Warum ich Hosenträger trage

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Der Anblick von klassischen Hosenträger ist in Deutschland eine Seltenheit. Hier zieren sie einen handgemachten Anzug von Cove & Co. (Foto: Martin Smolka)

Ich habe neulich einen älteren Beitrag von Simon Crompton gelesen, in dem er sich darüber äußert, warum er keine Hosenträger trägt. Ich fand seine Gedanken und Argumente interessant und vieles von dem, was für ihn gegen das Tragen von Hosenträger spricht, empfinde ich ebenfalls als Nachteil. Warum trage ich aber trotzdem Hosenträger?

Hosenträger haben den großen Vorteil, dass sie die Hosen vor dem Herabrutschen bewahren. Die Hosen hängen an den Schultern und werden nicht mit Hilfe eines Gürtels an Bauch, Hüfte oder Taille fixiert. Was ohnehin selten funktioniert. Bei den meisten Figurtypen rutschen Hosen, die mit Gürtel oder Seitenschnallen in Position gehalten werden sollen. Es sei denn, die Hosen sind so eng, dass sie auch ohne Gürtel halten würden. Die korrekte Hosenlänge ist mir nicht nur beim Anzug. wichtig. Denn rutschende Hosen sind immer ein Ärgernis. Deshalb trage ich Anzughosen stets mit Hosenträger. Hosen, die ich mit Sakko oder Blazer kombiniere, trage ich dann mit Hosenträgern, wenn sie ohne Gürtel rutschen würden. Ob Hosen rutschen, hängt allerdings nicht nur von der Bundweite ab, sondern auch von ihrem Schnitt und der richtigen Balance.

Balance bedeutet in der Sprache der Schneider, dass das Kleidungsstück an Vorder- und Rückseite die gleiche Länge hat und an den Seiten ebenfalls. Für die Balance von Hosen ist es außerdem wichtig, wie der Bund in Relation zu Bauch und Rückenhöhlung verläuft. Wenn der Bauch vorsteht und das Kreuz hohl ist, sollte die gut balancierte Hose vorn, also unter dem Bauch, niedriger sitzen als hinten, wo sie das Hinterteil bedeckt und in der Höhlung des Kreuzes sitzt. Wenn das Beinkleid an Hosenträgern hängt, kann der Bund vorn und hinten gleich hoch sein (im Fall der Rundbundhose) oder hinten höher (Spitzbundhose). Die Spitzbundhose ist sehr bequem, da sie sich an den Körper schmiegt ohne einzuengen. Aber natürlich ist so eine Hose nicht jedermanns Sache. Womit wir bei einem weiteren Gegenargument gegen Hosenträger: Sie sehen unattraktiv aus. Ob das zutrifft, hängt von mehreren Faktoren ab. Dem Schnitt des Anzugs und vor allem dem Schnitt der Anzughose. Außerdem vom Hemd, von der Figur und vom persönlichen Stil. Pauschal zu sagen, dass Hosenträger nicht gut aussehen, wäre überzogen. Sehr viele Männer kleiden sich so, dass der Gürtel weder einen positiven Effekt hat, noch die Hosenträger einen negativen. Ich habe aber sehr häufig erlebt, dass eine Hose, die dafür geschnitten ist, mit Hosenträgern getragen werden, sehr gut ankommt.

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Meine bevorzugte Marke bei Hosenträger ist Albert Thurston aus England. Ich trage am liebsten die Modelle aus Wollfilz mit weißen Enden, weil sie zu braunen und zu schwarzen Schuhen passen.
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Ich lege selten die Jacke ab. Wenn doch, stört es mich nicht, wenn die Hosenträger zum Vorschein kommen (Foto: Jan Hemmerich)

Wer Hosenträgern benutzt, wird nicht negativ wahrgenommen. Allerdings fällt man schon damit auf. Was Simon Crompton als Nachteil listet. Er will nicht „der mit den Hosenträgern“ sein. Es stimmt schon. Man wird schnell in eine Schublade gesteckt. Der mit den Hosenträgern. Der mit der Schleife. Der mit dem Hut. Die Gefahr besteht allerdings schon bei der kleinsten Abweichung vom Durchschnittsmodegeschmack. Vermutlich jeder, der diesen Blog liest und bei diesem Artikel bis hierhin gelangt ist, steckt bereits in einer Schublade. Der mit dem Modefimmel. Der mit den teuren Schuhen. Die Hosenträger machen da den Kohl nicht fett. Wem allerdings daran gelegen ist, auch in klassischer Kleidung so wenig wie möglich aufzufallen, wird Hosenträger vielleicht wirklich als zu Aufsehen erregend empfinden. Trotzdem stellt sich die Frage: Warum soll ich auf Hosenträger verzichten, wenn ich es für richtig halte, sie zu tragen?

Ein sehr wichtiger Aspekt, den Simon Crompton erwähnt, sind die Umständlichkeiten, die sich aus Hosenträgern ergeben. Vor allem, wenn man sie unter einem Anzug mit Weste trägt oder einen Pullunder oder Pullover über den Hosen anziehen möchte. Denn wenn man letztere mal runterlassen möchte, muss man erst Jacke und Weste ausziehen oder jedesmal einen Pullover über den Kopf ziehen. Ich finde das auch als relativ nervig, das konnte mich aber noch nicht von den Hosenträgern abbringen. Eher davon, Pullover oder Pullunder über Hosenträgerhosen zu tragen, ich verwende in der kälteren Jahreszeit Westen oder Strickjacken. Ansonsten wird gegen Hosenträger noch eingewendet, dass sie im Sommer warm sind, was auch stimmt, mich aber nicht davon abhält, sie zu tragen. Denn dafür können die Hosen am Bund wegen der Hosenträger etwas weiter sein, was bei Wärme auch angenehm ist. Und Hosenträger tragen unter sehr dünnen Anzugjacken am Rücken auf. Das stört mich ein wenig, doch ich lebe damit. Denn dafür geben mir die Hosenträger ein sehr gutes Gefühl von Sicherheit, weil ich weiß, dass die Hosen nie rutschen und immer die korrekte Länge haben. Und selbst, wenn ich viel in die Hosentaschen stecke, was  bei mir oft vorkommt, wird auch dieser Ballast nichts daran ändern, dass das Beinkleid nur einmal leicht auf dem Schuh einknickt.

 

 

 

 

 

5 Comments

  1. Da ich den Abzug fast nur als Dreiteiler trage, kommen dann natuerlich nur Hosenträger in Frage _ ein Gürtel der unter dem Gilet „aufträgt “ … gar nicht toll 😦
    Also: Anzug = Dreiteiler ( hohe Hose, kurzes Gilet das die Hosenträger natürlich verdeckt … that’s it 😉 )
    SeeUsoon
    Pascal

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    1. Sehr guter Punkt, lieber Pascal. Die Weste sollte immer den Hosenbund bedecken und wird somit auch die Hosenträger verbergen. Im Gespräch mit Anderson & Sheppard habe ich vorgestern erfahren, dass dort nach wie vor auch noch Hosen gemacht werden, bei denen die Hosenträgerknöpfe außen angebracht werden. Haben SIe das auch schon einmal so machen lassen?

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  2. Ein weiterer Vorteil, neben den oben angeführten, ist natürlich auch, dass man sich jedes Mal ein bisschen wie Gordon Gekko fühlen kann.

    Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass in meiner Altersgruppe – Anfang 20 – Hosenträger sehr gut ankommen.

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