Lieblingsstücke 2017, Teil 2: Der Seersuckeranzug

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Florenz am Vormittag, Sommer 2017. Um diese Zeit waren die Temperaturen noch erträglich, ab Mittag war es sehr heiß. Der Panamahut von Herbert Johnson war mir absolut unentbehrlich (Foto: Erill Fritz)

Maßkleidung wird nicht gekauft, man bestellt sie. Im Idealfall rechtzeitig. Der Seersuckeranzug, den ich auf der 92. Ausgabe der Pitti Uomo in Florenz im Sommer 2017 getragen habe, wurde von mir im Oktober 2016 in der Berliner Filiale des Maßkonfektionsanbieters Cove & Co. geordert. Der Stoff stammt von der italienischen Weberei Solbiati , als Futter habe ich weißen Satin ausgewählt, die Knöpfe sind aus Perlmutt. Der Anzug wurde bei Cove & Co. „handmade“ gefertigt, also schneidermäßig und mit handgenähten Knopflöchern. Die Ärmel sind „a la camicia“ verarbeitet, die Taschen wurden aufgesetzt. Die Hosen haben „reversed pleats“, Seitenschnallen und Knöpfe für Hosenträger. Es stand die Frage im Raum, ob man den Anzug ungefüttert und halbefüttert arbeiten lässt. Wenn es zum Zeitpunkt der Bestellung drauße nicht so kalt gewesen wäre, hätte ich ihn wahrscheinlich ungefüttert bestellt, so erschien mir der Stoff auch mit Futter noch ungeheuer leicht.

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Der Seersuckerstoff im Musterbuch von Solbiati bei Cove & Co. in Berlin, außerdem das weiße Futter und der Perlmuttknopf.

Natürlich habe ich den Anzug nicht nur in Florenz getragen, doch dort hat er sich von allen Einsätzen des Sommers 2017 am besten bewährt und geradezu als unentbehrlich erwiesen. Es war so heiß, dass die anderen Anzüge, die ich eigentlich eingeplant hatte, im Schrank des Hotels bleiben mussten. Nur an einem Abend trug ich zur Abwechslung einen alten dunkelblauen Hopsack-Blazer von Regent und graue Fresko-Hosen von Cove & Co., bereute das aber, sobald ich Innenräume betreten hatte und die Temperaturen aufgrund der Beleuchtung wieder anstiegen.

Seersuckeranzüge sind in Deutschland nach wie vor ein rarer Anblick. In den USA sind sie Klassiker der Businessmode, wobei ich nicht weiß, wie populär sie im Moment sind. Ich erinnere mich gut an einem Katalog von Brooks Brothers aus dem Jahre 1992, in dem neben Baumwollanzügen in Beige, Olive und Marine auch Zweiteiler aus Seersuckerstoff angeboten wurden. In Deutschland wurden seit Ende des 19. Jahrhunderts im Sommer helle Anzüge getragen, aus Leinen oder aus feinen Wollstoffen. Auch in den 50er bis 70er Jahren des letzten Jahrhunderts waren helle Anzüge noch sehr beliebt, aber den 60ern auch aus Synthetikmaterialien. Gabardine aus Wolle, Baumwolle oder Kunstfaser galt als unempfindlicher Sommerstoff. Seersucker hatte jedoch nie eine Bedeutung, allenfalls der ihm ähnliche „Schwesternstreifen“ war bekannt. Wer sich also für einen Seersuckeranzug entscheidet, bestellt verwunderte Blicke gleich mit.

Vor der Messe in Florenz hatte ich erwartet, dass ich dort auf sehr viele Herren in Seersuckeranzügen treffen würde. Tatsächlich waren es aber nur relativ wenige, häufiger waren Sommeranzüge aus Leinen zu sehen. Ich traf mehrere Herren in Anzügen aus dunkelblauem  Wolle-Seide-Seersucker, z. B. den berühmten Modebuchautoren und Herrenausstattter Alan Flusser aus New York City. Ich wurde mehrfach in meinem Seersuckeranzug fotografiert, Verwunderung hat er nicht erregt. Kenner kennen den Stoff. Das war im Jahre 2000 anders, als ich bei der Kölner Herremodemesse in einem Zweireiher aus Seersucker antrat. Das Verständnis für diesen Stoff war bei den meisten Deutschen nicht vorhanden und für einen Doppelreiher aus diesem Gewebe erst Recht nicht. Mittlerweile gucken die Modeleute nicht mehr komisch, wenn man mit so einem Anzug auftaucht, der Mann auf der Straße wundert sich aber nach wie vor. Deutschland ist einfach kein Seersuckerland, deshalb würde ich Bankern und anderen Anzugträgern tatsächlich eher zu dem dunkelblauen Seersuckerstoff raten.

