Stylish oder albern? Was der Duke of Windsor nie getragen hätte

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Die Büste im Schaufenster der Sartoria Vestrucci in Florenz ist sehr geschmackvoll dekoriert. Casentino-Mantel in Orange, Tweedsakko, Wollbinder und Einstecktuch. Manch einer würde die Zusammenstellung als albern empfinden, die meisten Stilikonen würden sie aber tragen (Foto: Bernhard Roetzel)

Cary Grant, Prince Charles, Gianni Agnelli, Fred Astaire, Steve McQueen, Sergio Loro Piana, Luciano Barbera oder der Duke of Windsor – diese Herren sind in der Welt des klassischen Stils Ikonen. Doch warum gilt vieles, was diese Herren niemals getragen hätten oder tragen würden, in der Welt der „Influencer“ und „best dressed men“ als besonders „stylish“? Hier vier Beispiele:

  1. Zu kurze Hosen
    Seit Ende der 1980er beobachte ich bewusst den klassischen Stil. Seitdem gehe ich auch auf Herrenmodemessen. Schon damals gab es unter den Facheuten aus der Modebranche die Fraktion der Hochwasserhosenträger. Die kurzen und schmal geschnittenen Hosen waren damals eine Wohltat, da die Mainstream-Anzughosen sehr weit geschnitten waren. Ich schwinge mich nicht zum Richter auf, jeder soll die Hosen tragen, wie er mag. Wenn ich aber Männer dabei helfen will, einen überzeugenden Businesslook hinzubekommen, kann ich nicht zu Hochwasserhosen raten. Da könnte ich genauso gut Micky-Maus-Krawatten oder aufgerollte Sakkoärmeln empfehlen. Was einem Besucher der Pitti Uomo in Florenz Beifall bei seinen Instagram-Followern bringt, kann für das Image eines Geschäftsmannes fatal sein.
  2. Armbändchen, Einkaufstaschen, „lapel chains“ & Co. 
    Wahrscheinlich bin ich zu altmodisch. Oder einfach hinterm Mond. Ich finde aber, dass ein Herr gut ohne Kettchen oder Lederbändchen am Handgelenk, „lapel chains“ im Revers und auch ohne Einkaufstaschen auskommt. Armbanduhr und Manschettenknöpfe reichen als Dekor völlig aus. Meinetwegen auch Trauring oder eine Taschenuhr mit Kette. Aber wozu muss im Reversknopfloch meines Sakkos eine Kette hängen? An der meistens gar nichts befestigt ist? Wozu die Armbänder? Und wieso haken plötzlich alle die Sonnenbrille in die Brusttasche des Sakkos ein? Ich gebe zu, dass ich Mitte der 1990er eine Zeitlang einen Kupferreifen am Handgelenk getragen habe, weil ich das irgendwie schick fand und es auch als gesund galt. Mittlerweile bin ich totaler Purist geworden was Schmuck und Accessoires angeht. Auch und gerade bei Taschen. Selbst die Aktenmappe führe ich ungern mit, weil ich es immer schon eleganter fand, die Hände frei zu haben – um sie z. B. in die Manteltaschen zu stecken. Die diversen „Shopper“ empfinde ich jedoch als untragbar. Bei vielen „Influencern“ gehören sie anscheinend zum guten Ton. Doch was soll ich darin unterbringen? Butterbrote? Bücher? Klappcomputer? Niemand wird ernsthaft mit einem Echtleder „Shopper“ einholen gehen. Aber nur für eine Zeitung muss ich nicht eine Tasche mit mir führen. Herrenkleidung hat viele Taschen, in denen alles untergebracht werden kann.
  3. Die Schlägermütze oder „Bakerboy Cap“
    Nichts gegen diese Mützen an sich. Sie passen gut zu dem Look, den wir in The Heritage Post präsentiert bekommen. Zu Denim, Arbeitsstiefeln, Lederjacken, Flanellhemden und Kord. Aber nicht zum Anzug oder zu Sakko und Hose. In der goldenen Zeit der Herrenmode, also in den 20er bis 40er Jahren des 20. Jahrhunderts, war diese Mütze das Accessoire der arbeitenden Bevölkerung. Der Herr trug zum Anzug Hut und nur beim Sport „Flatcaps.“ Aus Tweed im Winter oder leichten Stoffen im Sommer. Es ist ein Stilbruch, „Bakerboy Caps“ oder „Newsboy Caps“ zu Tagesanzug und Mantel zu tragen. Dazu gehört ein Filzhut. Man trägt ja auch nicht den Classic Moc von Redwing zum dunkelgrauen Flanellanzug.
  4. Seltsam gebundene Krawatten
    Das, was jahrzehntelang als Fehler gebrandmarkt wurde, wird in letzter Zeit gern zum nachahmenswerten Trend erkoren. Zum Beispiel die Krawatte, die so gebunden wird, dass das schmale Ende sehr viel länger ist als das breite Ende. Vom Ursprung her betrachtet ist das nicht neu. Als die Hosen in den 1930er bis 1950er Jahren noch hoch in der Taille saßen, band man die Krawatte mit kurzem breiten Ende, damit dessen Spitze am Hosensaum endete. Das überhängende schmale Ende wurde dann in die Hose gesteckt und damit versteckt. Es ist nicht weiter wild, wenn das schmale Ende mal einen oder zwei cm zu lang ist. Sich darüber aufzuregen, wäre kleinkariert. Aber warum gilt es plötzlich als schick, dass das schmale Ende mehrere Handbreit über das breite Ende hinausragt und über der Hose hinunterhängt? Weil es einige besonders elegante Italiener in Florenz vorgemacht haben? Weil es besondere Lässigkeit ausstrahlt? Vielleicht habe ich da eine Wissenslücke. Ich bitte um Aufklärung. Bis die kommt, bleibt die seltsam gebundene Krawatte auf der Liste.
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Veröffentlicht von

