5 Gedanken nach der Pitti

  1. Warum immer Stilmix?
    Was ist eigentlich so schlecht daran, wenn man bei seinem Outfit einen Stil durchhält? Gekonnter Stilmix gilt als Ausweis von gutem Geschmack. Es ist aber keineswegs ein Beweis für mangelnde Phantasie, wenn man nur einen Stil zur Zeit trägt. Tweedsakko, Kordhosen, Hemd, Krawatte und Brogues sind doch wunderbar. Muss ich unter dem Sakko noch ein Kapuzenshirt tragen? Oder Sneakers anstelle der Brogues? Less is more. Oder?

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    Der Hemdenmacher Mariano Langa (links im Bild) und ein Kunde der Sastreria Langa. Sind grüne Schuhe schon Stilmix? Oder bleibt es im Rahmen des klassischen Looks? 
  2. No brown after six?
    Auf diese Regel wird man als Sakko- oder Anzugträger häufig angesprochen, wenn man abends zum dunkelgrauen Kammgarnstoff oder Tweedsakko und Flanellhosen dunkelbraune Schuhe trägt. Meistens von Leuten, die selbst in Sneakers und Sweartshirt daherkommen. Ich selbst trage bei Abendanlässen eher schwarze Schuhe (und ein weißes Hemd) zum dunklen Anzug, dunkelbraune Schuhe sind aber abends keineswegs grundsätzlich verkehrt. Mich stört eher, dass abends immer häufiger hellgraue Anzüge getragen werden, oftmals sogar mit sportlichem Desssin wie Glencheck. Auch und vor allem von klassisch gekleideten Italienern. Bin ich der einzige, der abends auf dunklem Tuch besteht?

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    Schwarze Schuhe sind abends immer noch die korrekte Wahl zum dunklen Anzug, gegen dunkelbraune Schuhe ist bei weniger förmlichen Anlässen aber nichts mehr einzuwenden (Foto: Ed. Meier München
  3. Hut-Etikette
    Influencer und Instagram-Ikonen tragen zur Zeit viel Hut. Gern aus buntem Filz und mit Feder. Auch riesige Krempen sind beliebt. Form und Farbe der Kopfbedeckungen lasse ich jetzt unkommentiert, ich frage mich vielmehr, ob die Hut-Etikette völlig in Vergessenheit geraten sind? Seit ungefähr 100 Jahren ist es üblich, dass man seinen Hut an der Garderobe abgibt, wenn man eine Abendveranstaltung besucht. Oder man hängt den Hut auf einen Haken. Wenn keine Haken vorhanden oder frei sind, kann der Hut auch unter den Stuhl gelegt werden. Heute stehen die Herren mit Hut auf dem Kopf an der Bar. Auch im Restaurant werden Hüte oftmals nicht abgesetzt. Ich halte es nach wie vor mit der alten Regel, dass man grundsätzlich Hüte in Innenräumen absetzt, nur in öffentlichen Innenräumen (z. B. Bahnhofshallen), in Verkehrsmitteln (Zug oder Bus) sowie im Aufzug bleibt der Hut auf dem Kopf. Ich ziehe sogar den Hut zur Begrüßung und während des Gesprächs mit Damen und älteren Herrschaften setze ich ihn erst nach dem Abschied wieder auf. Ist das alles „out“?

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    Hüte sind beliebt, die Hut-Etikette kennt aber kaum jemand. Hier ein Modell nach Maß von Jürgen Eifler aus Köln (Foto: Bernhard Roetzel)
  4. Bart und Rasur
    Bärte erfreuen sich seit einigen Jahren großer Beliebtheit. Entgegen meinen in verschiedenen Interviews gemachten Vorhersagen scheint dieser Trend keine Eintagsfliege zu sein. Ich gebe zu, dass ich den Vollbart nicht bei jedem Mann vorteilhaft finde. Ich kenne die Kostüm- und Sozialgeschichte Europas aber gut genug, um den Bart einordnen zu können. Kurz und gut: Ich habe nichts gegen Barttrachten. Seltsam finde ich nur, dass viele Männer, die keinen Vollbart oder Schnurrbart tragen, trotzdem nicht glattrasiert auftreten. Auch bei dieser Ausgabe der Pitti Uomo in Florenz sind mir viele Herren aufgefallen, die sehr korrekt in Anzug oder Kombination gekleidet waren, sich aber nicht rasiert hatten. Ist das glatte Gesicht bei den Nichtbartträgern nicht mehr gefragt?

