Immer wieder fragen mich Leser und Journalisten nach Stilfehlern und Modesünden. Unschön sind 1. schlechte Passform, 2. Kleidung, die nicht zum Anlass passt und 3. ungünstige oder unkorrekte Kombinationen von Farben, Mustern und Materialien. Und dann gibt es auch noch die widersinnigen Kombinationen. Hier meine Favoriten:

  1. Gürtel und Hosenträger

    Die berühmteste und zugleich häufigste Kombination dieser Kategorie entsteht dann, wenn man Hosen gleichzeitig von einem Gürtel und Hosenträgern halten lässt. Man sieht die doppelt gegen das Herunterutschen gesicherte Hose relativ häufig, Gürtel und Hosenträger gelten dennoch als die widersinnige Kombination schlechthin.

  2. Panamahut und Regenmantel

    Sonnenschutz und Regenschutz wollen irgendwie nicht zusammenpassen. Es ist zwar nicht auszuschließen, dass sich Sonne und Regen schnell abwechseln und man gegen Sonne und Regen geschützt sein möchte, trotzdem sollte man Panama und Regenmantel nicht gleichzeitig tragen.

  3. Wachsjacke und Regenschirm

    An Regentagen in der Stadt sieht man häufiger Spaziergänger in englischen Wachsjacken, die einen aufgespannten Regenschirm tragen. Praktischer und stimmiger wäre es, den Kopf mit Hut oder Mütze gegen den Regen zu schützen. Zumal die Wachsjacke für Aktivität in der Natur steht, ein Regenschirm passt dazu ebenso wenig wie ein Zylinderhut.

  4. Smoking und Brogues

    Obwohl eigentlich bekannt ist, dass man zum Smoking spezielle Abendschuhe tragen sollte, z. B. Lackoxfords oder Escarpins mit Seidenschleife, sieht man immer wieder Herren, die in schwarzen „Straßenschuhen“ beim Black-Tie-Event antreten. Ein Oxford mit Kappe gilt als gute Notlösung, vorausgesetzt, er wurde auf Glanz poliert. Ein Brogue wäre hingegen nicht korrekt, da er ein reiner Tagesschuh ist.

  5. Buttondownhemd mit Klappmanschetten

    Man sieht die Kombination aus Buttondownkragen und Klappmanschetten gar nicht so selten und ich möchte sie auch niemandem ausreden, dennoch würde ich sie als widersinnig bezeichnen. Der Buttonkragen ist erstens ein weicher Kragen, der von Anbeginn an mit weichen Knopfmanschetten kombiniert worden ist. Klappmanschetten stehen dagegen für Förmlichkeit.

  6. Dufflecoat und Fedora

    Von anderen Mantelklassikern unterscheidet sich der Dufflecoat durch die Kapuze. Bei der britischen Marine wurde der Dufflecoat getragen, die Kapuze schützte die Männer gegen Wind und Regen. Da die Kapuze weit geschnitten war, passte sie über eine Strick- eine Kapitansmütze.  Einen Hut zum Dufflecoat zu kombinieren, dessen Krempe nicht unter die Kapuze passt, ist hingegen widersinnig.

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Anzug, Krawatte und Hut. Überholt oder Ausdruck von Formwillen? (Foto: Martin Smolka)

Je älter ich werde, desto konservativer kleide ich mich. Konservativ heißt, dass ich einen Stil pflege, der bereits zur Zeit meiner Geburt, also 1966, als ein wenig altmodisch gegolten hätte, der aber heute, im Vergleich zur Alltagsbekleidung in Deutschland, fast wie ein Filmkostüm wirkt. Also jeden Tag Oberhemd, Sakko und Krawatte, bei beruflichen Anlässen Sakko und Hose oder Anzug. Dazu Hut und bei Bedarf Mantel. Immer Lederschuhe. Keinerlei Freizeitkleidung, Sportkleidung nur beim Sport. Keine Sneakers, keine Blousons oder Fieldjackets, keine Jeans.

