Die neuen Regenten

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Philippe E. Brenninkmeijer und Andreas M. Meier haben im Herbst 2016 die Anzugmanufaktur Regent übernommen. Die beiden haben viel mehr vor, als das einstige Flaggschiff der deutschen Konfektion wieder flott zu machen. Sie möchten ein Stück Kultur bewahren und eine neue Generation für ihre Philosophie des „Comfortable Luxury“ begeistern. 

BR: Wer von Ihnen hatte zuerst die Idee, Regent zu kaufen?

AM: Ich. Das war schon vor mehreren Jahren. Da hatte ich mit Philippe in Eichstätt bei mir zu Hause zusammengesessen und ihm erzählt, dass Regent in der Insolvenz ist.

BR: Wieso war das ein Thema für Sie?

PM: Wir hatten beide in den letzten Jahren immer wieder Kontakt über die sartoriale Schiene.

AMM: So haben wir uns auch kennengelernt. Das war vor zehn Jahren bei einer Veranstaltung meiner Alma Mater. Im Gespräch mit einer gemeinsamen Freundin haben wir schnell festgestellt, dass wir beide das handwerklich hergestellte Schneiderprodukt lieben. Daraus ist unsere Freundschaft entstanden.

PB: Da wir beide auch Kunden von Regent waren haben wir uns immer wieder über dieses Unternehmen ausgetauscht. Im letzten Herbst erzählte mir dann Andreas, dass Regent erneut in der Insolvenz ist. Wir hatten schon seit längerem überlegt, Regent zu übernehmen. Aber wir beide waren beruflich fest eingebunden und hatten keine Zeit. Und letzten Herbst war ich noch in London. Da war ich auch sehr glücklich, habe mich dann aber doch entschieden, ich will wieder nach Hause. Wir haben wir uns das Ganze erstmal genauer angesehen. Vier Wochen später sind wir nach Weißenburg gefahren und haben das Unternehmen übernommen.

BR: Gibt es Leute in Ihrem Umfeld, die Sie für verrückt erklärt haben?

PB: Bei mir nicht. Aber bei Dir schon, Andreas. Oder?

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Andreas Martin Meier beim Interview in Weißenburg (Foto: Jan Hemmerich)

AMM: Ja, einige fanden das verrückt. Aber auch konsequent von meiner Person her. Meine Entscheidung war für einige also verrückt aber nachvollziehbar.

PB: Eins ist klar, das ist ein schwieriges und anspruchsvolles Unterfangen. Da wir aber etwas für den Standort Deutschland tun, statt immer nur ins Ausland zu verlagern, war die Resonanz in meinem Umfeld durchweg positiv. Das kommt sehr gut an.

BR: Regent galt als der deutsche Brioni. Was unterscheidet Regent von Brioni und anderen Mitbewerbern aus Italien?

PB: Wir machen bei Regent ein anderes Produkt. Es ist weniger verspielt. Es ist mehr nördlich und passt besser zu dem hiesigen Markt. Und gerade dadurch, dass unser Unternehmen kleiner ist, können wir sehr gut auf die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden eingehen. Bei uns ist eben ganz klar, wo was hergestellt wird. Ich erwähne das nicht in Bezug auf einen bestimmten Mitbewerber. Bei uns kommt alles aus Weißenburg und das sagen wir auch offen. Es kann jeder vorbeikommen und sich das anschauen. Er wird feststellen, dass wirklich alles bei uns genäht wird. Das ist in dieser Industrie sehr selten.

BR: Regent ist seit 1946 in Weißenburg ansässig. Haben sich da eigene Fertigungsmethoden entwickelt? Wird bei Regent anders genäht? Oder sind das alles die gleichen Abläufe, wie bei anderen Manufakturen in Italien oder England?

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Philippe E. Brenninkmeijer im Nähsaal von Regent – natürlich in einem Anzug aus seiner Manufaktur (Foto: Jan Hemmerich)

PB: Das Nähen ist gleich. Das passiert mit einer Nadel, zwei Händen und dem Stoff. Wir versuchen allerdings, einen eigenen Hausstil zu kreieren. Daran arbeiten wir gerade sehr hart. Wir schauen natürlich, was die Italiener und die Engländer machen. Aber wir suchen einen Mittelweg. Die Neapolitaner machen einen sehr schönen Anzug, der ist nur nicht für jedermann geeignet. Die Verspieltheit, das Verschnörkelte ist für manche Kunden schwierig. Bei den Engländern ist dagegen die Verarbeitung mit festeren Einlagen und stärkerer Schulterpolsterung typisch, die wollen die Kunden hier eigentlich gar nicht. Wir nehmen die Leichtigkeit, die wir in Italien finden und paaren sie mit gewissen Schnitten und Stoffen aus England. Wir glauben, dass das einen sehr ansprechenden und zeitgemäßen Stil ergibt.

