Gedanken über Maßschuhe

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George Cleverley in London gilt als einer der besten Maßschuhmacher. Er bietet auch Schuhe von der Stange an. Ist das ein Widerspruch? (Foto: George Cleverley)

Viele Männer träumen von Maßschuhen. Selbst solche, die sich nicht klassisch kleiden. Da die meisten Menschen nie einem Maßschuhträger begegnet sind, halten sich die Legenden über den Maßschuh hartnäckig. Zum Beispiel die, dass Maßschuhe ein Maximum an Bequemlichkeit bieten. Ein berühmter Maßschuhmacher aus Wien soll seine Kunden vor der Bestellung gefragt haben, ob sie sich einen schönen Schuh oder einen bequemen Schuh wünschen. Diese Frage fasst das Problem sehr gut zusammen: Ein schöner Schuh ist nicht unbedingt angenehm zu tragen. Und der bequeme Schuh entspricht nicht unbedingt unseren Vorstellungen von Eleganz.

Die Idee, dass Maßschuhe vor allem bequem sein sollen, ist relativ modern. Noch um 1900 stand die Eleganz im Vordergrund. Das Äußere des Schuhs hatte sich der Ästhetik zu unterwerfen. Frauen formten damals auch noch ihre Figur mit Hilfe eines Korsetts, wer schön sein wollte, musste leiden. Deshalb gab es damals bei Maßschuhen auch noch keine Anproben. Es hätte als absurde Materialverschwendung gegolten, einen Testschuh zu bauen. Vermutlich stammt aus diesen Zeiten auch die Legende, dass Maßschuhe vom Diener eingetragen werden mussten.

Auch heute sind sich die Maßschuhmacher nicht unbedingt einig darüber, ob Form oder Funktion im Vordergrund stehen. Sicherlich würden die meisten behaupten, dass ihre Schuhe äußerst bequem sind und besser passen, als Schuhe von der Stange. Wenn man sich allerdings die Modelle in den Vitrinen einiger Handwerker ansieht, ist die Anpassung der gezeigten Schuhe an individuelle Fußformen nur schwer vorstellbar. Wobei natürlich Modelle die Idealvorstellung wiedergeben. Sehr viele Kunden werden mit ganz anderen Schuhen aus dem Laden gehen.

Die meisten Maßschuhmacher arbeiten heute mit Probierschuhen. Sie sichern damit sich selbst ab und  nehmen auch dem Kunden etwas von der Angst, dass der teure Schuh am Enden drücken könnte. Wobei der Probierschuh natürlich nie mit dem Endprodukt identisch ist. Der Probierschuh ist aus anderem Leder gefertigt und auch der Unterbau unterscheidet sich meistens vom Endprodukt. Der fertige Schuh kann aber nicht probiert werden, ihn bekommt der Kunde erst dann zu sehen und zu spüren, wenn das Werk vollendet ist. Anders beim Maßschneider. Wenn der die erste Anprobe aus einem neutralen Stoff zuschneidet und erst danach die „richtige“ Ware zuschneidet, wird der Kunde natürlich auch noch den Anzug aus dem endgültigen Stoff probieren. Wenn der Maßschuh drückt, muss der Maßschuhmacher entweder punktuell das Leder strecken, schlimmstenfalls muss er den Schuh wieder auseinandernehmen, den Leisten ändern und den Schuh neu wieder aufbauen. Das kommt selten vor, wenn vorher ein Probierschuh gefertigt wurde, doch es passiert.

Ob es bei den Maßschuhmachern häufiger nötig ist, die ohne Probierschuh arbeiten, lässt sich schwer quantifizieren. Alle Maßschuhmacher räumen gelegentliche Fehlschläge ein, nennen aber selten genaue Zahlen. Die Tatsache, dass einige sehr alte Maßschuhmachereien ohne Probierschuhe wirtschaftlich arbeiten können, scheint für deren Erfolgsquote zu sprechen. Wobei die Reklamationsquote sicherlich auch mit dem Renommee des Maßschuhmachers zusammenhängt und dessen Art, mit den Kunden umzugehen. Einigen berühmten Adressen eilt ein dermaßen einschüchternder Ruf voraus, dass manch einer sich schlicht nicht trauen wird, ernsthaft den Neubau des Schuhs zu fordern. Oder die Kundschaft ist dort vielleicht so betucht, dass kein Interesse an langwierigen Reklamationen besteht. Wer 300 Paar Schuhe im Schrank stehen hat, wird wegen eines Paars Maßschuhe, das nicht ganz so toll sitzt, nicht unbedingt einen Streit vom Zaun brechen. Und man darf auch nicht vergessen, dass nur ein bestimmter Anteil der Kunden überhaupt mehrfach ordert oder mehrfach ordern will. Es ist durchaus nicht ungewöhnlich, dass ein Kunde nach dem ersten Paar nie wieder etwas bestellt. Nicht, weil der Schuh schlecht war, vielmehr weil die Maßschuhe von vorn herein als einmaliges Erlebnis gedacht waren. Deshalb berechnen viele Maßschuhmacher bei dem ersten Paar den Bau des Leistens separat. Oder Sie verlangen stattdessen, dass der Kunde gleich mehrere Paar bestellt.