Mir geht es nicht darum, den Bekleidungsstil einer vergangenen Epoche zu pflegen, so wie es z. B. Freunde des Reenactment tun. Kostümierungen mag ich überhaupt nicht, auch wenn sie mir bei anderen zusagen – sofern das Outfit authentisch und stimmig ist. Ich habe neulich z. B. auf dem Flughafen in Berlin den Musiker Andrej Hermlin gesehen, er trug Anzug, Mantel und Hut im Stil der vierziger Jahre. Der Look gefiel mir und er passt auch zu seiner Musik. Die Wartenden an der Sicherheitskontrolle sahen ihn an und mich auch, da ich ebenfalls Anzug, Mantel und Hut trug. Vielleicht dachten sie, dass ich zu seiner Band gehöre. Ich weiß nicht, ob sie die Unterschiede zwischen seinem und meinem Stil gesehen haben. Bei ihm „period dress“, bei mir klassischer aber zeitgenössischer Stil.

Viele Männer kleiden sich mit zunehmendem Alter immer jugendlicher sogar kindlicher. Anzüge werden meistens nur unter Zwang angezogen, in der Freizeit wird nur die so genannte „Casualkleidung“ getragen. Bequem und praktisch soll alles sein, also maschinenwaschbar, trocknergeeignet und bügelfrei. Kleidung darf nicht einengen, weder physisch, noch in der Weise, dass sie durch ihren Stil ein bestimmtes Verhalten nahelegt. Jogginghosen in allen Varianten, T-Shirts, Sweatshirts, Kapuzenjacken und Sneakers oder Latschen sind deshalb die bevorzugten Basics. Bei schlechtem Wetter wird Outdoorkleidung getragen, bei Hitze Shorts, Tanktop und Flipflops. Den Kopf zieren Strickmützen oder Baseballkappen. Dieser Bekleidungsstil verwirklicht jetzt schon das von einigen Menschen propagierte Ziel, dass Männer und Frauen sich geschlechtsneutral kleiden sollen, denn sehr viele Männer und Frauen tragen einen fast identischen Stil.

Wer Hemden trägt, die auf der Leine getrocknet und gebügelt werden müssen. Schuhe, die auf Hochglanz poliert werden. Wer Sakkos und Anzüge besitzt, die ausgebürstet und gereinigt werden wollen, wer sich jeden Morgen aus eigenem Antrieb und Freude an einer bestimmten Form ankleidet, der ist in den Augen der Mehrheit ein modischer Dinosaurier.  Doch auch wenn die Mehrheit es so sieht, muss der Geschmack der Mehrheit keineswegs der Maßstab für den Einzelnen sein. Es gibt auch Menschen, die nicht die Musik hören, die in den Radiosendern gespielt wird. Die nicht nur Bestseller lesen. Und eben auch Menschen, die den klassischen Stil durchaus nicht als absurd empfinden. Die Preußen verlangten mehr zu sein als zu scheinen. Was leider oftmals in der Weise interpretiert wird, dass man mehr ist, wenn der Schein nach wenig aussieht. Adolf Loos vertrat bereits 1898 einen anderen Standpunkt: „Was nützte aller Verstand, wenn man ihn nicht durch gute Kleider zur Geltung bringen könnte.“

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Philippe E. Brenninkmeijer und Andreas M. Meier haben im Herbst 2016 die Anzugmanufaktur Regent übernommen. Die beiden haben viel mehr vor, als das einstige Flaggschiff der deutschen Konfektion wieder flott zu machen. Sie möchten ein Stück Kultur bewahren und eine neue Generation für ihre Philosophie des „Comfortable Luxury“ begeistern. 

BR: Wer von Ihnen hatte zuerst die Idee, Regent zu kaufen?

AM: Ich. Das war schon vor mehreren Jahren. Da hatte ich mit Philippe in Eichstätt bei mir zu Hause zusammengesessen und ihm erzählt, dass Regent in der Insolvenz ist.

BR: Wieso war das ein Thema für Sie?

PM: Wir hatten beide in den letzten Jahren immer wieder Kontakt über die sartoriale Schiene.

AMM: So haben wir uns auch kennengelernt. Das war vor zehn Jahren bei einer Veranstaltung meiner Alma Mater. Im Gespräch mit einer gemeinsamen Freundin haben wir schnell festgestellt, dass wir beide das handwerklich hergestellte Schneiderprodukt lieben. Daraus ist unsere Freundschaft entstanden.

