Manche Kleidungsstücke, Schuhe, Accessoires oder Looks polarisieren. Man liebt sie oder hasst sie. Dazwischen gibt es nichts. Einen dunklen Anzug mag man oder nicht, kaum einer wird sich aber darüber aufregen, wenn jemand ihn trägt. Ganz anders aber bei diesen ganz speziellen Aufreger-Teilen:

  1. Flipflops
    Jeden Sommer sprechen mich Redakteure auf die Zehenstegsandalen aus Gummi an. Darf man sie tragen oder nicht? Sind sie an heißen Tagen im Büro akzeptabel? Kann ich sie beim Bummel in der Stadt tragen oder nur am Strand? Der Berliner Herrenausstatter Chelsea Farmers Club verbietet im Sommer per Schild das Betreten des Ladens mit Flipflops, was jedoch nicht ganz ernst zu nehmen ist. Erstens, da der Inhaber des Hauses eigentlich nie ernst ist und er zweitens selbst einen sehr exzentrischen Stil pflegt. Sein Statement ist aber dennoch klar: Flipflops sind einfach albern und dem kann man zustimmen. Als Strand- oder Badelatschen sind natürlich okay und meines Erachtens auch stilvoller als die Adilette. Als täglich getragenes „Schuhwerk“ für den Sommer sind sie aber ungeeignet, jedenfalls nach den Maßstäben der europäischen Bekleidungskultur.
  2. Die Jogginghose
    Es geht nicht um die Tauglichkeit der klassischen Jogginghose für den Laufsport oder darum, ob man es sich in diesen Beinkleidern zu Hause bequem machen soll oder nicht. Es geht um die Jogginghose aus dem Discounter und die Frage, ob sie als Alltagsgewand taugt sowie um die Jogginghose in der Version der Modedesigner, die sie seit einiger Zeit als Alternative zu Jeans oder Chinos positionieren. Die Jogginghose ist Sportkleidung, so wie das T-Shirt, das Sweatshirt und auch der Laufschuh. Wobei man heute eigentlich nicht mehr von „Jogging“ spricht, wenn das Laufen gemeint ist. „Jogging“ ist so „eighties“ wie die Jogginghosen selbst. Beim Laufen trägt man heute hautenge Beinkleider aus Funktionsmaterial. In denen fühle ich mich übrigens so unwohl, dass ich gern klassische Sweatpants darüber ziehe. Aber nur beim Laufen. Das habe ich erst vor kurzem Radiointerview gesagt und wiederhole es auch hier.
  3. Der Gürtel mit H-Schließe
    Ist es ein Sakrileg, den Gürtel der großen französischen Marke bei den polarisierenden Teilen aufzuführen? Ich selbst habe mir vor ca. 25 Jahren diesen Gürtel aus gutem französischem Hause gekauft und er wurde auf einer Seite des Gentleman-Buchs sogar fotografisch verewigt. Schon damals habe ich ihn aber selten getragen, da ich ihn zum Anzug unpassend finde und zu Freizeithosen schon gar. Außerdem werden meine Anzughosen ohnehin fast alle von Hosenträgern gehalten. Vor allem finde diesen Gürtel einfach zu wenig diskret. Und wieso soll ich den Anfangsbuchstaben einer Marke vorzeigen, wenn mein Hemd meine eigenen Initialen trägt? Irgendwann habe ich diesen Gürtel deshalb verkauft und trage seitdem wieder ausschließlich englische Riemen aus Sattelleder mit Messingschließe oder sportliche Gürtel aus kräftigem Canvas.
  4. Monogram Canvas
    Ich werde in Interviews oft nach Stilsünden meiner Jugend gefragt. Bisher verschwiegen habe ich, dass ich mir Ende der 1990er einige Gepäckstücke aus dem braunen Monogram Canvas zugelegt habe. Meine englischen Freunde witzelten darüber und meinten, dass diese Taschen sehr nach Filmstar der 1930er aussehen. Was noch nett formuliert war. Abgesehen davon, dass der berühmte „Keepall“ sich einfach unheimlich schlecht packen lässt und somit wirklich nur für seinen ursprünglichen Verwendungszweck geeignet ist, nämlich Schmutzwäsche zu transportieren, kann ich das Logo einfach nicht mehr sehen. Exklusiv ist es nur aufgrund des Preises, der große Käuferschichten ausschließt, in relativ großen Mengen wird der Monogramm-Canvas aber dennoch produziert. Es gibt sicherlich einige geschmackvolle Gepäckstücke und Kleinlederwaren dieses Herstellers, die sind dann aber aus Leder gefertigt und sind auch weit weniger verbreitet. Vielleicht, weil eben das gut erkennbare Logo fehlt.
  5. Krawattenklammern
    Es gibt wohl kaum ein überflüssigeres Accessoire. Ich trage seit ca. 35 Jahren regelmäßig Krawatte und habe eine Klammer noch nie vermisst. Es gibt nur sehr, sehr wenige Herren, die sich stilvoll kleiden und eine solche Klammer verwenden. Man könnte es auch so sagen: Herren, die so stilvoll sind, dass die Krawattenklammer nicht stört. So habe ich z. B. Bilder entdeckt, auf denen man den Prince of Wales mit Krawattenklammer sieht. Er bringt sie bei seinen Zweireihern aber in Bauchnabelhöhe an, was die Klammer unter der geschlossenen Jacke unsichtbar macht. Dort verhindert sie, dass die Krawatte verrutscht, was für ihn in seiner repräsentativen Rolle vielleicht wichtig ist. Sichtbar als Schmuck sollte der Krawattenkneifer aber nicht getragen werden, denn er gibt der ganzen Erscheinung eine sehr spießige Note. Auf Autos übertragen entspricht die Krawattenklammer dem Duftbaum am Spiegel, der auch das schönste Interieur verhunzt. Nur als Witz sind Krawattenklammer und Duftbaum okay.
  6. Das Kurzarmhemd
    Modekritiker bekommen Beifall, wenn sie sich über die Kreationen der Designer lustig machen. Wenn es um Kritik am Look der Masse geht, reagieren die Leser giftig. So auch, wenn man das allseits beliebte Kurzarmhemd aufs Korn nimmt. Es ist aber nun mal, dass kurze Ärmel nicht zum Sakko oder Anzug passen und nackte Unterarme nicht zum Businesslook. Natürlich müssen heute viele Männer nicht mehr Anzug und Krawatte bei ihrer Arbeit anziehen, dann ist aber ein Poloshirt die stilvollere Alternative zu dem biederen Kurzarmhemd. Am schlimmsten ist aber die Kombination aus Kurzarmhemd, Krawatte und Jeans, sie lässt das Bemühen erkennen, dass die Partnerin Wert darauf legt, dass ihr Mann gepflegt aussieht. Die wenigsten Männer würden sich nämlich freiwillig so ausstaffieren. Also: Entweder Anzug mit Langarmhemd und Krawatte, Sakko und Langarmhemd ohne Krawatte, Langarmhemd mit Pullover oder Cardigan oder gleich Poloshirt.
  7. Die Kurzsocke
    Neulich hat es mir ein bekannter deutscher Strumpfunternehmer wieder im Gespräch bestätigt: In Deutschland verkauft er zu 90 Prozent Kurzsocken und nur zu 10 Prozent Kniestrümpfe. In Italien ist es umgekehrt, der italienische Herr zeigt ungern Bein unter dem Hosenbein. Wir lassen uns gern vom „stile latino“ inspirieren, bei den Socken bevorzugen deutsche Männer aber allzu oft die Mini-Version. Dafür werden viele Gründe genannt. Kniestrümpfe sind angeblich zu warm (im Sommer stimmt das, doch wer schön sein will, muss leiden), sie schnüren angeblich das Bein ab (mag subjektiv so empfunden werden), rutschen ständig (sollte bei Qualitätsstrümpfen nicht der Fall sein) oder werden einfach als albern empfunden. Wer sehr eng geschnittene Hosen trägt, hat tatsächlich oft das Problem, dass das Beinkleid am Kniestrumpf hängenbleibt. Doch wer sagt, dass extrem enge Hosen gut aussehen? Am Ende ist es eine Frage der Stimmigkeit. Wenn zwischen dunklem Strumpf und dunklem Hosensaum ein helles Bein hervorschaut, ist das einfach unharmonisch. Und ein Stilbruch. Wie ein zu weit aufgeknöpftes Hemd.