Es gibt sehr viele sehr zufriedene Maßschuhträger. Aber nicht jeder Schuhfan, der schon viele Jahre lang rahmengenähte Qualitätsware an den Füßen trägt, wird mit Maßschuhen glücklicher sein als mit dem, was er schon gewohnt ist. Tatsächlich werden die meisten Maßschuhmacher zugeben, dass ihr Produkt nur um Nuancen besser ist, als ein sehr gut sitzender Schuh von der Stange. Das große Aha-Erlebnis haben vor allem die Maßschuhkunden, die vom günstigen Durchschnittsschuh auf den rahmengenähten Volllederschuh umsteigen. Das große Passformplus könnten Sie vielleicht aber auch bei einem Anbieter von rahmengenähten Konfektionsschuhen erleben, der mehrere Leistenformen und Breitengrößen im Angebot hat.

 

7 Comments

  1. Hochinteressantes Artikel das auch ein sehr realistisches Leucht scheint über das Thema Maßschuhe. Ich glaube es ist auch ganz persönlich zu entscheiden ob es besser ist oder nicht. Trotzdem würde Ich sagen das mehr als die Helfte doch auch der Erlebnis ist das manche Leuten sehr lieben. Also Mann kauft dann nicht nur der Schuh aber auch der Erlebnis die Ihm glücklich macht. Ich glaube das Ich selbe nicht so viel besonderes fühle für so einem Erlebnis und ein gute Schuh die mir gefällt und Preiswert ist wichtiger finde. Wie gesagt, es ist alles so persönlich genau wie du beschreibt in dein Artikel.

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    1. Lieber Tim Mureau, sicherlich kaufen sich viele Maßschuhträger auch einfach ein bestimmtes Gefühl, das aus dem sehr persönlichen Service und dem Bewusstsein geboren ist, ein Produkt zu bekommen, das einmalig ist.

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  2. Ich teile die Meinung, dass ein gut sitzender Schuh von der Stange sich nur noch minimal von einem Massschuh unterscheidet. In meinem Fall war es so, dass sich einige rahmengenähte Schuhe von der Stange als Fehlkauf entpuppt haben und nach ein paar Stunden laufen, Blasen und Druckstellen gebildet haben. Der Fehlkauf hatte zwei Gründe. Zum einen wuste ich nicht wie ein Schuh „zu sitzen hat“ und zum anderen war das Verkaufspersonal nicht gut genug geschuhlt um richtig zu beraten. Folglich kaufte ich nicht gut sitzende Schuhe.
    Nach diesen Fehlkäufen hatte ich mich dann an einen Massschuh „ran gewagt“. Es war in meinem Fall tatsächlich so, dass der Massschuh viel besser sass als die Schuhe von der Stange. Nach 1-2 Jahren lafen im Massschuh wusste ich wie ein Schuh zu sitzen hat. Ich habe mit dieser Erfahrung ein neuen Versuch gestartet mir Schuhe von der Stange zu kaufen. Ich hatte mir dann die Zeit genommen und habe in einem Schuhgeschäft 1-2 Stunden verschiedene Modelle in verschiedensten Weiten und Längen probiert und bin fündig geworden.
    Jetzt habe ich Schuhe von der Stange welche sich wirklich nur noch minimal von meinen Massschuhen unterscheiden.

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    1. Lieber Markus Schramek, vielen Dank für den Kommentar. Er beinhaltet einen wichtigen Punkt, der den Kauf jeder Art von Maßkleidung betrifft. Je mehr Erfahrung man mit guter Kleidung hatte, bevor man mit Maßbestellungen beginnt, desto besser. Es sei denn, man ist mit Maßkleidung aufgewachsen und hat früh gelernt, worauf es dabei ankommt. Nach vielen Jahren bin ich mittlerweile so weit, dass ich fast von jedem Schneider ein Ergebnis bekommen kann, das mich zufriedenstellt. Die Herkunft des Schneiders und die Tradition, aus der er kommt, wird für mich zunehmend unwichtiger.