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    Für das glatte Gesicht: Rasiercreme aus dem Sortiment von The English Scent in Berlin
  5. Einkaufstaschen für Männer
    Als ich ein Kind war, also in den Siebzigern, benutzten die meisten noch Plastiktüten, um den Supermarkteinkauf nach Hause zu tragen. Nur Großmütter benutzten stabile Einkaufstaschen aus Kunstleder oder Leder. Männer trugen Aktentaschen und der Herr trug gar nichts oder einen Stockschirm. Heute gehört es bei vielen stilbewussten Männern zum guten Ton, eine Einkaufstasche spazieren zu führen. Da das Wort Einkaufstasche zu sehr nach den Großmüttern meiner Kinderzeit klingt, heißt die Einkaufstasche jetzt auf Englisch „tote bag“. In meinem Oxford Advanced Learner’s Dictionary von 1982 findet sich zwar das Verb „to tote“ (gleich „tragen“), nicht aber der „tote bag“. Den findet man aber bei Wikipedia. Wahrscheinlich ist mein Geschmack bei diesem Thema so veraltet wie mein Wörterbuch, ich finde aber, dass eine Einkaufstasche nicht zum Anzug passt.

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    Aktentasche aus der Ledermanufaktur von Bernd Kreis. Viele Männer trage heutzutage lieber Einkaufstasche (Foto: Kreis Ledermanufaktur)

 

 

7 Comments

  1. Sehr geehrter Herr Roetzel
    Ich bin mit Ihnen in allen Punkten einer Meinung… Auch wenn das auf den Kleidungsstil der Menschheit keine Auswirkungen hat.
    Einen schönen Tag wünscht
    Stefan Krause

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  2. Interessante Meinungen. Auch ich finde, daß ich bei den meisten Aussagen zustimmen kann.
    Ein paar Gedanken:
    – Hutettikette ist in der Tat schwierig zu praktizieren, da dafür mittlerweile die Infrastruktur fehlt.
    – Dreitagebart und “five o’clock shadow” sind MMN nicht so schlimm wie ungepflegter Vollbart oder (vor allem dicke) Männer mit struppigen Bärten (z.B. keine erkennbare Linie am Kinn oder Wange) . Das sieht einfach nur nach Faulheit aus.
    – Die ganzen Farbregeln sind für mich komplett willkürlich.

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    1. PS: Als Fahrradfahrer trage ich gezwungenermaßen Rucksack. Ansonsten ist die Einkaufstasche praktisch, weil das Mittagsbrot, dass meine Frau mir backt nicht in eine Aktentasche passt.

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  3. Vielen Dank für diesen wunderbaren Artikel, es freut mich, wieder mehr von Ihnen lesen zu dürfen und dass Sie sich nicht nur auf Instagram beschränken, wie viele andere.
    Bei den fünf Punkten musste ich zuerst an Bildung denken. Nur wer die Regeln kennt, kann sie auch brechen. Ersteres bezweifele ich bei vielen.
    Für mich ist ihr Buch nach wie vor die Basis von der aus Mann sich weiterentwickeln kann.
    Seit ich im Hochschubereich arbeite, waren Hemd, Jeans und Sakko/Blazer. Seit einigen Tagen trage ich nun Wollhose und Krawatte und fühle mich mit meinen 35 Jahren besser angezogen denn je.

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