seines Vaters Prinz Philipp. Als dessen Zuschneider, John Kent, Hawes & Curtis verließ und sich selbstständig machte, ging Prince Philipp mit und Prince Charles folgte. Vielleicht wollte Prinz Charles nach seiner Eheschließung demonstrieren, dass er erwachsen geworden ist, jedenfalls verließ danach John Kent und entschied sich für Anderson & Sheppard. Dies ließ aufhorchen, denn es gab in der Savile Row eine Reihe von Firmen, die wesentlich traditionsreicher sind als die erst 1906 gegründete Schneiderei Anderson & Sheppard. Ihre Anzüge sind äußerst weich, fast süditalienisch verarbeitet und die Kunden stammen überwiegend aus den USA. Adelige gehören eher nicht dazu, dafür statteten sie aber Roger Moore für seine Rolle in „The Saint“ aus. Sollte Prince Charles doch etwas von Duke of Windsor in sich haben? Die Sorge war unberechtigt, denn der Thronfolger entschied sich stets für äußerst unauffällige Stoffe und blieb seinem Zweireiher bis heute treu. Die einzige Abweichung vom traditionellen Dresscode, die schon fast als Extravaganz gelten darf, sind seine zweireihigen Sportsakkos. Er lässt sich aus schottischem Tweed schneidern oder als sommerliche Kombination mit hellen oder sogar weißen Baumwollhosen aus Leinen. Diese Marotte wurde interessanterweise bisher noch von niemandem aufgegriffen. Wenn der Anlass in heißen Weltregionen den Anzug nicht zwingend vorschreibt, tritt der Prinz ansonsten auch gern im Safari-Look auf. Das Outfit stammt von dem legendären Tropenausstatter Airey & Wheeler aus Mayfair. Er gilt als die Nr. 1 in Sachen leichter Kleidung, seine Safarijacken sind geradezu Kult. Airey & Wheeler arbeitet jetzt unter dem Dach von AJ Hewitt. Reitkleidung und Jagdanzüge lässt der Prinz bei Frank Hall in Market Harborough Leicestershire schneidern.

Die Hemden des Prinzen liefert der legendäre Jermyn-Street-Schneider Turnbull & Asser. 1981 wurde er erstmals offiziell „Shirtmaker“ des Prince of Wales. T & A hat diverse Berühmtheiten ausgestattet, Schauspieler, Politiker, Musiker und Geschäftsleute, US-Präsidenten, Literaten und last but not least den fiktiven Geheimagenten 007. Seit dem ersten James-Bond-Streifen „Dr. No“ aus dem Jahre 1962 hat Turnbull & Asser die Hemden für alle Darsteller des Agenten geliefert. Sean Connery war der erste, dem das Hemd mit der berühmten Knopfdoppelmanschette auf den Leib geschneidert worden ist. Prince Charles trägt natürlich auch Maßhemden, laut einer Firmenbroschüre von T & A entsprechen seine Maße aber genau denen eines Konfektionshemds mit Kragenweite 39. Einmal war allerdings ein besonderer Schnitt gefordert. Als Prince Charles sich 1999 beim Polospielen den Arm brach, eilte der Zuschneider Paul Cuss in den Palast um Maß für ein Hemd zu nehmen, das über den Gipsarm passt. Die Bilder des Prinzen, der das Krankenhaus in diesem Hemd verließ, gingen um die Welt. Bei Krawatten hat der Thronfolger eine leicht zu dokumentierende Vorliebe für die Marke Hermès. Falls er überhaupt einmal die Krawatten frei wählen kann. Bei vielen offiziellen Anlässen ist das Dessin nämlich durch das Protokoll mehr oder weniger vorgegeben. Besucht er die Truppe, trägt er z. B. die passenden Regimentsfarben. Bei Terminen im akademischen Bereich greift er wiederum zu den Farben des Gastgebers, z. B. eines College, oder aber zu den Farben seiner eigenen Schule. Seine Vorliebe für die Krawatten aus Paris erscheint auf den ersten Blick ungewöhnlich für den zukünftigen König eines Landes, das Heimat zahlreicher Hersteller von Qualitätsbindern ist. Andererseits passt es zu dem Prinzen, dass er sich kleine, im Rahmen bleibende Extravaganzen erlaubt. Und die Vorliebe für luxuriöse Erzeugnisse aus Frankreich hat in England Tradition, die Briten gehören zu den größten Champagnerkonsumenten der Welt.