  1. Warum immer Stilmix?
    Was ist eigentlich so schlecht daran, wenn man bei seinem Outfit einen Stil durchhält? Gekonnter Stilmix gilt als Ausweis von gutem Geschmack. Es ist aber keineswegs ein Beweis für mangelnde Phantasie, wenn man nur einen Stil zur Zeit trägt. Tweedsakko, Kordhosen, Hemd, Krawatte und Brogues sind doch wunderbar. Muss ich unter dem Sakko noch ein Kapuzenshirt tragen? Oder Sneakers anstelle der Brogues? Less is more. Oder?

    IMG_0112
    Der Hemdenmacher Mariano Langa (links im Bild) und ein Kunde der Sastreria Langa. Sind grüne Schuhe schon Stilmix? Oder bleibt es im Rahmen des klassischen Looks? 
  2. No brown after six?
    Auf diese Regel wird man als Sakko- oder Anzugträger häufig angesprochen, wenn man abends zum dunkelgrauen Kammgarnstoff oder Tweedsakko und Flanellhosen dunkelbraune Schuhe trägt. Meistens von Leuten, die selbst in Sneakers und Sweartshirt daherkommen. Ich selbst trage bei Abendanlässen eher schwarze Schuhe (und ein weißes Hemd) zum dunklen Anzug, dunkelbraune Schuhe sind aber abends keineswegs grundsätzlich verkehrt. Mich stört eher, dass abends immer häufiger hellgraue Anzüge getragen werden, oftmals sogar mit sportlichem Desssin wie Glencheck. Auch und vor allem von klassisch gekleideten Italienern. Bin ich der einzige, der abends auf dunklem Tuch besteht?

    JH_FINALS-3
    Schwarze Schuhe sind abends immer noch die korrekte Wahl zum dunklen Anzug, gegen dunkelbraune Schuhe ist bei weniger förmlichen Anlässen aber nichts mehr einzuwenden (Foto: Ed. Meier München
  3. Hut-Etikette
    Influencer und Instagram-Ikonen tragen zur Zeit viel Hut. Gern aus buntem Filz und mit Feder. Auch riesige Krempen sind beliebt. Form und Farbe der Kopfbedeckungen lasse ich jetzt unkommentiert, ich frage mich vielmehr, ob die Hut-Etikette völlig in Vergessenheit geraten sind? Seit ungefähr 100 Jahren ist es üblich, dass man seinen Hut an der Garderobe abgibt, wenn man eine Abendveranstaltung besucht. Oder man hängt den Hut auf einen Haken. Wenn keine Haken vorhanden oder frei sind, kann der Hut auch unter den Stuhl gelegt werden. Heute stehen die Herren mit Hut auf dem Kopf an der Bar. Auch im Restaurant werden Hüte oftmals nicht abgesetzt. Ich halte es nach wie vor mit der alten Regel, dass man grundsätzlich Hüte in Innenräumen absetzt, nur in öffentlichen Innenräumen (z. B. Bahnhofshallen), in Verkehrsmitteln (Zug oder Bus) sowie im Aufzug bleibt der Hut auf dem Kopf. Ich ziehe sogar den Hut zur Begrüßung und während des Gesprächs mit Damen und älteren Herrschaften setze ich ihn erst nach dem Abschied wieder auf. Ist das alles „out“?

    Film 113 - 39
    Hüte sind beliebt, die Hut-Etikette kennt aber kaum jemand. Hier ein Modell nach Maß von Jürgen Eifler aus Köln (Foto: Bernhard Roetzel)
  4. Bart und Rasur
    Bärte erfreuen sich seit einigen Jahren großer Beliebtheit. Entgegen meinen in verschiedenen Interviews gemachten Vorhersagen scheint dieser Trend keine Eintagsfliege zu sein. Ich gebe zu, dass ich den Vollbart nicht bei jedem Mann vorteilhaft finde. Ich kenne die Kostüm- und Sozialgeschichte Europas aber gut genug, um den Bart einordnen zu können. Kurz und gut: Ich habe nichts gegen Barttrachten. Seltsam finde ich nur, dass viele Männer, die keinen Vollbart oder Schnurrbart tragen, trotzdem nicht glattrasiert auftreten. Auch bei dieser Ausgabe der Pitti Uomo in Florenz sind mir viele Herren aufgefallen, die sehr korrekt in Anzug oder Kombination gekleidet waren, sich aber nicht rasiert hatten. Ist das glatte Gesicht bei den Nichtbartträgern nicht mehr gefragt?

    113_0
    Für das glatte Gesicht: Rasiercreme aus dem Sortiment von The English Scent in Berlin
  5. Einkaufstaschen für Männer
    Als ich ein Kind war, also in den Siebzigern, benutzten die meisten noch Plastiktüten, um den Supermarkteinkauf nach Hause zu tragen. Nur Großmütter benutzten stabile Einkaufstaschen aus Kunstleder oder Leder. Männer trugen Aktentaschen und der Herr trug gar nichts oder einen Stockschirm. Heute gehört es bei vielen stilbewussten Männern zum guten Ton, eine Einkaufstasche spazieren zu führen. Da das Wort Einkaufstasche zu sehr nach den Großmüttern meiner Kinderzeit klingt, heißt die Einkaufstasche jetzt auf Englisch „tote bag“. In meinem Oxford Advanced Learner’s Dictionary von 1982 findet sich zwar das Verb „to tote“ (gleich „tragen“), nicht aber der „tote bag“. Den findet man aber bei Wikipedia. Wahrscheinlich ist mein Geschmack bei diesem Thema so veraltet wie mein Wörterbuch, ich finde aber, dass eine Einkaufstasche nicht zum Anzug passt.