PB: Da wir beide auch Kunden von Regent waren haben wir uns immer wieder über dieses Unternehmen ausgetauscht. Im letzten Herbst erzählte mir dann Andreas, dass Regent erneut in der Insolvenz ist. Wir hatten schon seit längerem überlegt, Regent zu übernehmen. Aber wir beide waren beruflich fest eingebunden und hatten keine Zeit. Und letzten Herbst war ich noch in London. Da war ich auch sehr glücklich, habe mich dann aber doch entschieden, ich will wieder nach Hause. Wir haben wir uns das Ganze erstmal genauer angesehen. Vier Wochen später sind wir nach Weißenburg gefahren und haben das Unternehmen übernommen.

BR: Gibt es Leute in Ihrem Umfeld, die Sie für verrückt erklärt haben?

PB: Bei mir nicht. Aber bei Dir schon, Andreas. Oder?

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Andreas Martin Meier beim Interview in Weißenburg (Foto: Jan Hemmerich)

AMM: Ja, einige fanden das verrückt. Aber auch konsequent von meiner Person her. Meine Entscheidung war für einige also verrückt aber nachvollziehbar.

PB: Eins ist klar, das ist ein schwieriges und anspruchsvolles Unterfangen. Da wir aber etwas für den Standort Deutschland tun, statt immer nur ins Ausland zu verlagern, war die Resonanz in meinem Umfeld durchweg positiv. Das kommt sehr gut an.

BR: Regent galt als der deutsche Brioni. Was unterscheidet Regent von Brioni und anderen Mitbewerbern aus Italien?

PB: Wir machen bei Regent ein anderes Produkt. Es ist weniger verspielt. Es ist mehr nördlich und passt besser zu dem hiesigen Markt. Und gerade dadurch, dass unser Unternehmen kleiner ist, können wir sehr gut auf die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden eingehen. Bei uns ist eben ganz klar, wo was hergestellt wird. Ich erwähne das nicht in Bezug auf einen bestimmten Mitbewerber. Bei uns kommt alles aus Weißenburg und das sagen wir auch offen. Es kann jeder vorbeikommen und sich das anschauen. Er wird feststellen, dass wirklich alles bei uns genäht wird. Das ist in dieser Industrie sehr selten.

BR: Regent ist seit 1946 in Weißenburg ansässig. Haben sich da eigene Fertigungsmethoden entwickelt? Wird bei Regent anders genäht? Oder sind das alles die gleichen Abläufe, wie bei anderen Manufakturen in Italien oder England?

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Philippe E. Brenninkmeijer im Nähsaal von Regent – natürlich in einem Anzug aus seiner Manufaktur (Foto: Jan Hemmerich)

PB: Das Nähen ist gleich. Das passiert mit einer Nadel, zwei Händen und dem Stoff. Wir versuchen allerdings, einen eigenen Hausstil zu kreieren. Daran arbeiten wir gerade sehr hart. Wir schauen natürlich, was die Italiener und die Engländer machen. Aber wir suchen einen Mittelweg. Die Neapolitaner machen einen sehr schönen Anzug, der ist nur nicht für jedermann geeignet. Die Verspieltheit, das Verschnörkelte ist für manche Kunden schwierig. Bei den Engländern ist dagegen die Verarbeitung mit festeren Einlagen und stärkerer Schulterpolsterung typisch, die wollen die Kunden hier eigentlich gar nicht. Wir nehmen die Leichtigkeit, die wir in Italien finden und paaren sie mit gewissen Schnitten und Stoffen aus England. Wir glauben, dass das einen sehr ansprechenden und zeitgemäßen Stil ergibt.

BR: Was heißt denn zeitgemäß?

PB: Wir sehen heute zum einen die Kunden, die Anzug tragen müssen, die wollen ein klassischeres Teil. Dann haben wir aber Kunden, die tragen ein Sakko, weil sie das möchten und weil sie sich das wert sind. In beiden Fällen muss das Kleidungsstück aber bequem sein und Komfort bieten und das ist genau das, was die Neuausrichtung von Regent ausmacht.

BR: Wie alt sind Sie beide jetzt?

AMM: Ich bin 31.

PB: Ich bin 33.

BR: In anderen Ländern ist es normal, dass man in diesem Alter als Unternehmer Verantwortung trägt. Für deutsche Verhältnisse sind Sie relativ jung. Werden Sie darauf angesprochen oder merken Sie das in irgendeiner Weise?

