Schuhe und Kleidung kombinieren, letzter Teil

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Braune oder schwarze Schuhe zum Blazer? Die Antwort hängt vom Anlass ab (Foto: Jan Hemmerich bei Ed. Meier in München)

Zur Stadtkleidung gehören auch die drei klassischen formalen Outfits Cut, Smoking und Frack. Der Cut wird am Tage getragen, wenn es sehr feierlich zugeht. Hochzeit oder Taufe sind familiäre Standardsituationen für den Cut. Dazu kommen offizielle Anläße wie diplomatische Empfänge, Staatsbegräbnisse oder Ordensverleihungen – wohlgemerkt, wenn sie am Tage stattfinden. Als Schuh sollte immer der glatte, schwarze Oxford gewählt werden. Er ist bei wirklich ernsten Anläßen ein Muß. Bei Hochzeiten werden auch Monkstraps oder sogar Loafer getragen. Auf keinen Fall wird zum Cut aber ein Brogue getragen oder gar ein brauner Schuh. Der Cut ist nämlich ursprünglich ein Outfit für die Stadt. Selbst wenn also die Hochzeit auf dem Lande stattfindet, ist nur der schwarze Schuh akzeptabel.

Smoking Leinen
Smoking aus schwarzem Leinen von Robert Vogdt in Berlin.

Der Smoking ist der Anzug für den Abend. Ausschließlich dafür wurde er entworfen und seine Farbe ist Schwarz oder Mitternachtsblau. Zwei Fehler sollten im Zusammenhang mit dem Smoking unbedingt vermieden werden. Erstens: Ein Smoking aus einer anderen als den erwähnten Farben. Weinrot, Violett oder Petrol sind schlicht und einfach verkehrt. Einzige Ausnahme ist das sogenannte Dinnerjacket, das auf See oder unter freiem Himmel die schwarze Jacke ersetzt. Der zweite beliebte Fehler ist die farbige oder gar weiße Schleife. Zum Smoking wird immer und ausschließlich eine schwarze Schleife getragen. Dazu gehören Abenschuhe aus Lack- oder auf Hochglanz poliertem Kalbsleder z. B. ein Oxford ohne Kappe oder ein Pumps. Letzterer wird auch zum Frack getragen werden. Damit sind wir bei dem letzten der drei formalen Outfits, dem Frack. Zu ihm wird ausschließlich eine weiße Schleife getragen, die schwarze Schleife trägt nur das Service-Personal. Der Schuh zum Frack ist im Idealfall der eben erwähnte Pumps aus Lackleder, auf Englisch heißt er Court Shoe. Bei allen drei förmlichen Anzugarten wird der schwarze Kniestrumpf getragen. Beim Cut ist er aus dünner Wolle, Baumwolle oder Seide. Zum Smoking und Frack wären Seidenstrümpfe angebracht. Wer keine Abendschuhe besitzt, kann einen spiegelblank polierten Oxford zum Smoking tragen.

An die eben besprochenen Grundregeln für Business- und Freizeitoutfits sowie für feierliche Anlässe halten sich meist auch jene, die ihre Kleidung nach ästhetischen Kriterien auswählen. Sei es, dass sie nicht unangenehm auffallen wollen, sei es, dass ihnen die überlieferte Kombination auch als die ästhetisch befriedigenste erscheint. Dennoch haben sich gewisse Abweichungen von den Normen klassischer Kleidung fest etabliert. Dabei hat Italien in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine Vorreiterrolle übernommen und gewisse Kombinationen aus Farben, Stoffen und vor allem Schuhen weltweit populär gemacht. Aus dem Umfeld dieses Aufsatzes ergibt sich, dass wir uns dabei vor allem den Looks im Bereich Schuhe zuwenden. Hier ist die Vorliebe für den braunen Schuh zum Businessanzug als die wohl wichtigste italienische Eigenart zu nennen. Der stilvolle Norditaliener wählt zu seinem anthrazitgraunen Anzug aus leichtester Schurwolle in aller Regel einen braunen Schuh aus Glatt- oder Rauhleder.

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Zum dunklen Anzug: Raulederbrogue von Ed. Meier München 

Die Italiener haben damit nichts Neues erfunden. Sie haben lediglich das, was schon seit den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts vornehmlich als Freizeitoutfit getragen wurde, für den Businessanzug übernommen. Und tatsächlich spricht einiges für den braunen Schuh zum dunklen Anzug. Erstens sieht Braun zu Grau- oder Blautönen sowie vielen klassischen Dessins sehr gut aus. Zweitens bietet der braune Schuh die Möglichkeit der individuellen Patinierung. So kann durch die richtige Anwendung von Wachspaste dem hellbraunen Schuh eine spezielle Tönung gegeben werden. Ein nicht schon vom Hersteller mit einem Antik-Finish versehener Schuh kann also indivuell eingefärbt werden oder aber auch weitgehend in seinem Originalzustand erhalten bleiben. Alternativ kann man aus einer großen Zahl vorab patinierter Schuhe auswählen, mit denen viele Hersteller gerade in Italien äußerst erfolgreich sind.