    KREIS-Aktentasche_Alpha_I
    Aktentasche aus der Ledermanufaktur von Bernd Kreis. Viele Männer trage heutzutage lieber Einkaufstasche (Foto: Kreis Ledermanufaktur)

 

 

00438-vmaclach-7o7a5561
Kaschmirschal „Made in Scotland“ von Johnstons of Elgin (Foto: Johnstons)

Whisky, Tartan, Kilt. Vielleicht auch Haggis. Aber Kaschmir? Wenn von Schottland die Rede ist, denken die wenigstens an den Namen der edlen Faser aus dem Orient. Mit dem Land der Schotten assoziiert man eher Karostoffe, Tweed und Single Malts. Dennoch ist Schottland immer noch die beste Provenienz für Kaschmirmode. Denn seit dem 19. Jahrhundert wird dort das aus Asien stammende Rohmaterial verarbeitet. Zu Stoffen für Anzüge und Mäntel. Und zu feinsten Strickwaren.

In Schottland hatte sich schon im 18. Jahrhundert eine florierende und hochmoderne Textilindustrie entwickelt. Als die ersten Ballen Rohkaschmir bei den dortigen Spinnereien landeten, konnten die aufgrund ihres technischen Know-hows mit der extrem feinen Faser sofort etwas anfangen. Kaschmir war ein Erzeugnis der britischen Kolonien, das Empire saß im Orient sozusagen an der Quelle der edlen Faser. Schottische Spinnereien lieferten fortan das Garn, aus dem textiler Luxus gewirkt wurde. Einer der ersten Exportschlager waren flaumweiche Umlegetücher für Damen, die in ganz Europa zum begehrten Statussymbol wurden. Kaiserin Eugénie, Gattin von Napoleon III., liebte sie genauso wie Queen Victoria. Ende des 19. Jahrhunderts gewann gestrickte Oberbekleidung an Bedeutung. Der damals einsetzende Sportboom löste eine große Nachfrage nach dem „sweater“ aus, also dem Wollpullover. Er war in verschiedenen Modellvarianten äußerst beliebt bei Radfahrern, Golfspielern, Ruderern, Cricketspielern, Wanderern und anderen Bewegungsfreudigen. Ärzte und Gesundheitsapostel propagierten Wolle als die Bekleidung des gesunden Menschen und Sportler schätzten ihre schweißtreibende Wirkung beim Training.

Vom reinen Outdoor- und Sportoutfit entwickelte sich der Pullover in den 1920ern dann langsam hin zum Freizeitoutfit. Aus Lammwolle war er Pflicht, aus Kaschmir Kür. In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde er zum Markenzeichen der lässigen Hollywoodeleganz. Stars wie Fred Astaire, Frank Sinatra, Dean Martin oder Cary Grant relaxten stilvoll in Kaschmir, die High Society und das internationale Jetset machten den federleichten Strick zum Symbol lässiger Eleganz. In den 1980ern bekamen die Schotten vermehrt Konkurrenz aus Italien. Die dortige Textilindustrie hatte sich nach 1945 mit neuesten Maschinen neu aufgestellt und gewann dank guter Qualität und modischerem Design mehr und mehr an Boden. In den 1990ern wurde Kaschmirstrick von den meisten Käufern dann fast nur noch mit italienischen Marken identifiziert. Kenner und Anglophile blieben aber dem Strick aus Schottland treu. Allen voran die italienischen Kunden, bei denen bis heute die Label von der Insel hoch begehrt sind. Deshalb tragen viele Kaschmirpullover „Made in Italy“ schottisch klingende Markennamen.

Wer bei Kaschmir mitreden will, muss nicht nur die Herkunft der Faser kennen. Es sollten ihm auch ein paar textiltechnische Fachbegriffe geläufig sein. Denn wenn es um Kaschmirstrick aus Schottland geht, fallen häufig die englischen Vokabeln „two-ply“, „four-ply“ oder „six-ply“. Sie stehen für die Beschaffenheit des Garns. Es wird aus den zuvor gereinigten Fasern gesponnen, also zu einem Faden zusammengedreht. Je feiner und länger die Fasern sind, desto hochwertiger das Garn. Wenn es aus kurzen Fasern oder Faserresten hergestellt wird, neigt es dagegen zum so genannten Pilling, also herausstehenden und sich verfilzenden Faserspitzen. Aus dem Garn kann direkt ein Pullover gestrickt werden, das Ergebnis ist dann eine normale bis mittelgute Qualität. Wenn man aber mehrere Garnfäden zusammendreht, mindestens zwei, dann entsteht ein Zwirn. Besteht er aus zwei Fäden, redet man von „two-ply“, wenn vier Fäden verdreht wurden, von „four-ply“. Zwirn ist stabiler und elastischer, das überträgt sich dann auch auf den daraus gewirkten Strick. Der entsteht natürlich nicht in Handarbeit, zum Einsatz kommen Flachstrickmaschinen.

Der mechanische Ersatz für die manuell geführten Stricknadeln geht auf die Erfindung des englischen Pfarrers William Lee zurück, der schon 1589 den Strumpfwirkstuhl entwickelt hat. Die Maschine lieferte eine flache Wirkware, die dann zu einem Strumpf zusammengenäht werden konnte. Die Novität des Geistlichen wurde aus Rücksicht auf die Handstricker des britischen Empires zunächst verboten und musste in Frankreich gebaut werden. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts durfte er dann auch in seinem Heimatland eingesetzt werden. Seit dieser Zeit wurde der Maschinenpark ständig durch Innovationen verbessert. Geblieben ist der Unterschied zwischen „Fully fashioned“ und Schnittware. „Fully fashioned“ besagt, dass die Form des Pullovers schon beim Stricken entsteht. Er hat dadurch eine bessere Passform und die Nähte fallen feiner aus. Günstiger sind Pullover, die aus Schnittware zusammengefügt werden. Luxuspullover sind stets „Fully fashioned“, doch dies allein rechtfertigt noch nicht den höheren Preis. Spitzenstrick aus Kaschmir wird aufwändig veredelt, also gewaschen, getrocknet und gebügelt, um den gewünschten Griff zu erreichen. Dieser Vorgang ähnelt der Veredelung von Geweben, die ebenfalls erst durch den Einsatz von Wasser, Seife und Dampf die richtige Weichheit erlangen.