Die Schuhe des Prinzen stammen von zwei Lieferanten. Für Maßanfertigungen ist John Lobb zuständig, der berühmteste Maßschuhmacher der Welt. Schuhe von der Stange darf Tricker’s liefern, auf ungezählten Bildern sieht man den Prinzen seit früher Jugend in den Desert Boots der Manufaktur durch tropische Gefilde und Wüsten wandeln. Als Student trug er sie gern auch zum smarten Casuallook mit Tweedjacke und Hosen aus Kavallerie-Twill, diesen Look übernimmt jetzt sein jüngster Sohn Harry. Heute trägt Prince Charles zum Anzug und zur Tweedjacke wohl überwiegend die maßgefertigten Schnürer und Schlupfschuhe des Maßschuhmachers aus St. James’s. Damit setzt er eine Tradition fort, die 1863 mit Königin Victorias ältestem Sohn, dem späteren Edward VII begann. Er verlieh damals dem noch jungen Unternehmen den prestigeträchtigen Titel des Hoflieferanten. Auch die Königin und Prinz Philipp sowie weitere Mitglieder der Königsfamilie lassen ihre Schuhe bei Lobb’s in London anfertigen. Bei schlechtem Wetter oder auf schlammigem Terrain trägt der Prinz natürlich Gummistiefel. Anders als deutsche Politiker aber nicht irgendwelche im Spritzgussverfahren gefertigte Allerweltsexemplare, vielmehr die klassischen Modelle aus Schottland. Neben den legendären grünen „Wellies“ von Hunter auch die von Farmern bevorzugten schwarzen Gummistiefel von „Bullseye“. Wie jeder Großgrundbesitzer von Adel sieht auch Prinz Charles sich im Grunde als Landwirt, deshalb sind schwarze Gummistiefel seine Präferenz.

Der Prinz hat keine Scheu, sich der Presse in einem alten Morgenrock zu stellen. Er besitzt zahlreiche wollene Hausmäntel, die er bei der Gartenarbeit aufträgt. Was der Prinz jedoch als Nachtgewand trägt, ist nicht fotografisch dokumentiert. Man darf aber davon ausgehen, dass er Schlafanzüge und Morgenröcke von Turnbull & Asser trägt. Von dort stammen auch seine Pullover. Er trägt sie aus Kaschmir und Lammwolle, kleine Löcher oder ein ausgefranster Saum stören ihn nicht. Als er sich während der Flitterwochen in Schottland mit Prinzessin Diana der Weltpresse stellte, wurde der schadhafte Pullover noch mit Verwunderung registriert. Heute wäre niemand mehr überrascht. Im Gegenteil. Die betagte Garderobe des Öko-Prinzen hat mittlerweile Kultcharakter, sie gilt als die königliche „Altkleidersammlung“. Charles verbringt einen großen Teil seiner knappen Freizeit im Freien, entweder auf seinem Landsitz, auf der Jagd, zu Pferde, beim Fischen, beim Wandern oder beim Aquarellieren. Dabei trägt er typisch englische Wetterjacken verschiedener Anbieter. Seine Vorliebe für Wachsjacken von Barbour ist bekannt, häufiger sieht man ihn aber in Jacken von John Partridge, dem Reitsportspezialisten Musto und Fieldcoats von Holland & Holland, Cordings, Swaine Adeney Brigg oder Herbert Johnson. Die Fieldcoats der verschiedenen Labels werden vermutlich von Chrysalis Clothes in Corby gefertigt. Der Familienbetrieb wurde 1985 von Chris Blackmore gegründet, einem Zuschneider, der vorher bei Chester Barrie tätig war. Die Jacken werden einzeln von Hand zugeschnitten und sind Dank einer wasserdichten Membran absolut wetterfest. Dazu trägt der POW große Tweedmützen, die von Lock & Co. im passenden Stoff angefertigt werden. Der Hutmacher aus St. James, der auch schon den Zweispitz von Admiral Nelson geliefert hat, stattet das Haupt des Prinzen mit Hüten jeder Art aus, z. B. feinsten Panamas für den Sommer.

