Lieblingsstücke 2017, Teil 3: Der Kurzmantel

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Handyselfie von einer Reise im Herbst. Der Kurzmantel von  Barbour lässt sich klein zusammenrollen und im Gepäckverfach verstauen, mit Wollschal ist er hinreichend warm.

Wer mich und meine Publikationen kennt, weiß um meine Abneigung gegen die so genannten Funktionsmaterialien. Der Begriff „Funktion“ soll eine Eigenschaft des Stoffs beschreiben, das Wort Funktion ist aber ungenau. Jeder Stoff und jedes Kleidunsstück sollten in der Weise funktionieren, die man sich für sie gedacht hat. Ein Regenmantel sollte den Regen abhalten, ein Schuh den Fuß schützen, stützen und zieren und ein Hut den Kopf bedecken. Funktion steht tatsächlich aber für Synthetik und gegen die habe ich, wie viele andere Menschen auch, eine gewisse Abneigung.

Vor allem Menschen meiner Generation assoziieren mit Synthetik schwere Stoffe, in denen man schwitzt, wie in den Trainingsanzügen meiner Kinderzeit, in den Sakkos und Mänteln aus Geweben wie Dralon oder gar den schrecklichen Nyltest-Hemden. Auch in Strümpfen mit Anteil von Synthetikfasern fühle ich mich unwohl, ob das nun objektiv an 3 bis 10 Prozent Elasthan liegt oder nur an dem Wissen um ihre Existenz. In meiner Garderobe finden sich deshalb nur sehr wenige Kleidungsstücke aus Kunstfasern, genau genommen nur zwei oder Steppjacken bzw Steppwesten von Lavenham oder Husky. Dann noch einige wenige Paare Strümpfe mit geringen Anteil von Elasthan und Fieldcoats von Chrysalis oder Ed.Meier München mit Synthetikmembran unter dem Oberstoff.

Diese Membran macht die Fieldcoats wirklich wasserdicht, da sie aber nicht sichtbar ist, stößt man sich nicht an ihr, genießt aber, dass Sie funktioniert. Die Ironie bezieht sich auf meine eigene Inkonsequenz, denn ich gebe zu, dass die Verachtung der Kunstfaser zum Teil auch Attitude ist. Denn ich weiß natürlich, dass mein Mantel aus Baumwollgabardine gegen einen Dauerregen nicht viel ausrichten kann. Und die Wachsjacken und Wachsmäntel sind nur so lange dicht, wie das Wachs noch nicht abgenutzt ist. Und solange sie dicht sind, schwitzt man bereits bei leicht gestiegenen Temperaturen unter dem versiegelten Baumwollstoff. Deshalb hatte ich schon länger nach einem Mantel Ausschau gehalten, der so leicht wie mein Gabardine-Mantel aus Baumwolle ist und dabei wirklich vor Regen schützt.

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Das oder die Harrierjacket von Barbour , erstanden bei Ladage & Oelke in Hamburg. Definitiv einer der besten Käufe des Jahres 2017. Er bereichert die Garderobe und hat meine Sicht auf Synthetikmaterialien verändert (Foto: Barbour)

Bei Ladage & Oelke in Hamburg entdeckt ich in diesem Jahr im Sommerschlussverkauf genau das, was ich gesucht hatte. Einen Kurzmantel mit Kordkragen von Barbour namens Harrierjacket. Er ist leicht, sehr wasserfest und winddicht. Innen mit dem neuen Karofutter von Barbour, dazu relativ große Außentaschen mit Patten und eine Innentasche. Die Größe passte gut, der Preis war verlockend und so griff ich zu. Den Kauf habe ich kein einziges Mal bereut. Obgleich das Teil nicht in dem Maße wasserdicht ist, wie die für den Outdooreinsatz konzipierten Jacken wesentlich höherer Preislagen, schützt der Mantel doch sehr effektiv gegen den Regen. Effektiver, als jeder Gabardine-Mantel und wartungsfreier als Wachsjacken. Der Mantel fiel auch dann nicht Ungnade, als sich nach kurzer Zeit bei allen Knöpfen die Fäden lockerten. Bei Ladage & Oelke erklärte man mir, dass dies leider heute selbst bei noch teureren Jacken auftritt. Doch Knöpfe kann man ordentlich annähen. Und so trug ich sie durch den ganzen, regenreichen und windigen Sommer, an den Ferien an der Nordsee, auf Geschäftsreisen und im Alltag. Flecken auf dem hellen Stoff sind kein Problem, denn die Jacke kann ich einfach in die Waschmaschine stecken.

Als ich mit der Inhaberin von Ladage & Oelke über das Thema Synthetik sprach, brachte sie einen interessanten Aspekt auf. Kunstfasern aus Liebe zur Umwelt abzulehnen, sei nämlich nicht wirklich stimmig, da die Baumwollproduktion ungeheure Wassermengen verschlingt. Doch das ist ein Thema für sich.

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Veröffentlicht von

bernhardroetzel

Oft werde ich als "Stilpapst" bezeichnet, ich selbst sehe mich als Liebhaber der klassischen Herrenbekleidung und vielleicht auch als Experten für dieses Sujet. Seit Ende der 1990er Jahre schreibe ich professionell über dieses Thema, Bücher, Zeitschriftenartikel und im Internet. Mein bekanntestes Werk ist "Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode", daneben habe ich seit 1999 weitere 14 Bücher veröffentlicht. Zuletzt ist von bei h. f. ullmann mir das "Gentleman Look Book" erschienen. Im Internet bin ich bei Instagram und mit einer Seite bei FB präsent, außerdem als Autor bei Gentleman's Gazette und Parisian Gentleman.

3 Gedanken zu „Lieblingsstücke 2017, Teil 3: Der Kurzmantel“

    1. Mäntel von der Stange haben selten die exakt zur Proportion des Trägers passende Länge. Wenn wir annehmen, dass die Höhe des Kopfes ein Achtel der Körpergröße misst, dann ergeben sich horizontale Querlinien bei jedem Achtel der Körperlänge. Nach goldenem Schnitt liegt die Körpermitte dann bei drei Achtel von oben, also in der Taille. Eine optimale Mantellänge liegt demnach bei zwei Achteln von unten. Wie das dann mit den Kieen zusammenspielt, muss man im Einzelfall sehen. Ein Kurzmantel von der Stange sollte etwa auf Kniemitte enden, sonst verdient er nicht mehr seinen Namen.

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