Kaschmir wird heute in einem vorher nie für möglich gehaltenen Umfang auf den Markt geworfen und zum Teil zu Dumpingpreisen. Doch nicht alles, was als Kaschmir angeboten wird, trägt zu Recht diesen Namen. Die teure Ziegenfaser wird gern mit Haare anderer Tiere gestreckt, z. B. von dem Yak, einem asiatischen Hochlandrind. Wer sicher gehen will, dass er wirklich gute Kaschmirstrickwaren bekommt, darf nicht auf Discounterpreisen bestehen. Die traditionsreichen Anbieter aus Schottland stehen für Spitzenware, die bei entsprechender Pflege auch nach langer Zeit noch gut aussieht. Die schonende Handwäsche steht an erster Stelle, alternativ kann man Kaschmirpullover aber auch chemisch reinigen lassen. Kaltes Wasser und Haarshampoo oder Feinwaschmittel schaden aber in keinem Fall, wichtig ist dabei nur, dass man den Pullover beim Waschen und Spülen keinen Temperaturunterschieden aussetzt. Der Ablauf ist ganz einfach: Das Waschmittel gut im Wasser verteilen, dann den Pullover eintauchen und behutsam waschen. Nach dem gründlichen Spülen wird der Pullover sanft ausgedrückt und in ein Handtuch gerollt. Vom Waschbecken oder der Schüssel sollte der Pullover immer als Knäuel gehoben werden, also nicht an der Schulterpartie anfassen. Das gilt auch für das Spülen. Im Handtuch wird weiteres Wasser herausgedrückt, bitte nicht auswringen. Dann wird das edle Stück in einem warmen, gut belüfteten Raum zum Trocknen hingelegt. Also nicht aufhängen, vielmehr auf einem Handtuch ausbreiten und einfach warten. Wenn der Pullover dann nicht glatt genug ist, am besten bedampfen. Bevor er für längere Zeit verstaut wird, unbedingt waschen.

 

 

 

 

cropped-img_58051.jpg
Das Maßhemd von Gino Venturini ist ein Wiener Klassiker. Der Kragen, der im Bild zu sehen ist, heißt „Franziskus“, der Karostoff stammt von der Schweizer Weberei Alumo aus Appenzell (Foto: Jan Hemmerich)

Kein Kleidungsstück, das wir für die Außenwelt sichtbar tragen, kommt uns so nah wie das Hemd. Und keines darf so sehr für sich beanspruchen, uns im wahren Wortsinn einzurahmen. Der Kragen ist sozusagen der Sockel, auf dem unser Gesicht wie eine Büste präsentiert wird. Deshalb gilt das perfekt auf die Persönlichkeit abgestimmte Maßhemd Kennern als Schlüssel zum perfekten Auftritt und Ausweis wahrer Eleganz. Es bei Gino Venturini in Wien machen zu lassen, ist ein besonderes Erlebnis. Denn zum Service gehört auch eine Anprobe.

Wien ist nicht so stark von Touristen überlaufen wie Salzburg, stark präsent sind sie aber dennoch. Die Einheimischen nehmen das gleichmütig hin. Immerhin bringen die Besucher Geld ins Land. Und bestimmte Cafés, Restaurants und Heurigenlokale meiden die Wiener einfach. Es gibt aber Touristen, die nicht wie Touristen aussehen, Reisende in Sachen Garderobe. Die trifft man z. B. bei Gino Venturini in der Spiegelgasse 9. Wie den Herrn aus Norddeutschland mit Marineblazer, Clubkrawatte und grauen Flanellhosen, an den Füßen rotbraune Maßschuhe aus Wien, Stammkunde seit Jahren. Meistens sucht er die Hemden zu Hause aus, Stoffproben bekommt er geschickt. Jetzt ist er geschäftlich in Wien und besucht natürlich auch seinen Hemdenmacher. Oder der Unternehmer aus der Schweiz, der eigens aus der Nähe von Appenzell angereist ist, um erstmals Maß nehmen zu lassen. Inhaber Nicolas Venturini führt den gerade vom Flughafen eingetroffenen Novizen in den hinteren Bereich des Ladens und hilft ihm aus der Anzugjacke.

IMG_1442
Das Ladengeschäft von Gino Venturini erinnert von seiner Größe her an den Krawattenladen von E. Marinella in Neapel. Ähnlich wie dort ist es auch bei dem Wiener Hemdenmacher selten leer im Laden, meistens geben die Kunden sich die Klinke in die Hand (Foto: Peter Sverak)

Während der Neukunde auch noch die Weste aufknöpft, begrüßt Nicolas Venturini einen jungen Mann, der ein Hemd zur Reparatur zu bringt. Kragen und Manschetten sind durchgescheuert, bei Venturini kein Grund, das Hemd auszurangieren. Denn jedem Maßhemd wird genügend Stoff mitgegeben, um ihm in Form von neuem Kragen und neuen Manschetten ein zweites Leben bescheren zu können. Nun kann das Anamnesegespräch beginnen. Der medizinische Begriff passt gut, denn der Hemdenmacher muss erst ein paar Fakten erfragen, bevor er mit dem Messen beginnt. Wo und wann soll das Hemd getragen werden? Wie soll es sitzen? Welche Art von Stoff bevorzugen Sie? Das Ganze im verbindlichsten Plauderton. Beim Sprechen lässt Nicolas Venturini den Blick unauffällig über die Figur des im Hemd dastehenden Mannes gleiten. Wie ein Orthopäde den Gang des Patienten schon beim Hereinkommen analysiert, scannt er jede Besonderheit der Figur. Diese Routine kommt aus jahrzehntelanger Übung. Vierzig Jahre lang hat er mit seinem Vater in dem Geschäft gelebt, schon als Bub war er regelmäßig dort. Er zeigt auf einen kaum wahrnehmbaren Fleck an der Holzvertäfelung und erklärt, dass er vom pomadisierten Haarschopf des Mannes herrührt, der jahrelang hinter der Registrierkasse saß und manchmal seinen Kopf an die Wand gelehnt hat.

