Kaschmirstrick aus Schottland

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Kaschmirschal „Made in Scotland“ von Johnstons of Elgin (Foto: Johnstons)

Whisky, Tartan, Kilt. Vielleicht auch Haggis. Aber Kaschmir? Wenn von Schottland die Rede ist, denken die wenigstens an den Namen der edlen Faser aus dem Orient. Mit dem Land der Schotten assoziiert man eher Karostoffe, Tweed und Single Malts. Dennoch ist Schottland immer noch die beste Provenienz für Kaschmirmode. Denn seit dem 19. Jahrhundert wird dort das aus Asien stammende Rohmaterial verarbeitet. Zu Stoffen für Anzüge und Mäntel. Und zu feinsten Strickwaren.

In Schottland hatte sich schon im 18. Jahrhundert eine florierende und hochmoderne Textilindustrie entwickelt. Als die ersten Ballen Rohkaschmir bei den dortigen Spinnereien landeten, konnten die aufgrund ihres technischen Know-hows mit der extrem feinen Faser sofort etwas anfangen. Kaschmir war ein Erzeugnis der britischen Kolonien, das Empire saß im Orient sozusagen an der Quelle der edlen Faser. Schottische Spinnereien lieferten fortan das Garn, aus dem textiler Luxus gewirkt wurde. Einer der ersten Exportschlager waren flaumweiche Umlegetücher für Damen, die in ganz Europa zum begehrten Statussymbol wurden. Kaiserin Eugénie, Gattin von Napoleon III., liebte sie genauso wie Queen Victoria. Ende des 19. Jahrhunderts gewann gestrickte Oberbekleidung an Bedeutung. Der damals einsetzende Sportboom löste eine große Nachfrage nach dem „sweater“ aus, also dem Wollpullover. Er war in verschiedenen Modellvarianten äußerst beliebt bei Radfahrern, Golfspielern, Ruderern, Cricketspielern, Wanderern und anderen Bewegungsfreudigen. Ärzte und Gesundheitsapostel propagierten Wolle als die Bekleidung des gesunden Menschen und Sportler schätzten ihre schweißtreibende Wirkung beim Training.

Vom reinen Outdoor- und Sportoutfit entwickelte sich der Pullover in den 1920ern dann langsam hin zum Freizeitoutfit. Aus Lammwolle war er Pflicht, aus Kaschmir Kür. In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde er zum Markenzeichen der lässigen Hollywoodeleganz. Stars wie Fred Astaire, Frank Sinatra, Dean Martin oder Cary Grant relaxten stilvoll in Kaschmir, die High Society und das internationale Jetset machten den federleichten Strick zum Symbol lässiger Eleganz. In den 1980ern bekamen die Schotten vermehrt Konkurrenz aus Italien. Die dortige Textilindustrie hatte sich nach 1945 mit neuesten Maschinen neu aufgestellt und gewann dank guter Qualität und modischerem Design mehr und mehr an Boden. In den 1990ern wurde Kaschmirstrick von den meisten Käufern dann fast nur noch mit italienischen Marken identifiziert. Kenner und Anglophile blieben aber dem Strick aus Schottland treu. Allen voran die italienischen Kunden, bei denen bis heute die Label von der Insel hoch begehrt sind. Deshalb tragen viele Kaschmirpullover „Made in Italy“ schottisch klingende Markennamen.

Wer bei Kaschmir mitreden will, muss nicht nur die Herkunft der Faser kennen. Es sollten ihm auch ein paar textiltechnische Fachbegriffe geläufig sein. Denn wenn es um Kaschmirstrick aus Schottland geht, fallen häufig die englischen Vokabeln „two-ply“, „four-ply“ oder „six-ply“. Sie stehen für die Beschaffenheit des Garns. Es wird aus den zuvor gereinigten Fasern gesponnen, also zu einem Faden zusammengedreht. Je feiner und länger die Fasern sind, desto hochwertiger das Garn. Wenn es aus kurzen Fasern oder Faserresten hergestellt wird, neigt es dagegen zum so genannten Pilling, also herausstehenden und sich verfilzenden Faserspitzen. Aus dem Garn kann direkt ein Pullover gestrickt werden, das Ergebnis ist dann eine normale bis mittelgute Qualität. Wenn man aber mehrere Garnfäden zusammendreht, mindestens zwei, dann entsteht ein Zwirn. Besteht er aus zwei Fäden, redet man von „two-ply“, wenn vier Fäden verdreht wurden, von „four-ply“. Zwirn ist stabiler und elastischer, das überträgt sich dann auch auf den daraus gewirkten Strick. Der entsteht natürlich nicht in Handarbeit, zum Einsatz kommen Flachstrickmaschinen.