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Die Panamahüte des Thronfolgers stammen von seinem Hoflieferanten Lock & Co. (Foto: Lock Hatters)

Einen gewissen Anteil seiner öffentlichen Auftritte absolviert Prince Charles in Uniform oder in zeremonieller Kleidung. Prince Charles hat in der Marine gedient, die blauen Uniformen stammen von Gieves & Hawkes. Die Uniformen anderer Truppengattungen nähen Welsh & Jeffries. Seit 1990 weist ein „Royal Warrant“ sie als Hoflieferanten des Prince of Wales aus. Die Roben für den zeremoniellen Einsatz kommen aus der City von London. Dort ist Ede & Ravenscroft ansässig, die älteste noch existierende Schneiderei der Stadt. Sie wurde 1689 gegründet und fertigt z. B. die Kleidung für die Ritter des Hosenbandordens, stattet aber auch Richter und Kleriker aus und liefert höfische Kleidung für Teilnehmer der Krönungszeremonien. Der Prinz ist dem überaus traditionsreichen Haus eng verbunden und schrieb sogar ein Vorwort zu dem Buch, das zur Feier des 300 jährigen Jubiläums herausgebracht worden ist. Juristen lassen dort übrigens auch ganz normale Anzüge anfertigen. Bei Ede & Ravenscroft fallen sie noch eine Spur konservativer aus als in der Savile Row.

Als Prinz Charles 2012 von GQ zu einem der bestangezogenen Briten gekürt wurde, nahm er es mit Humor. Es sei gar nicht so lange her, dass er als einer der am schlechtesten angezogenen Männer bezeichnet wurde, scherzte er bei einer Rede in London. Ohnehin hat er vor langer Zeit entschieden, nur seinen eigenen Vorlieben zu folgen: „I stick to what I felt suited me“. Ein kleines bisschen hat es ihn aber bestimmt doch gefreut, dass seine Auffassung von Mode, die so gar nicht modisch ist, am Ende Anerkennung findet. Oder wenigstens Verständnis.

Die erste Anprobe – mit oder ohne Ärmel?

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Erste Anprobe bei Kathrin Emmer in Potsdam (Foto: Erill Fritz)

In den Maßschneidereien dieser Welt herrscht die einhellige Meinung, dass Anproben unerlässlich sind. Selbst bei einem bewährten Schnittmuster würde kein Schneider freiwillig darauf verzichten, zweimal den halbfertigen Anzug am Kunden zu sehen.  Nur ganz ausnahmsweise, z. B. wenn ein Kunde, für den schon häufiger Anzüge gemacht wurde, wirklich nur für eine Anprobe Zeit hat oder aus anderen Gründen Termindruck besteht, werden die üblichen zwei Anproben zu einer zusammengefasst, Diese Anprobe entspricht dann in etwa der sonst üblichen zweiten Anprobe, bei der z. B. schon die Taschen fertig sind. Einige Schneider der Savile Row, die viel Geschäft im Ausland machen, verzichten ebenfalls auf die zweite Anprobe und schicken das Kleidungsstück nach einer Anprobe an den Kunden. Auch Reiseschneider aus Italien lassen die zweite Anprobe gern weg, um Kosten zu sparen. Der Normalfall ist das aber nicht und Kunden sollten aufhorchen, wenn Schneider behaupten, dass sie ab der zweiten Bestellung mit einer Anprobe auskommen.

Die Anproben sind ein wichtigtes Unterscheidungsmerkmal zwischen der Maßschneiderei vom Handwerker und der Maßkonfektion. Einige Maßkonfektionäre bieten zwar auch Anproben an, allerdings ist das Kleidungsstück dann schon viel weiter fortgeschritten und lässt sich nicht mehr so grundlegend ändern, wie das zur ersten Anprobe beim Schneider zusammengeheftete Teil. Abgesehen davon, dass Maßkonfektionsanzüge immer auf bestehenden Konfektionsschnittmustern beruhen, die Position der Taschen oder die Breite der Revers lässt sich deshalb nicht beliebig ändern.

Die Franzosen nennen die Handwerksarbeit „le grand sur-mesure“ und die Maßkonfektion „le sur-mesure industriel“, was den Unterschied gut beschreibt. Auf der einen Seite die „große“ Handwerksarbeit, die auf Deutsch auch als „Vollmaß“ bezeichnet wird, auf der anderen die industriell gefertigte Maßkleidung – die gleichwohl einen hohen Anteil von Handarbeit aufweisen kann. So eindeutig es ist, dass die Anproben die Arbeit des Schneiders klar von der des Maßkonfektionsanbieters unterschieden, so uneins sind die Schneider darüber, wie die erste Anprobe abzulaufen hat. Die Rede ist von den Ärmeln. Sollen sie bei der ersten Probe eingeheftet sein oder nicht? Die einen sind dafür, die anderen dagegen, und eine dritte Fraktion zieht es vor, nur einen der beiden Ärmel einzuheften. Ganz abgesehen von manchen Pariser Schneidern, die für die erste Anprobe noch nicht den vom Kunden georderten Stoff, sondern nur ein neutrales Leinengewebe zuschneiden und zusammenheften.