Maßhemdenanbieter lassen die Kunden in aller Regel so genannte Schlupfmuster probieren, also Hemden in den üblichen Kragenweiten. Man zieht sie über und der Hemdenmacher überprüft, wo es passt und wo nicht. Dabei geht es meistens vor allem um die Längen- und Umfangmaße, selten werden Unregelmäßigkeiten der Figur berücksichtigt. Venturini arbeitet lieber mit dem Maßband. Und mit seinen Augen. So wie es in ganz Europa bei Wäscheschneidern üblich war und heute kaum noch praktiziert wird. Die Maße werden dann in einen vollkommen individuellen Schnitt umgesetzt, auf dessen Basis ein Probierhemd aus einem neutralen Stoff genäht wird. Dieser Prototyp wird dann einer Anprobe unterzogen. Erst danach entsteht der endgültige Schnitt für den Kunden. Das minimiert das Risiko für Kunde und Hemdenschneider und garantiert eine Passform, die wirklich alle Besonderheiten und Vorlieben berücksichtigt. Von Körperscannern hält Nicolas Venturini nichts, denn die liefern nur eine Momentaufnahme. Das Hemd wird ja für einen Menschen gemacht, der sich bewegt. Da braucht es auch einen Menschen, der die Maße nimmt. Der Hemdenschneider, selbst korrekt aber unauffällig gekleidet, beobachtet ganz genau. Wie steht der Kunde? Wie geht er? Wie sitzt das Hemd, das er gerade trägt? Wo wirft es Falten. Und er fragt natürlich auch: Soll das Hemd weiter ausfallen oder eng? Sind Abnähern am Rücken gewünscht? Wo soll die Naht zwischen Ärmel und Rumpf platziert werden? Direkt auf dem Schulterknochen oder ein Stück weiter unten? Welche Gesamtlänge ist gewünscht? Manche Kunden haben sich über diese Dinge noch nie Gedanken gemacht. Nicolas Venturini kann Wünsche oft nur erahnen und formulieren.

Der Kunde aus der Schweiz hat sehr genaue Passformvorstellungen. Seine Anzüge kommen vom Schneider, seine Schuhe vom Maßschuhmacher. Man merkt, dass er sich vorher Gedanken gemacht hat. Solche Kunden erleichtern dem Hemdenschneider die Arbeit. Nicolas Venturini holt die Stoffmusterbücher. Dicke, in grünes Leder eingebundene Ordner, in denen alle Farben, Muster und Webarten zu finden sind. Blau, Rosa, Flieder, Grün, Gelb, Elfenbein, Weiß. Römerstreifen, Ginghamkaro, Fil-à-Fil, Fischgrat. Popeline, Zephir, Voile, Batist, Twill, Oxford, Seersucker, Flanell.

IMG_1433
Die Stoffauswahl ist sehr umfangreich. Viele Qualitäten aus den Büchern sind am Lager, was die Lieferzeit verkürzt.(Foto: Peter Sverak)

Baumwolle ist die die häufigste Faser, man kann aber auch Hemden aus Seide, Mischungen aus Kaschmir und Baumwolle oder aus Wolle und Kaschmir ordern. Diese Überfülle des Angebots wird manch einen einschüchtern, deshalb macht Nicolas Venturini konkrete Vorschläge. Er hat den Kunden nun schon eine Weile beobachten können, hat seine Fragen gestellt und kann deshalb zielsicher die Proben aus dem Ordner fischen. Der Mann aus der Schweiz geht damit vor die Tür, um die Farbe genau einschätzen zu können. Dann trifft er seine Wahl. Ein hellblauer Glencheck aus einer etwas dickeren Ware, rote und blaue Streifen auf Weiß, kleines rosa Karo auf Weiß und dreimal hellblauer Oxford. Die Mitarbeiterin notiert die Nummern der gewünschten Stoffe auf ihrem Tablet. Bevor diese Stoffe verarbeitet werden können, muss das Probierhemd genäht werden. Bis es fertig ist, werden ein paar Wochen vergehen. Wenn es bereit ist, bekommt der Schweizer eine Nachricht. Per E-Mail.

Der Mann, der jetzt hereinkommt, hat seine E-Mail schon erhalten, das Probierhemd liegt bereit. Er stammt aus Graz und hat vor zwei Monaten Maße nehmen lassen. Nun verbindet er einen geschäftlichen Termin in Wien mit einem Besuch bei dem Hemdenmacher. Eine Mitarbeiterin holt eine Prospekthülle aus einer Schublade, in der bestimmt zwei Dutzend zusammenfaltete Probierhemden auf ihren Einsatz warten. Der Grazer legt hinter dem Vorhang ab während der Chef das noch kragenlose Probierhemd auseinanderfaltet und dann in die Kabine reicht. Kurz darauf geht der Vorhang auf und ein zufrieden lächelnder Mann kommt heraus. Alle Anbieter von Maßkleidung hoffen genau auf dieses erste spontane Lächeln, ob sie nun Hemden, Anzüge oder Schuhe fertigen. Das Probierhemd scheint einen guten Eindruck gemacht zu haben. Das ist ein guter Auftakt. Erwartungsvoll betrachtet der Kunde sich im Spiegel. Eine Anprobe ist natürlich nicht nur Mittel zum Zweck, sie ist auch ein Ritual, das die meisten Kunden genießen.

Nicolas Venturini zupft das Hemd ein wenig zurecht und lässt die Augen wandern. Der Mann aus Graz hat rechts eine stark hängende Schulter. Dafür aber eine relativ flache Brust in Kombination mit leichtem Bauchansatz. Also viele Ansatzpunkte für Falten. Doch beim Probierhemd sind nur wenige zu sehen. Nico Venturini verschließt die Manschette mit einer Stecknadel, dann bittet er den Kunden, den rechten Arm, also den mit der Hängeschulter, anzuwinkeln und auf Brusthöhe anzuheben. „Spüren Sie einen Zug am Ellenbogen?“ Der Kunde nickt andeutungsweise, offensichtlich überrascht über so viel Sorge um seine Bequemlichkeit. Nicolas Venturini hält die geöffnete Hand der Mitarbeiterin hin. Wie einem Chirurgen im OP reicht sie ihm eine kleine Schere und er öffnet damit die Heftnähte, die den Ärmel mit dem Rumpf des Hemds verbinden. Anschließend heftet er den Ärmel sorgfältig neu ein und lässt den Kunden erneut den Arm anwinkeln. Nun ist es besser. Am Ellenbogen ist nichts mehr spürbar. Links entdeckt der Hemdenmacher ein Problem über dem Schulterknochen. Es sieht so aus, als wenn das Hemd dort ein wenig Druck ausüben würde. In der Tat, der Kunde wollte es gerade anmerken. Nicolas Venturini steckt eine Nadel zur Markierung an die Stelle und diktiert der Mitarbeiterin eine Schnittabänderung . Bei Venturini werden die Hemden zwar nach altväterlicher Sitte probiert, der Schnitt entsteht hingegen am Bildschirm. Was den Vorteil hat, dass alle Hemden identisch ausfallen.

IMG_6874
Neue Kunden bekommen ein Probierhemd aus neutralem Stoff, an dem die Passform optimiert wird. Der Stoff für die Probierhemden wird speziell für Gino Venturini gewebt, es werden also keine Stoffreste dafür verwendet.