 

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Zum hellblau-weiß-gestreifen Seersucker sind weiße Hemden die beste Kombination für geschäftliche Anlässe. Ein klassisches Schuhmodell zu diesem Anzug ist Tasselloafer, wie z. B. das Modell aus Rauleder von Ed.Meier München (Foto: Erill Fritz)

 

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Mein Rauleder-Tasselloafer von Ed.Meier München . Braunes Rauleder ist im Sommer sehr praktisch, da man Staub leicht entfernen kann und das Nachpolieren entfällt (Foto: Jan Hemmerich)
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Der Ur-Tasselloafer: Der Tassel Mocassin von Alden Shoe Company (Foto: Cove & Co.)
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Pennyloafer sind amerikanische Klassiker, die ebenfalls gut zum Seersuckeranzug passen. Hier ein Modell von Yanko aus Spanien

Seersucker hat zwei Vorteile. Zum einen ist er sehr knitterunempfindlich, was zum Teil daran liegt, dass die Oberfläche des Stoffs von vorn herein eine leichte Welligkeit aufweist, Knitterstellen fallen also gar nicht so sehr auf. Vorteil zwei: Er ist dabei sehr leicht und atmungsaktiv. Andere Baumwollstoffe, die für Anzüge verwendet werden, sind meistens schwerer, auch im Vergleich sommerlichen Wollstoffen. Der einzige Nachteil des Hellblau-Weiß-gestreiften Seersuckers ist das Hellblau – man kann den Stoff deshalb nicht mit blauen Hemden kombinieren, jedenfalls nicht mit den üblichen Hellblautönen.

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Der italienische Klassiker im Sommer und perfekt zum Seersuckeranzug: Ein Hemd aus angenehm luftigem Giro Inglese, hier ein Beispiel von Cordone1956

Ich habe gelungene Kombinationen mit dunklerem Denim-Blau gesehen, da ich aber kein Freund dunklerer Hemdenstoffe bin, kommt für mich dieser Stoff zum Anzug nicht in Frage. Es bleiben also nur Weiß, Creme, Rosa und eventuell Gelb. Letzteres wäre sehr „preppy“, passt aber nicht zum Businesslook. Bleiben also Weiß, Creme und Rosa – einfarbig. Weiße Hemden sind bei Hitze natürlich sehr empfehlenswert, da man eventuelle Schweißflecken kaum sieht. Ich trage zum Seersuckeranzug am liebsten luftige und griffige Qualitäten wie Oxford, Jersey oder Giro Inglese von meinem Hemdenmacher Gino Venturini in Wien .

Da der Stoff bei Hitze wirklich äußerst angenehm ist, werde ich mir für den nächsten Sommer wahrscheinlich einen Seersuckeranzug mit braunen und weißen Streifen bestellen, den kann ich dann auch mit hellblauen Hemden kombinieren. Es gibt den Stoff ansonsten auch noch in Rosa-Weiß, Grün-Weiß und einfarbig sowie kariert.

 

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Veröffentlicht von

bernhardroetzel

Oft werde ich als "Stilpapst" bezeichnet, ich selbst sehe mich als Liebhaber der klassischen Herrenbekleidung und vielleicht auch als Experten für dieses Sujet. Seit Ende der 1990er Jahre schreibe ich professionell über dieses Thema, Bücher, Zeitschriftenartikel und im Internet. Mein bekanntestes Werk ist "Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode", daneben habe ich seit 1999 weitere 14 Bücher veröffentlicht. Zuletzt ist von bei h. f. ullmann mir das "Gentleman Look Book" erschienen. Im Internet bin ich bei Instagram und mit einer Seite bei FB präsent, außerdem als Autor bei Gentleman's Gazette und Parisian Gentleman.

2 Gedanken zu „Lieblingsstücke 2017, Teil 2: Der Seersuckeranzug“

  1. Gestreift wie gezeigt ist Seersucker ist für mich zu USA-Südstaaten-haft, aber Sie tragen den Anzug dennoch hervorragend. Es gibt allerdings tolle legere und sportliche Versionen aus Japan u.a.

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    1. Vieles, was als klassisch gilt, ist ein Import aus anderen Ländern – Tweedjacke, Marineblazer, Dufflecoat, Chinos. Ich glaube, dass nur der Kenner den Bezug zwischen Seersucker-Anzug und den Südstaaten der USA herstellen wird. Und wenn er es tut, würde mich das eher noch darin bestärken, diesen Anzug hierzulande zu tragen. Viele würden Seersucker nur als Sakko oder nur als Hose tragen oder nur in ironischer Weise. Ich finde, dass dieser Anzug am besten wirkt, wenn man ihn „allen Ernstes“ trägt.

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