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  3. Wobei ich hier aber schon noch ein Detail anmerken möchte, nämlich daß jeder Mensch von Natur aus zwei ungleiche Füße hat und daher ein Schuh von der Stange einfach schon aus diesem Grunde nicht perfekt passen kann; genauso wie Maßkonfektion nur bis zu einem bestimmte Punkt bei nicht absolut symmetrischen Schultern ausgleichen kann; ebenso wie ein guter Maßschuhmacher immer auch gleichzeitig Orthopäde ist 😉
    Ansonsten bin ich natürlich bei den Herren, die schrieben, daß allein das Möglichkeit, sich Leder, Form etc. aussuchen zu können, alles mit dem Meister zu besprechen und das ganze Ambiente eines Maßschuhmachers (meiner ist in der Bräunerstraße in Wien) viel vom Erlebnis ausmachen.
    herzliche Grüße!

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    1. Ich habe vor einigen Jahren in einem Beitrag geschrieben, dass nur ein gut sitzender Maßschuh besser ist, als ein gut sitzender Konfektionsschuh. Diese Selbstverständlichkeit brachte mir einen bösen Anrufe einer Maßschuhmacherin ein. Womit ich leben kann. Deshalb sei auch hier gesagt: Es geht mir nicht darum, zufriedenen Maßschuhkunden ihre Maßschuhe und deren Macher madig zu machen. Oder den Maßschuh an sich zu diskreditieren. Ich finde nur, dass viele Argumente, die von Maßschuhmachern als Pro für den Maßschuh genannt werden, wenig Wert haben. Und dass generell zu hohe Erwartungen geweckt werden. Was die unterschiedliche Größe der Füße betrifft. Ich wage zu behaupten, dass der immer wieder erwähnte Längenunterschied zwischen den Füßen von wenigen mm bis zu 1 cm für die Passform eines Schuhs von wenig Belang ist. Die Zehen berühren die Innenseite der Schuhspitze ohnehin nicht. Der Fuß sollte im hinteren Bereich des Schuhs so fest setzen, dass er nicht nach vorn rutschen kann. Schwieriger sind starke Unterschiede bei der Breite der beiden Füße. Überhaupt sind Begriffe wie „perfekter Sitz“ oder „perfekte Passform“ wenig hilfreich, da Passform sehr unterschiedlich empfunden wird. Und was ist „richtige“ Passform? Ein Gefühl stützender Umschlossenheit von sich anschmiegender Weichheit? Um nur zwei extreme Beispiele zu nennen. Schließlich sei auch noch gesagt, dass die Bequemlichkeit eines Schuhs nicht nur mit der Leistenform zu tun hat, sondern auch mit dem gewählten Schaftmodell in Relation zu der persönlichen Fußform und Zehenanordnung (ägyptischer Fuß, griechischer Fuß etc.). Ein Norweger oder Derby fühlt sich konstruktionsbedingt je nach Fuß anders an als ein Oxford mit Kappe oder ein Schlupfschuh. Und schließlich kommt auch noch die Lederart ins Spiel. Deshalb hilft Probieren und Vergleichen.

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  4. Ich habe ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass meine Massschuhe nicht umbedingt das waren, was ich als elegant erwartet habe. Die Frage ob ich gerne einen eleganten oder bequemen Schuh haben möchte, hatte mir der Schuhmacher (zum Glück) nicht gestellt. Ich hätte sicher die Eleganz der Bequemlichkeit vorgezogen. Er hat einen Kompromiss aus Bequemlichkeit und Eleganz gemacht. Heute bin ich froh darüber, denn die Schuhe sind wirklich sehr bequem. Die Eleganz ist so gut geworden, wie es meine Fussform eben erlaubt. Erwartet habe ich aber einen deutlich schlankeren Schuh. Die Form konnte man schon beim Probeschuh erahnen. Diese war deutlich weniger schlank als ich es mir erhofft hatte. Ich habe mir aber damals gesagt, dass ich mir nie wieder einen Schuh kaufen werde, nur weil er mir gefällt. Bei dem Probeschuh konnte ich noch Einfluss nehmen und ich habe die Schuhspitze um ca. 5 mm verlängern lassen. Der endgültigen Schuh kam meinen Vorstellungen näher, war aber dennoch „weit entfernt“ von meiner Idealvorstellung eines eleganten Schuhs. Wie in dem Beitrag erwähnt, sahen die Schuhe in den Vitrinen anders aus. Heute bin ich jedoch sehr zufrieden mit meinen Massschuhen welche nach „form follows Funktion“ gefertigt wurden. Aus meiner Sicht sollte es auch so sein. Der Schuhmacher hat alles richtig gemacht.

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