Nun wird die Vorderseite des Hemds betrachtet. Es gilt, die Knöpfe optimal zu verteilen. Zunächst wird die Lage des ersten Knopfes unterhalb des Kragenknopfes ermittelt. Sie ist sehr wichtig, denn sie entscheidet darüber, wie weit sich das Hemd öffnet, wenn man es ohne Krawatte trägt. Bei Venturini empfiehlt man eine relativ hohe Position und diese Empfehlung wird häufig angenommen. Die Stellung der übrigen Knöpfe ergibt sich aus dem ersten, nun muss nur noch ihre Form ausgewählt werden. Der Kunde entscheidet sich für den flachen und leicht konkaven Venturini-Knopf mit vier Löchern. Seine Ränder sind abgerundet, was ihn zu einem kleinen Fingerschmeichler macht. Natürlich wird er aus echtem Perlmutt gefräst. Nachdem das geklärt ist, kommt das Hemd zu seinem Kragen. Der Kunde hatte bei der Bestellung einen Haifischkragen gewünscht. Nico Venturini holt ein paar Muster dieser Form aus dem Regal und empfiehlt die Form „Franziskus“. Das Kragenmuster wird dem Kunden um den Hals gelegt, zugeknöpft und hinten am Hemd festgesteckt. Der Kunde nickt zustimmend und der Name des gewünschten Kragens wird in das Tablet getippt. Bei Gino Venturini kann man unter über 20 verschiedenen Modellen wählen, Haifisch, Kent, Tab, Buttondown, Eton, Stehkragen – die üblichen Verdächtigen und noch einige mehr. Sie können mit fixierter oder loser Einlage verarbeitet werden. Ein fixierter Kragen ist glatter und behält länger seine Form, der unverklebte Kragen ist weicher, der Stoff wirft dafür aber Wellen und knittert. Was man bevorzugt, ist eine Frage des persönlichen Stils und der bevorzugten Optik. Der Herr aus Graz entscheidet sich für fixiert. Er liebt es akkurat. Nun darf er sich wieder umziehen. Anschließend lässt er sich noch einmal die Stoffe zeigen, die er beim Maßnehmen ausgesucht hatte. Es bleibt bei der Auswahl, die Stoffe wandern nun auf den Zuschneidetisch.

IMG_9604
Das Smokinghemd mit „buntem“ Rücken ist eine Spezialität von Gino Venturini (Foto: Martin Smolka)

Die Preise für das Wiener Maßhemd aus der Spiegelgasse bleiben trotz des Aufwands für die Anprobe im Rahmen. Die Hemden kosten maximal 250 Euro, es sei denn, man besteht auf extrem kostspieligen Stoffen. In aller Regel bleiben die Preise aber unter dem genannten Limit. Denn Gino Venturini betreibt eine eigene Produktionsstätte in einem Dorf außerhalb von Wien und er kauft seine Stoffe in größeren Mengen ein. So hat er die totale Kontrolle über die Fertigung und er vermeidet die kostspielige Bestellung von kleinen Stofflängen, die von den Kunden in den Musterbüchern der Weber ausgewählt werden. Die Knopflöcher sind bei Venturini nicht von Hand genäht, das würde die Hemden übermäßig verteuern. Doch auch die Maschine liefert einen sauber gestichelten Knopflochrand. Die Verarbeitung des Venturini-Hemds ist insgesamt sehr gut. Streifen verlaufen perfekt von der Rückenpasse auf die Ärmel weiter, auch der Ärmelschlitz wird genau in das Muster eingearbeitet. Darauf achten heute nur noch wenige Hemdenhersteller. Nicolas Venturini kann darüber nur den Kopf schütteln. Doch er hält sich nicht lange bei den Mitbewerbern auf. Er kehrt lieber vor der eigenen Tür. Denn natürlich passieren auch bei ihm Fehler. Aber die werden in aller Regel entdeckt, bevor das Hemd an den Kunden ausgeliefert wird. Und dann geht das Hemd eben wieder zurück zu der Näherin.

IMG_6682
Gino Venturini näht die Hemden in der eigenen Werkstatt in dem Dörfchen Kleinrötz, die in einem alten Weinbauernhof angesiedelt ist. Die Initialen werden dort alle von Hand gestickt (Foto: Bernhard Roetzel)

 

Eine Mitarbeiterin macht dem Chef plötzlich aufgeregt Zeichen. Der Herr Professor möchte sein Frackhemd wiederhaben. Nicolas Venturini verschwindet kurz und kommt dann mit einem blendend weißen Frackhemd mit Weste zurück. Bevor er es an die Mitarbeiterin übergibt, weist er auf ein Detail hin: Die Weste und das Hemd sind aus einem Stück. Entwicklung des Hauses für einen Kunden. Auch bei den Smokinghemden kann Venturini mit einer Spezialität aufwarten. Kragen, Brust und Manschetten sind wie üblich weiß, der Rücken aber ist gestreift, farbig oder kariert. In Wien sind diese Hemden bei einigen Herren Kult. Der Schweizer Neukunde ist begeistert. Wenn sein Schnitt fertig ist, will er das unbedingt für sich ordern. Vielleicht in Pink. Passend zum Futter seines Smokings. Der Herr aus Graz schüttelt den Kopf. Er bevorzugt das klassische Smokinghemd. Und bestellt auch gleich eins. Jetzt ist sein Schnitt ja fertig, nun kann er jederzeit ordern. Ohne weitere Anproben. Sofern er seine Figur behält, ergänzt Nicolas Venturini augenzwinkernd, während er den Ordner mit den Smokinghemdenstoffen öffnet.

 

JH_FINALS-3
Schutz und Zier: Feine, handegenähte Handschuhe aus dem Sortiment von Ed.Meier München (Foto: Jan Hemmerich)

Als ich vor einigen Jahren Workshops für Absolventen der EBS in Oestrich-Winkel abhielt, empfahl ich für den Business-Casual-Look die Sakko-Hose-Kombination. Die Resonanz auf diesen Ratschlag war gering. Es war damals schwer, junge Männer für karierte Jacken oder Blazer zu begeistern. Seit einigen Jahren liegt das Sakko wieder stark im Trend und seit kurzem sogar die kleinkarierte Variante. In der klassischen Herrenmode geht kaum mal etwas dauerhaft verloren. Doch ein paar Accessoires und Anzugformen scheinen wirklich tot zu sein. Werden sie bald reanimiert?