bernhardroetzel

Oft werde ich als "Stilpapst" bezeichnet, ich selbst sehe mich als Liebhaber der klassischen Herrenbekleidung und vielleicht auch als Experten für dieses Sujet. Seit Ende der 1990er Jahre schreibe ich professionell über dieses Thema, Bücher, Zeitschriftenartikel und im Internet. Mein bekanntestes Werk ist "Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode", daneben habe ich seit 1999 weitere 14 Bücher veröffentlicht. Zuletzt ist von bei h. f. ullmann mir das "Gentleman Look Book" erschienen. Im Internet bin ich bei Instagram und mit einer Seite bei FB präsent, außerdem als Autor bei Gentleman's Gazette und Parisian Gentleman.

6 Gedanken zu „Stylish oder albern? Was der Duke of Windsor nie getragen hätte“

  1. Herr Roetzl!
    Ich genieße Ihren Blog sehr. Eine willkommene Abwechslung einen deutschen Blog über klassische Herrenmode zu lesen (obwohl ich Österreicher bin). Nun zwei Dinge zu ihrem Artikel über vier negative Beispiele:

    ad 1) Kurze Hosen:
    Ich denke die „Hochwasserhosen“ sind einerseits einfach eine Gegenentwicklung zu den zu langen Hosen vieler „älterer“ Geschäftsmänner. Andererseits auch praktisch die bunten Socken zu zeigen (ob das gut ist oder nicht sei dahingestellt). Selbst trage ich besonders tailliert geschnittene Hosen mit „no-break“.

    ad 4) Komische Krawatten.
    Hier Teile ich Ihre Meinung. Kein Problem wenn das dünne Ende der Krawatte mal länger ist. Besonders gefällt mir das bei Strickkrawatten. Jedoch schaut es einfach komisch aus, wenn die Enden vollkommen ungleich sind, umso mehr, wenn das Sakko geschlossen ist. Jene Männer übertreiben es dann wohl einfach nur mit ihrem „Sprezzatura“.

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    1. Vielen Dank für Ihre Anmerkungen, geehrter Benedikt,

      es gibt einen Unterschied zwischen Hosen, die so kurz bzw. lang sind, dass sie gerade nicht einknicken oder Hosen, die eine halbe bis ganze Handbreit über dem Schuhe enden. Schmale Hosenbeine müssen natürlich kürzer sein, da sie nicht auf dem Schuh einknicken und gleichzeitig auf Mitte der Fersen enden können. Tatsächlich haben die kürzeren Hosen viel mit den Schuhen zu tun und den Strümpfen und manche Schuhmodelle, wie z. B. Chukkaboots oder Monkstraps funktionieren gar nicht mit weiteren und längeren Hosen.

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  2. Sehr geehrter Herr Roetzel,

    Zunächst herzlichen Dank für Ihren Blog, es ist ein wahrer Genuss, ich bin begierig auf mehr!
    Meine Frage/Anregung wäre ob ein Blogpost gedacht ist, der sich vor allem an jüngere Herren (Anfang 20, Studenten etc.) wendet? Sprich ein kleines Einmaleins der klassischen Herrenmode. Da ich selbst in diese Gruppe falle kann ich Ihnen nur sagen, dass dies dringend notwendig wäre. Denn was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.

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  3. Lieber Bernhard, Danke, dass Du diesen Blog gestartet hast. Das hat auf jeden Fall gefehlt und wir werden Dir treue Leser sein 🙂 Liebe Grüße aus München (event-ww.de/blog)

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