Der mechanische Ersatz für die manuell geführten Stricknadeln geht auf die Erfindung des englischen Pfarrers William Lee zurück, der schon 1589 den Strumpfwirkstuhl entwickelt hat. Die Maschine lieferte eine flache Wirkware, die dann zu einem Strumpf zusammengenäht werden konnte. Die Novität des Geistlichen wurde aus Rücksicht auf die Handstricker des britischen Empires zunächst verboten und musste in Frankreich gebaut werden. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts durfte er dann auch in seinem Heimatland eingesetzt werden. Seit dieser Zeit wurde der Maschinenpark ständig durch Innovationen verbessert. Geblieben ist der Unterschied zwischen „Fully fashioned“ und Schnittware. „Fully fashioned“ besagt, dass die Form des Pullovers schon beim Stricken entsteht. Er hat dadurch eine bessere Passform und die Nähte fallen feiner aus. Günstiger sind Pullover, die aus Schnittware zusammengefügt werden. Luxuspullover sind stets „Fully fashioned“, doch dies allein rechtfertigt noch nicht den höheren Preis. Spitzenstrick aus Kaschmir wird aufwändig veredelt, also gewaschen, getrocknet und gebügelt, um den gewünschten Griff zu erreichen. Dieser Vorgang ähnelt der Veredelung von Geweben, die ebenfalls erst durch den Einsatz von Wasser, Seife und Dampf die richtige Weichheit erlangen.

Kaschmir wird heute in einem vorher nie für möglich gehaltenen Umfang auf den Markt geworfen und zum Teil zu Dumpingpreisen. Doch nicht alles, was als Kaschmir angeboten wird, trägt zu Recht diesen Namen. Die teure Ziegenfaser wird gern mit Haare anderer Tiere gestreckt, z. B. von dem Yak, einem asiatischen Hochlandrind. Wer sicher gehen will, dass er wirklich gute Kaschmirstrickwaren bekommt, darf nicht auf Discounterpreisen bestehen. Die traditionsreichen Anbieter aus Schottland stehen für Spitzenware, die bei entsprechender Pflege auch nach langer Zeit noch gut aussieht. Die schonende Handwäsche steht an erster Stelle, alternativ kann man Kaschmirpullover aber auch chemisch reinigen lassen. Kaltes Wasser und Haarshampoo oder Feinwaschmittel schaden aber in keinem Fall, wichtig ist dabei nur, dass man den Pullover beim Waschen und Spülen keinen Temperaturunterschieden aussetzt. Der Ablauf ist ganz einfach: Das Waschmittel gut im Wasser verteilen, dann den Pullover eintauchen und behutsam waschen. Nach dem gründlichen Spülen wird der Pullover sanft ausgedrückt und in ein Handtuch gerollt. Vom Waschbecken oder der Schüssel sollte der Pullover immer als Knäuel gehoben werden, also nicht an der Schulterpartie anfassen. Das gilt auch für das Spülen. Im Handtuch wird weiteres Wasser herausgedrückt, bitte nicht auswringen. Dann wird das edle Stück in einem warmen, gut belüfteten Raum zum Trocknen hingelegt. Also nicht aufhängen, vielmehr auf einem Handtuch ausbreiten und einfach warten. Wenn der Pullover dann nicht glatt genug ist, am besten bedampfen. Bevor er für längere Zeit verstaut wird, unbedingt waschen.

 

 

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Veröffentlicht von

bernhardroetzel

Oft werde ich als "Stilpapst" bezeichnet, ich selbst sehe mich als Liebhaber der klassischen Herrenbekleidung und vielleicht auch als Experten für dieses Sujet. Seit Ende der 1990er Jahre schreibe ich professionell über dieses Thema, Bücher, Zeitschriftenartikel und im Internet. Mein bekanntestes Werk ist "Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode", daneben habe ich seit 1999 weitere 14 Bücher veröffentlicht. Zuletzt ist von bei h. f. ullmann mir das "Gentleman Look Book" erschienen. Im Internet bin ich bei Instagram und mit einer Seite bei FB präsent, außerdem als Autor bei Gentleman's Gazette und Parisian Gentleman.

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