  1. Gamaschen
    Die meisten kennen dieses Accessoire nur aus Filmen, Büchern oder Second-Hand-Läden. Gamaschen dienten ursprünglich dazu, die Knöchel von Halbschuhträgern zu wärmen, waren aber auch Zierelement. Meistens waren die Gamaschen aus grauem Wollstoff, es gab sie aber auch in Weiß oder Schwarz. Der Volksmund nannte sie auch Hundedeckchen. Ich habe immer angenommen, dass dieses Accessoire mausetot ist. Vor ein paar Tagen habe ich bei Instagram ein Foto von Erik Mannby gesehen, das ihn in seinem Hochzeits-Cut zeigt – mit grauen Gamaschen. Kündigt sich ein Comeback an?
  2. Der Stresemann
    Laut dem sehr verlässlichen „Mode und Kostümlexikon“ von Ingrid Loschek wurde die Kombination aus schwarzem, einreihigen Sakko, heller Weste und umschlagloser Cut-Hosen den 1920ern von Gustav Stresemann „lanciert.“ Dass sie deshalb auch in anderen Ländern in Mode kam, halte ich jedoch für unwahrscheinlich, denn die Deutschen hatten nach dem ersten Weltkrieg einen äußerst schlechten Ruf. Ich nehme eher an, dass diese Mode parallel an verschiedenen Orten aufgekommen ist, da sich diese Variante als etwas bequemere Abwandlung der Gehrock- und Cut-Kombinationen angeboten hat. Im englischsprachigen Raum ist sie als „stroller suit“ geläufig. Der „Stresemann“ wird gelegentlich  noch als Alternative zum Cut bei Hochzeiten getragen. Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Anzug eine Renaissance erlebt. Warum? Ich habe es im Gefühl. Und überlege ernsthaft, mir so einen Anzug machen zu lassen. Einen ausführlicheren Artikel über dieses Kleidungsstück findet man übrigens bei Gentleman’s Gazette.
  3. Spazierstöcke
    Im späten 19. Jahrhundert trug der Herr generell Hut und Spazierstock, nach dem ersten Weltkrieg kam der Stock dann langsam aus der Mode. Als Stöcke noch selbstverständlich dazugehörten, war sie ein sehr wichtiges und sehr beachtetes Accessoire. Heute tragen nur wenige Dandies noch Stöcke und ich weiß  nicht, ob das zu bedauern ist. Ich glaube auch nicht, dass der Spazierstock wieder in Mode kommen wird. Allein schon deshalb, weil die meisten Menschen eine ihrer Hände schon für das Smartphone brauchen. Aber vielleicht täusche ich mich. Denn manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich zum Spazierstock greifen will. Für einen Spaziergang auf dem Land hätte ich sogar ein passendes Exemplar, stadtfeine Stöcke fehlen mir aber in meiner Sammlung. Vielleicht ändere ich das in ein paar Jahren.
  4. Das Nachthemd
    Wer sich nicht davor scheut, wie jemand aus einem lustigen schwarz-weiß-Film auszusehen und sich nicht daran stört, dass Nachthemden beim Schlafen hochrutschen, wird die Art von Schlafbekleidung gern tragen. Im Sommer sind Nachthemden tatsächlich ganz angenehm, allerdings ist es schwer, darin eine souveräne Figur zu machen. Ich habe es immer mal damit versucht, bin dann aber wieder auf den klassischen Schlafanzug umgestiegen. Ein Comeback halte ich aber nicht für ausgeschlossen.
  5. Der Schrankkoffer
    Ein Gepäckstück, das nur mit Hilfe von Dienstleuten bewegt werden kann, hat in der heutigen Zeit natürlich nichts mehr zu suchen. Jedenfalls hierzulande und für Menschen mit normalem Einkommen. Deswegen werden Schrankkoffer  überwiegend als Schrank benutzt, zur Dekoration oder von extrem wohlhabenden Menschen, die ihr Gepäck im eigenen Flugzeug transportieren. Ein Comeback des Schrankkoffers ist deshalb mehr als unwahrscheinlich. Sehr schade, denn kein Gepäckstück ermöglicht einen vergleichbar schonenden Transport der Garderobe und kein Gepäckstück lässt sich so schnell packen. Schranktür auf, Anzüge am Bügel herausgenommen und einfach in den Koffer hineingehängt. Fertig. Da zu viele Widerstände einen Comeback entgegenstehen, halte ich es leider für ausgeschlossen.
  6. Handschuhe
    Schon als ich 1997 an meinem Buch „Der Gentleman“ gearbeitet habe, hatte ich ein Comeback des Handschuhs als Teil der Alltagsgarderobe erwartet. Es ist immer noch nicht eingetreten. Allerdings ist ein gesteigertes Interesse an hochwertigen, händisch gefertigten Handschuhen als Accessoire zu verzeichnen. Rein subjektiv jedoch und nur in der Nische der am klassischen Stil interessierten Herrenwelt. Meine Vermutung, dass der Handschuh wieder fester Teil der Alltagsgarderobe werden könnte, wurzelte in meiner Abneigung gegen Treppengeländer und Türgriffe im öffentlichen Raum – von der ich angenommen hatte, dass andere Stadtbewohner sie teilen. Auch die die zunehmenden Gefahren der UV-Strahlung sprachen für eine Wiederentdeckung des Handschuhs. Von UV-Strahlen hier im Moment aber niemand mehr, der Klimawandel scheint die Menschen mehr Sorgen zu machen als die Angst vor Hautschäden.  Außer bei Kindern, die von bestimmten Eltern nicht mehr ohne Sonnenhut (mit Nackenschutz) auf den Spielplatz gelassen werden. Vielleicht sollten die Eltern auch einmal an sich denken und einen Hut aufsetzen und Handschuhe anziehen. Ich freue mich jedenfalls immer an kalten Tagen, weil ich dann endlich Handschuhe anziehen kann.

 

IMG_8722
Handyselfie von einer Reise im Herbst. Der Kurzmantel von  Barbour lässt sich klein zusammenrollen und im Gepäckverfach verstauen, mit Wollschal ist er hinreichend warm.

Wer mich und meine Publikationen kennt, weiß um meine Abneigung gegen die so genannten Funktionsmaterialien. Der Begriff „Funktion“ soll eine Eigenschaft des Stoffs beschreiben, das Wort Funktion ist aber ungenau. Jeder Stoff und jedes Kleidunsstück sollten in der Weise funktionieren, die man sich für sie gedacht hat. Ein Regenmantel sollte den Regen abhalten, ein Schuh den Fuß schützen, stützen und zieren und ein Hut den Kopf bedecken. Funktion steht tatsächlich aber für Synthetik und gegen die habe ich, wie viele andere Menschen auch, eine gewisse Abneigung.

Vor allem Menschen meiner Generation assoziieren mit Synthetik schwere Stoffe, in denen man schwitzt, wie in den Trainingsanzügen meiner Kinderzeit, in den Sakkos und Mänteln aus Geweben wie Dralon oder gar den schrecklichen Nyltest-Hemden. Auch in Strümpfen mit Anteil von Synthetikfasern fühle ich mich unwohl, ob das nun objektiv an 3 bis 10 Prozent Elasthan liegt oder nur an dem Wissen um ihre Existenz. In meiner Garderobe finden sich deshalb nur sehr wenige Kleidungsstücke aus Kunstfasern, genau genommen nur zwei oder Steppjacken bzw Steppwesten von Lavenham oder Husky. Dann noch einige wenige Paare Strümpfe mit geringen Anteil von Elasthan und Fieldcoats von Chrysalis oder Ed.Meier München mit Synthetikmembran unter dem Oberstoff.