BR: Was heißt denn zeitgemäß?

PB: Wir sehen heute zum einen die Kunden, die Anzug tragen müssen, die wollen ein klassischeres Teil. Dann haben wir aber Kunden, die tragen ein Sakko, weil sie das möchten und weil sie sich das wert sind. In beiden Fällen muss das Kleidungsstück aber bequem sein und Komfort bieten und das ist genau das, was die Neuausrichtung von Regent ausmacht.

BR: Wie alt sind Sie beide jetzt?

AMM: Ich bin 31.

PB: Ich bin 33.

BR: In anderen Ländern ist es normal, dass man in diesem Alter als Unternehmer Verantwortung trägt. Für deutsche Verhältnisse sind Sie relativ jung. Werden Sie darauf angesprochen oder merken Sie das in irgendeiner Weise?

AMM: Ich merke das nicht. Wir glauben, dass man Regent wie ein 70 Jahre altes Start-Up führen muss. Wenn jemand gekommen wäre, der Mitte 50 ist, dann hätte das eine Perspektive von zehn oder 15 Jahren eröffnet. Das hätte man am Markt viel kritischer gesehen, als wenn zwei in unserem Alter kommen. Und Philippe ist ein ausgewiesener Branchenexperte. Ich habe mir im Unternehmen meiner Familie auch schon ein paar Sporen verdient. Wenn ich die Jungs in den Berliner Start-Ups sehe, dann sind die auch nicht älter. Ich glaube, dass das Unternehmen diesen frischen Wind braucht.

PB: Wir haben beide in den letzten Jahren bei einigen Firmen gearbeitet. Ein Turnaround, wie er jetzt bei Regent gefordert ist, ist mir bereits bei meiner Tätigkeit als Geschäftsführer von Huntsman gelungen. Das gibt einem ein gewisses Selbstvertrauen. Wir wollen als Geschäftsführer dicht an unseren Mitarbeitern sein und mit ihnen zusammen den Weg gehen. Das hierarchische Denken halten wir für veraltet, weil es Mauern aufbaut. Die wichtigste Kompetenz, die wir besitzen, ist die unserer Mitarbeiter und Kollegen. Diese Kompetenz wollen wir nutzen und die Menschen in die Entscheidungen mit einzubeziehen. Wenn wir z. B. ein Problem mit einer Einlage haben, dann muss ich ein Vertrauensverhältnis zu der Kollegin haben, die als Expertin in dem Bereich arbeitet. Sie kann mir besser als jeder andere sagen, woher die Probleme kommen. Dazu muss ich eine professionelle Beziehung aufbauen. So schaffe ich aber auch Vertrauen. Als ich in Weißenburg ankam, habe ich allen erstmal das Du angeboten. Und ich habe gesagt: Der Karren ist im Dreck, dafür sind wir nicht verantwortlich und auch nicht die Mitarbeiter, sondern die vorangegangenen Managements. Wir wollen den Karren jetzt da rausziehen und das geht nur gemeinsam. Distanzierte Umgangsformen führen da nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Das war für die Kollegen neu, es verbessert aber das Produkt. Wir kriegen viel mehr Feedback, wenn was nicht läuft.

BR: Sie sind immer im Unternehmen präsent, wenn nicht gerade Reisen nötig sind?

AMM: Ich kümmere mich um den finanziellen Part, das kann ich überall in der Welt machen. Überwiegend arbeite ich von Eichstätt aus, das liegt 15 Minuten von hier. Einmal die Woche komme ich in mein Büro in Weißenburg.

PB: Mich treffen Sie fast immer hier an.

BR: Regent war immer ein typisches Produkt für den Herrenausstatter. Deren Zahl geht immer mehr zurück, wie wollen Sie neue Kunden finden und die alten Kunden zurückgewinnen?