Betrachten wir zunächst die Methoden der englischen Maßschneider. Hier wird in aller Regel mit beiden Ärmeln probiert, denn zum einen kann der Kunde sich auf diese Weise einen besseren Eindruck von seinem Kleidungsstück verschaffen, und zum anderen muss die Jacke nach der ersten Anprobe ohnehin wieder vollständig auseinander genommen werden. Notwendige Änderungen, wie etwa eine Vergrößerung des Armlochs, zeichnet der Schneider mit Kreide an und setzt sie später um. Das dritte Argument für die Anprobe mit Ärmeln ist die dadurch zu erreichende Zeitersparnis. Sollte zum Beispiel etwas mit der Weite oder der Position des Ärmels nicht stimmen, wird dies jetzt schon und nicht erst bei der zweiten Anprobe auffallen. Dementsprechend kann der geänderte Ärmel bei der zweiten Anprobe gleich mitbegutachtet werden. Auf die Frage, warum seine kontinentalen Kollegen ohne oder nur mit einem Ärmel probieren, antwortete ein Londoner Zuschneider lakonisch: „Vielleicht sind sie zu faul, die Ärmel für die Anprobe einzusetzen.“

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Anprobe bei Simon Skottowe in Budapest. Er beginnt die Anprobe mit eingehefteten Ärmeln und entfernt sie anschließend, um den Sitz des Armlochs zu überprüfen  (Foto: Simon Skottowe)

Dies weisen die solchermaßen verdächtigten Zunftgenossen natürlich weit von sich. So argumentiert ein deutscher Maßschneider: „Es hat keinen Sinn die Ärmel einzusetzen, da ich ja vielleicht noch etwas am Armloch machen muss. Und die Balance kann ich auch ohne Ärmel überprüfen.“ Dies mag zwar richtig sein, doch der Kunde bleibt bei diesem Verfahren auf der Strecke. Schneider, die bei der ersten Anprobe ohne Ärmel arbeiten, sind vermutlich der Auffassung, dass dieser wichtige Termin vor allem für sie selbst gedacht ist. Der Kunde wird erst in der zweiten Stufe einbezogen, deshalb werden auch dann erst die Ärmel eingefügt. Allerdings zeigen sich gerade Neulinge im Maßatelier bei der ersten Anprobe entsetzt über den Anblick des ärmellosen Rohlings und können sich nur schwer vorstellen, dass daraus irgendwann ein elegantes Kleidungsstück werden soll. Die geringe Mehrarbeit, die das Einheften der Ärmel bedeutet, ist also auch eine vertrauensbildende Maßnahme, die sich gerade bei Erstkunden lohnt.

Was wiederum spricht für das Einheften eines Ärmels statt beider? Auch diese Methode hat ihre Anhänger, doch eigentlich lässt sich kaum ein stichhaltiges Argument dafür finden. Entweder verzichtet man aus den genannten Gründen ganz auf die Ärmel, oder aber man heftet beide ein. Zwar ist auch an einem einzelnen Ärmel ablesbar, ob dessen Weite stimmt, doch ob er richtig eingesetzt ist, muss schließlich auf beiden Seiten überprüft werden. Deshalb heißt es auch in der in den dreißiger Jahren in Hannover erschienenen Fachzeitung Die Zuschneidekunst, dass grundsätzlich entweder kein Ärmel oder beide einzuheften sind. Außerdem, so warnt das Blatt, bestehe die Gefahr, dass bei einer Anprobe mit nur einem Ärmel sich das Kleidungsstück nach dieser Seite herüberzieht. Der englische Maßschneider Simon Skottowe, der ein Atelier in Budapest betreibt, macht einen Kompromiss. Er heftet für die erste Anprobe beide Ärmel ein und überprüft dann, wie wie die Ärmel sitzen und ob sie noch gedreht werden müssen. Den Ärmel zu drehen bedeutet, dass er an die Haltung der Arme im entspannt herabhängenden Zustand angepasst wird. Außerdem überprüft Skottowe, der regelmäßig bei dem Wiener Tuchhändler und Herrenausstatter Wilh. Jungmann & Neffe zu Gast ist, die Passform des Ärmels am Bizeps und an den Schultern. Anschließend entfernt er die Ärmel wieder und überprüft die Position des Armlochs.

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Ein Artikel aus der deutschen Schneiderfachzeitschrift Rundschau der Herrenmode, vermutlich aus den 1950er Jahren. In dem Bericht über den Stuttgarter Herrenschneider Fritz Münch wird berichtet, dass dort nur eine Anprobe stattfand, was ca. 15 Arbeitsstunden gespart.