Diese Membran macht die Fieldcoats wirklich wasserdicht, da sie aber nicht sichtbar ist, stößt man sich nicht an ihr, genießt aber, dass Sie funktioniert. Die Ironie bezieht sich auf meine eigene Inkonsequenz, denn ich gebe zu, dass die Verachtung der Kunstfaser zum Teil auch Attitude ist. Denn ich weiß natürlich, dass mein Mantel aus Baumwollgabardine gegen einen Dauerregen nicht viel ausrichten kann. Und die Wachsjacken und Wachsmäntel sind nur so lange dicht, wie das Wachs noch nicht abgenutzt ist. Und solange sie dicht sind, schwitzt man bereits bei leicht gestiegenen Temperaturen unter dem versiegelten Baumwollstoff. Deshalb hatte ich schon länger nach einem Mantel Ausschau gehalten, der so leicht wie mein Gabardine-Mantel aus Baumwolle ist und dabei wirklich vor Regen schützt.

Harrier Jacket_MWB0542SN31_02flat
Das oder die Harrierjacket von Barbour , erstanden bei Ladage & Oelke in Hamburg. Definitiv einer der besten Käufe des Jahres 2017. Er bereichert die Garderobe und hat meine Sicht auf Synthetikmaterialien verändert (Foto: Barbour)

Bei Ladage & Oelke in Hamburg entdeckt ich in diesem Jahr im Sommerschlussverkauf genau das, was ich gesucht hatte. Einen Kurzmantel mit Kordkragen von Barbour namens Harrierjacket. Er ist leicht, sehr wasserfest und winddicht. Innen mit dem neuen Karofutter von Barbour, dazu relativ große Außentaschen mit Patten und eine Innentasche. Die Größe passte gut, der Preis war verlockend und so griff ich zu. Den Kauf habe ich kein einziges Mal bereut. Obgleich das Teil nicht in dem Maße wasserdicht ist, wie die für den Outdooreinsatz konzipierten Jacken wesentlich höherer Preislagen, schützt der Mantel doch sehr effektiv gegen den Regen. Effektiver, als jeder Gabardine-Mantel und wartungsfreier als Wachsjacken. Der Mantel fiel auch dann nicht Ungnade, als sich nach kurzer Zeit bei allen Knöpfen die Fäden lockerten. Bei Ladage & Oelke erklärte man mir, dass dies leider heute selbst bei noch teureren Jacken auftritt. Doch Knöpfe kann man ordentlich annähen. Und so trug ich sie durch den ganzen, regenreichen und windigen Sommer, an den Ferien an der Nordsee, auf Geschäftsreisen und im Alltag. Flecken auf dem hellen Stoff sind kein Problem, denn die Jacke kann ich einfach in die Waschmaschine stecken.

Als ich mit der Inhaberin von Ladage & Oelke über das Thema Synthetik sprach, brachte sie einen interessanten Aspekt auf. Kunstfasern aus Liebe zur Umwelt abzulehnen, sei nämlich nicht wirklich stimmig, da die Baumwollproduktion ungeheure Wassermengen verschlingt. Doch das ist ein Thema für sich.

IMG_9611
Smoking von Regent , Smokinghemd mit weicher Brust aus Waffelpikee mit verdeckter Knopfleiste von Gino Venturini in Wien und Schleife aus Seidenripps von Ascot in Krefeld.Foto: Martin Smolka

 

Der Jahreswechsel naht und damit eine gute Gelegenheit, Smoking zu tragen. Keine Sorge: Ich wiederhole deshalb jetzt nicht zum x-ten Mal die Dresscoderegeln, es geht mir vielmehr um ein paar Denkanstöße:

  1. Der Smoking ist für heitere Momente
    Der Smoking ist zwar schwarz, mit Trauerkleidung hat er aber nichts zu tun. Im Gegensatz zu Frack und Cut wird der Smoking nie bei traurigen Anlässen getragen – von Abendeinladungen abgesehen, die sich als totlangweilig erweisen.
  2. Der Smoking wurde als bequemere Alternative zum Frack erdacht
    Ein hoher Steh- oder Kläppchenkragen sieht auf jeden Fall sehr elegant aus und die steife Hemdbrust des Frackhemds hält uns zu einer guten Haltung an. Aber: Der Smoking setzte sich nach dem ersten Weltkrieg weltweit durch, weil er sich schneller anziehen ließ als der Frack und er ingesamt so bequem war, wie ein normaler Straßenanzug. Deshalb sollte man ihn nicht steifer machen, als er gedacht war. Und es gibt ja immer noch den Frack für die ganz förmlichen Anlässe.
  3. Der Smoking ist ein Abendanzug – für den „gefühlten“ Abend
    Vergessen Sie kleinliche Uhrzeit-Diskussionen darüber, ab wann der Smoking tragbar ist. Denn der Abend setzt im Juni später ein als im Oktober. Jeder weiß doch, wann der Abend beginnt. Wichtig ist nur, dass der Smoking nicht am in der Früh oder am Tag getragen wird, also eben nicht bei der Traung um 11 h. Das gilt jedenfalls in Europa.
  4. Smoking heißt Schwarz/ Weiß
    Nichts gegen Samtsmokingjacke aus Samt in allen erdenklichen Farben. Und nichts gegen farbige Schleifen aus Seide oder Samt. Der Charme des Smoking-Outfits besteht aber in dem Kontrast von Schwarz und Weiß. Farbe darf da allenfalls beim Einstecktuch, beim Futter oder bei den Strümpfen aufblitzen. Und Smoking heißt auch Schleife, denn die weiße Hembrust wirkt nur dann richtig, wenn sie nicht senktecht durch einen Langbinder geteilt wird.
  5. Smokinganlässe kommen mit dem Smoking
    Viele Herren scheuen aus Sparksamkeit die rechtzeitig Anschaffung des Smokings, denn „wann trägt man den schon?“ Ich verspreche Ihnen, dass die Einladungen zu den Anlässen mit dem Smoking ins Haus kommen. Und sobald man den Smoking im Schrank hat, kann man auch selbst die Anlässe schaffen.
  6. Nicht nur geerbte Smokings sind stilvoll
    Wer aus einer Familie kommt, in der schon seit vielen Generationen Smoking getragen wird, bildet sich vielleicht etwas darauf ein, dass er den Smoking des Großvaters trägt und nicht etwa ein selbst gekauftes oder selbst bestelltes Exemplar. Das ist – mit Verlaub gesagt – Snobismus, denn am stilvollsten ist immer der Smoking, der gut passt – zu Körper und Persönlichkeit. Natürlich ist es ein tolles Gefühl, im Smoking aufzutreten, der einst für einen Vorfahren genäht wurde. Doch so manches „Erbstück“ stammt am Ende doch aus dem Second-Hand-Laden. Was auch okay ist.