Futterstoffe

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Grauer Flanell von Cove & Co. mit goldgelbem Satin-Futter von Dugdales. Foto: Martin Smolka

Kurz bevor ich 1998 das erste Mal in der Savile Row bei Tobias Tailors einen Anzug bestellt habe, wurde ich Kunde bei dem Düsseldorfer Herrenschneider Heinz-Josef Radermacher. Ich bestellt bei ihm einen dunkelblauen Marineblazer, für das Futter wählte ich weinrote Bembergseide.

Bei Tobias Tailors orderte ich kurz darauf einen Zweireiher aus einem grauen Stoff mit einem feinen, mittelblaue Streifen und entschied mich dazu für ein Futter im gleichen Blau. Auch in den folgenden Jahren bestellte ich Maßkleidung immer mit buntem Futter. Das fand ich damals sehr „englisch“, denn Londoner Schneider empfahlen gern ein „fancy lining.“

Mein dunkelblauer Einreiher bekam ein Futter in Pink, mein Smoking eines in Lila (Rot sah mir zu sehr nach Udo Jürgens aus), der Covercoat wurde innen Flaschengrün und der Glencheckanzug bekamm ein Futter in „electric blue.“ Zu dieser Zeit bekam man in Deutschland kaum Anzüge von der Stange mit farbigem Futter, Etro war damals fast die einzige Ausnahme.

Als ich mich ein paar Jahre später intensiver mit der italienischen Maßschneiderei zu beschäftigen begann, fiel mir bei meinen Recherchen in den Ateliers auf, dass man dort viel seltener konstrastierende oder grelle Futterstoffe einsetzte. Die angeblich so modemutigen Italiener war anscheinend sehr zurückhaltend bei der Innenauskleidung ihrer Maßanzüge.

In den folgenden Jahren störte es mich dann mehr und mehr, dass die farbigen Innenseiten der Anzugjacken die Wahl der Hemdenstoffe und Krawatte einschränkten. Zu einem blauen Anzug mit rotem Futter mochte ich einfach kein Hemd mit lila Streifen anziehen oder eine Krawatte in Orange. Auch wenn kaum jemand sehen würde, dass der Hemdenstoff sich mit dem Jackenfutter beißt.

Ab Mitte der 2000er Jahre bestellte ich immer mehr Anzüge mit diskretem Futter, also z. B. einen grauen Pfeffer-und-Salz-Einreiher mit grauem Futter und einen Zweireiher in Marineblau mit marineblauem Futter – und empfand das als Befreiung. Erst in diesem Jahr bin ich wieder ein wenig britischer geworden bei der Wahl der „linings“. Ein grauer Flanell bekam einen goldenen Satin für die Innenseite und ein Flanellblazer, den Markus Schnurr in Offenburg aus einem flaschengrünen Flanell von Drapers für mich zugeschnitten hat, bekommt ein kirschrotes Futter.

Der Philosoph sagt, dass man nicht zweimal in den selben Fluss steigen kann. Der Kunde kann genauso wenig immer bei dem selben Schneider ordern, da der Mensch sich immer ändert. Und man selbst ist eben auch nicht mehr der Mensch, der einst den ersten Maßanzug bestellt hat und auch nicht mehr der, der den vorherigen geordert hat. Vielleicht bleibt das Thema deshalb über viele Jahre reizvoll.

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Veröffentlicht von

bernhardroetzel

Oft werde ich als "Stilpapst" bezeichnet, ich selbst sehe mich als Liebhaber der klassischen Herrenbekleidung und vielleicht auch als Experten für dieses Sujet. Seit Ende der 1990er Jahre schreibe ich professionell über dieses Thema, Bücher, Zeitschriftenartikel und im Internet. Mein bekanntestes Werk ist "Der Gentleman. Handbuch der klassischen Herrenmode", daneben habe ich seit 1999 weitere 14 Bücher veröffentlicht. Zuletzt ist von bei h. f. ullmann mir das "Gentleman Look Book" erschienen. Im Internet bin ich bei Instagram und mit einer Seite bei FB präsent, außerdem als Autor bei Gentleman's Gazette und Parisian Gentleman.

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