Wie oben erwähnt, gehen manche Pariser Schneider einen ganz anderen Weg. Sie übertragen das Schnittmuster vom Papier nicht gleich auf den gewünschten Stoff, sondern auf ein neutrales Leinengewebe (toile), das sie anschließend zuschneiden zusammenheften. Eine Methode, nach der übrigens auch die Haute-Couture-Schneider bei der Modellentwicklung sowie einige Hemdenmacher arbeiten. Für diese Technik spricht, dass man bei Kunden mit sehr schwierigen Figuren das Schnittmuster nach der Anprobe sehr stark abändern kann, ohne den Musterverlauf des Originalstoffs zu beeinträchtigen oder ihn gar zu verschneiden. Allerdings fällt die „toile“ natürlich etwas anders als der Anzugstoff, insofern sind spätere Anpassungen auch bei diesem Verfahren notwendig. Sicherlich liefert die Anprobe eines Prototyps aus neutralem Stoff dem Zuschneider wertvolle Erkenntnisse, doch nicht jeder Kunde ist bereit, deshalb länger auf seinen Anzug zu warten. Darüber hinaus erhöht dieser Zwischenschritt auch die Kosten. Mit „toile“ arbeiten hierzuande viele Damenschneider, doch auch Herrenschneider verwenden diese Methode gelegentlich, z. B. Carlo Jösch in Köln.

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Jacken fertig zur Anprobe bei dem Wiener Herrenschneider Michael Possanner. Die erste Anprobe macht er nach österreichischer Tradition ohne Ärmel (Foto: Bernhard Roetzel)

 

Zur Arbeitsweise der deutschen Maßschneider gehört die sogenannte Stecknadelprobe. Hierbei wird das geheftete Kleidungsstück direkt am Kunden aufgetrennt und wieder neu zusammengesteckt. Der zukünftige Besitzer des Maßanzugs zieht zunächst die vorbereitete Jacke an. Anhand der durch Einschlagstiche markierten Querzeichen schließt der Zuschneider die Vorderteile mit Stecknadeln. Nun werden Ärmellänge und Schulterbreite kontrolliert. Anschließend entfernt der Zuschneider die Ärmel und den Oberkragen, indem er – je nach seinem persönlichen Stil – die Heftnähte mit der Schere auftrennt oder die Einzelteile mit Schwung herunterreißt. Nun geht er daran, die Balance zu überprüfen und gegebenenfalls zu verbessern. Dazu wird die Schulternaht aufgetrennt und das Vorderteil so lange der Körperkontur angepasst, bis das gewünschte Ergebnis erreicht ist. Die Einlage im Schulterbereich wird ebenfalls optimiert. Nun wird das Rückenteil am Körper hochgestrichen und überschüssiger Stoff abgesteckt. Wenn die Schulter fertig ist, begutachtet der Zuschneider noch einmal den Rücken und die Seiten, um sie notfalls ebenfalls zu öffnen und neu festzustecken. Ist dies getan, wird der Kragen wieder fixiert. Heinz-Josef Radermacher in Düsseldorf arbeitet so, oder Volkmar Arnulf in Potsdam.

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Anprobe einer Anzugjacke bei der Sartoria Diletto aus Mailand. Die Ärmel werden dort bei der ersten Anprobe entfernt (Foto: Erill Fritz)

 

Es herrschen unterschiedliche Auffassungen darüber, ob die Stecknadelprobe Sinn macht oder eher überflüssig ist, allerdings wäre es ungerecht, ihren Anhängern Effekthascherei oder gar mangelnde Sicherheit im Zuschnitt zu unterstellen. Genauso wenig trifft es zu, dass allein die Stecknadelprobe ein perfektes Ergebnis garantiert, denn diese Behauptung würde implizieren, dass die Verfechter der Kreideprobe weniger vollkommene Anzüge liefern. Nadel und Kreide sollten als zwei unterschiedliche Wege zum gleichen Ziel gesehen werden. Im Allgemeinen wird ein erfahrener und talentierter Zuschneider bei der ersten Anprobe aber ohnehin schon ein recht gut passendes Kleidungsstück präsentieren. Lediglich bei sehr schwierigen Figuren oder starken Gewichtsveränderungen kann es gerechtfertigt sein, eine Jacke am Körper aufzutrennen und neu zusammenzustecken. So oder so sollte der Kunde jedoch die Arbeitsmethoden der verschiedenen Schneidertraditionen respektieren. Welche Vorgehensweise ihm am meisten zusagt, hängt letztlich auch davon ab, in welcher dieser Traditionen er sich stilistisch am besten aufgehoben fühlt.