Wer sich für den braunen Schuh zum dunklen Business-Outfit entscheidet, kann unter mehreren klassischen Kombinationen wählen. Zum einen gibt es die eben schon erwähnte aus dunkelgrauem Anzug und dunkelbraunen Schuhen. Dabei wird meist ein Brogue gewählt. Ebenso beliebt ist er zur grauen Flanellhose und Sportjacke oder blauem Blazer. Letzteres ist in Frankreich, Italien und Spanien ein nach wie vor äußerst beliebter Look. Zur grauen Hose und blauen Jacke wird dabei gern auch der sehr helle Brogue gewählt. Diese Kombination ist zwar nicht mehr wie noch in den Achtzigern der Look der wirklichen Insider, sie hat sich dafür aber rund um das Mittelmeer im stilistischen Mainstream fest etabliert.

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Zum hellen Sommeranzug oder mittelgrauem Flanell: Honigfarbene Oxfords.

Wer seine Kleidung nach ästethischen Kriterien kombiniert, sollte nicht nur die Farbe im Auge behalten. Die Wechselwirkung zwischen der Oberflächenstruktur von Schuh und Textilien ist mindestens ebenso wichtig. Dazu ein paar Beispiele. Zu einem Anzug aus einem schweren und wolligen Stoff sollten Schuhe gewählt werden, deren Oberfläche ähnlich stark strukturiert ist. Dies wäre zum einen bei Rauhleder der Fall, dessen Oberfläche der des Wollstoffs ähnelt. Ein Glattleder kann dann passen, wenn seine eigentich ebenmäßige Außenseite durch Nähte und Lochungen Struktur bekommt. Zu einem Glencheck-Anzug aus einer schweren Winterware könnte also ein Loafer aus Rauhleder gwählt werden. Zu dem gleichen Anzug würde aber auch der schwarze Fullbrogue aus Kalbsleder passen. Die eigentlich glatte Oberfläche des Materials würde durch Zierstepperei und Lochung optisch „aufgerauht“, wodurch es besser zum wolligen und stark gemusterten Anzugstoff paßt.

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Leichte Anzugstoffe von Hardy Minnis – braune Schuhe würden zu jeder Farbvariante passen.

Wenn man die beiden Kombinationsmöglichkeiten mit Hilfe der vorgestellten Kriterien analysiert, dann wären Glencheck und Rauhleder entweder die Wahl des Briten für ein sportliches Wochenendoutfit oder die eines Italieners für das Business-Lunch in der Stadt. Ein Glencheck-Anzug mit schwarzem Fullbrogue ist in den USA ein Business-Klassiker, in Großbritannien dagegen eher eine Seltenheit. Denn dort gilt Glencheck – oder wie man dort sagt Prince-of-Wales-Check – als definitiv sportliches Dessin. In der Stadt – also mit schwarzem Schuh – würden es vielleicht Kunsthändler oder Intellektuelle tragen. Bei den Brokern der Londoner City wäre ein Glencheck-Anzug dagegen absolut deplatziert. Es ist ersichtlich, dass eine bestimmte Kombination aus Oberbekleidung und Schuh sehr unterschiedliche Bedeutungen haben kann.

Wenn wir also Schuhe mit der übrigen Kleidung kombinieren, dann tun wir dies entweder im Einklang mit überlieferten Normen oder aber nach selbst kreierten oder lediglich gelernten ästethischen Kritierien. In beiden Fällen entsteht mit der Wahl eines Schuhs in den allermeisten Fällen ein Look mit einer ganz bestimmten Aussage. Ob die Aussage mit dem übereinstimmt, was wir mit der Kombination aus Schuh und Kleidung erreichen wollten, ist eine andere Frage. Ein einreihiger dunkelblauer Anzug mit einem orangefarbenen Gitterkaro könnte zum Beispiel mit einem Rauhlederschuh in genau dem Farbton des Überkaros kombiniert werden. Das Ergebnis wäre ästhetisch sicherlich befriedigend. Ob man damit richtig angezogen ist, hängt von den Umständen ab.

Beim Meeting mit Bankern in Frankfurt könnte das Outfit zum Beispiel Verwunderung erzeugen und den Träger bei den Finanzexperten in ein unseriöses Licht setzen. Wenn die beschriebene Kombination aus Anzug und Schuh beim Zusammentreffen mit einem Redakteur der italienischen Ausgabe eines bekannten Männermodemagazins getragen würde, könnten wir dagegen mit Anerkennung rechnen. Bei einem Vorstellungsgespräch mit einem Headhunter, der eine Stelle in der Londoner City zu besetzen hat, wäre die Wirkung dieses Outfits wiederum desaströs. Nur die allerwenigsten von uns müssen vor jedem Griff in Kleider- und Schuhschrank derartige Überlegungen anstellen. Gleichwohl bewegen wir uns alle täglich in wechselnden sozialen, gesellschaftlichen oder kulturellen Umfeldern. Vorausahnen zu können oder gar zu kalkulieren, was die Wahl dieses oder jenes Schuhs für Konsequenzen in den unterschiedlichen Bedeutungsfeldern haben kann, vermag manchmal hilfreich sein. Das Nachdenken über die Konnotationen des Outfits sollte den Spaß am Spiel mit Formen und Farben allerdings niemals zerstören. Denn das ästhetische Experiment ist das einzige, was den klassischen Kleidungsstil immer aus Neue verjüngt und für ihn jede Generation aufs Neue für sich entdecken lässt.

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