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Impressionen aus der Anzugmanufaktur. Die Bilder sind nach Feierabend entstanden, deshalb waren keine Schneider mehr anwesend (Fotos: Jan Hemmerich)

PB: Es gibt noch Einzelhändler, die sehr erfolgreich sind, weil sie persönlichen Service bieten. Da kennen die Inhaber und die Mitarbeiter das Produkt und wissen, wofür Regent steht und können es durch persönliche Beratung gut verkaufen. Dadurch setzen sie sich auch vom Online-Geschäft ab. Auf diese Einzelhändler wollen wir weiter setzen. Wir haben aber auch das Produkt weiterentwickelt. Wir bieten jetzt zwei Linien an. Die eine ist die handgefertigte, die heißt „Phönix“. Sie ist das Handmade-Produkt, wie wir es von Regent kennen. Zusätzlich haben wir eine Linie entwickelt, die wir „Pionier“ nennen. Diese folgt der Prämisse: „Dort, wo die Handarbeit nicht objektiv wichtig ist, wird sie durch eine Maschine ersetzt“.

BR: Zu Beispiel?

PB: Bei den Knopflöchern. Es ist wunderschön, wie die mit Herz und Seele von Hand genäht werden. Es gibt aber viele Kunden, die dafür gar kein Verständnis haben. Die zahlen einen Aufpreis für etwas, das sie gar nicht schätzen. Das, was für diesen Kunden nur subjektiv wichtig ist, lassen wir weg. Das macht dann einen Preisunterschied von gut 600 Euro. Unser Kunde trägt den Anzug von Regent, weil er dessen Vorteile schätzt, er braucht nicht den Markennamen. Das ist eine gewisse Selbstverständlichkeit des Luxus. Den Komfort habe ich eben schon erwähnt. Der war in den 1980ern nicht so wichtig, heute will der Kunde ihn aber. Und auch eine gewisse Lässigkeit. Deswegen sprechen wir von „Comfortable Luxury“.

BR: Herr Meier, wie kriegen Sie es finanziell hin, ein handgefertigtes Produkt in Deutschland zu fertigen, das dann preislich unter dem der Mitbewerber aus Italien liegt? Ich rede jetzt wohlgemerkt von der handgemachten Linie. Deutschland gilt doch als extrem teurer Standort.

AMM: Wir haben den Produktionsprozess sehr genau untersucht. Nicht nur, als wir die neue Produktlinie spezifiziert und entwickelt haben – auch darüber hinaus. Darin spiegelt sich unsere Start-Up-Mentalität wieder. Alles wird hinterfragt und überprüft. Seit 40 Jahren wird etwas in einer bestimmten Weise gemacht. Ist das aber noch zeitgemäß? Und wofür ist der Kunde noch bereit, Geld auszugeben? Da geht es um Produktionsminuten. Wir gehen da eben anders ran, als die Italiener, eher mit einem deutschen Ingenieurdenken. Wir sind auch etwas technischer orientiert und weniger romantisch. Wir müssen die Marke Regent entstauben und neu aufbauen. Dazu gehört immer, dass wir in Deutschland fertigen, aber auch den Preis sehr scharf kalkulieren.

PB: Viele Mitbewerber investieren sehr viel Geld in das Marketing. Wir stecken das Geld lieber in das Produkt, statt in teure Visitenkarten oder kostspielige Testimonials. Was hat der Kunde davon, wenn ein Hollywoodstar unseren Anzug trägt? Wir machen lieber das Produkt besser und den Preis attraktiver. Pionier geht von der Stange bei 1200 Euro los, die handgemachte Phönix-Linie bei 1800 Euro.

BR: Die Ready-to-wear es weiterhin geben? Für den Kunden, der nicht auf die Maßanfertigung warten will?

PB: Oder sie nicht braucht. Ich glaube, dass wir immer Ready-to-wear anbieten werden. Weil der Kunde darüber das Produkt kennenlernen und verstehen kann. Aber natürlich wird Maß stark nachgefragt, weil man sich durch Individualität von der Masse abgrenzen kann. Da sehen wir ein starkes Wachstum. Wir brauchen beides.

BR: Herr Meier, Herr Brenninkmeijer was ist für Sie das perfekte Wochenende? Wie entspannen Sie?

AMM: Zwei Tage bevor wir uns hier der Belegschaft vorgestellt haben, hat meine Frau unser erstes Kind geboren. Das heißt, es waren plötzlich zwei Babys da, wenn ich Regent auch als Baby bezeichnen darf. Für mich ist es einfach schön, wenn ich am Wochenende dem Kleinen beim Wachsen und beim Lernen zusehen kann.

PB: Meine Verlobte und ich gehen am Wochenende gern auf dem Markt einkaufen, regionale Produkte, auf dem Viktualienmarkt oder hier bei uns. Dann kochen wir zusammen, laden Freunde ein, das machen wir sehr gern. Und Sonntag machen wir immer einen großen Spaziergang mit unserer Dackeldame. Ansonsten lese ich gern und beschäftige mich mit Geschichte.

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