AMM: Ich merke das nicht. Wir glauben, dass man Regent wie ein 70 Jahre altes Start-Up führen muss. Wenn jemand gekommen wäre, der Mitte 50 ist, dann hätte das eine Perspektive von zehn oder 15 Jahren eröffnet. Das hätte man am Markt viel kritischer gesehen, als wenn zwei in unserem Alter kommen. Und Philippe ist ein ausgewiesener Branchenexperte. Ich habe mir im Unternehmen meiner Familie auch schon ein paar Sporen verdient. Wenn ich die Jungs in den Berliner Start-Ups sehe, dann sind die auch nicht älter. Ich glaube, dass das Unternehmen diesen frischen Wind braucht.

PB: Wir haben beide in den letzten Jahren bei einigen Firmen gearbeitet. Ein Turnaround, wie er jetzt bei Regent gefordert ist, ist mir bereits bei meiner Tätigkeit als Geschäftsführer von Huntsman gelungen. Das gibt einem ein gewisses Selbstvertrauen. Wir wollen als Geschäftsführer dicht an unseren Mitarbeitern sein und mit ihnen zusammen den Weg gehen. Das hierarchische Denken halten wir für veraltet, weil es Mauern aufbaut. Die wichtigste Kompetenz, die wir besitzen, ist die unserer Mitarbeiter und Kollegen. Diese Kompetenz wollen wir nutzen und die Menschen in die Entscheidungen mit einzubeziehen. Wenn wir z. B. ein Problem mit einer Einlage haben, dann muss ich ein Vertrauensverhältnis zu der Kollegin haben, die als Expertin in dem Bereich arbeitet. Sie kann mir besser als jeder andere sagen, woher die Probleme kommen. Dazu muss ich eine professionelle Beziehung aufbauen. So schaffe ich aber auch Vertrauen. Als ich in Weißenburg ankam, habe ich allen erstmal das Du angeboten. Und ich habe gesagt: Der Karren ist im Dreck, dafür sind wir nicht verantwortlich und auch nicht die Mitarbeiter, sondern die vorangegangenen Managements. Wir wollen den Karren jetzt da rausziehen und das geht nur gemeinsam. Distanzierte Umgangsformen führen da nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Das war für die Kollegen neu, es verbessert aber das Produkt. Wir kriegen viel mehr Feedback, wenn was nicht läuft.

BR: Sie sind immer im Unternehmen präsent, wenn nicht gerade Reisen nötig sind?

AMM: Ich kümmere mich um den finanziellen Part, das kann ich überall in der Welt machen. Überwiegend arbeite ich von Eichstätt aus, das liegt 15 Minuten von hier. Einmal die Woche komme ich in mein Büro in Weißenburg.

PB: Mich treffen Sie fast immer hier an.

BR: Regent war immer ein typisches Produkt für den Herrenausstatter. Deren Zahl geht immer mehr zurück, wie wollen Sie neue Kunden finden und die alten Kunden zurückgewinnen?

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Impressionen aus der Anzugmanufaktur. Die Bilder sind nach Feierabend entstanden, deshalb waren keine Schneider mehr anwesend (Fotos: Jan Hemmerich)

PB: Es gibt noch Einzelhändler, die sehr erfolgreich sind, weil sie persönlichen Service bieten. Da kennen die Inhaber und die Mitarbeiter das Produkt und wissen, wofür Regent steht und können es durch persönliche Beratung gut verkaufen. Dadurch setzen sie sich auch vom Online-Geschäft ab. Auf diese Einzelhändler wollen wir weiter setzen. Wir haben aber auch das Produkt weiterentwickelt. Wir bieten jetzt zwei Linien an. Die eine ist die handgefertigte, die heißt „Phönix“. Sie ist das Handmade-Produkt, wie wir es von Regent kennen. Zusätzlich haben wir eine Linie entwickelt, die wir „Pionier“ nennen. Diese folgt der Prämisse: „Dort, wo die Handarbeit nicht objektiv wichtig ist, wird sie durch eine Maschine ersetzt“.

BR: Zu Beispiel?

PB: Bei den Knopflöchern. Es ist wunderschön, wie die mit Herz und Seele von Hand genäht werden. Es gibt aber viele Kunden, die dafür gar kein Verständnis haben. Die zahlen einen Aufpreis für etwas, das sie gar nicht schätzen. Das, was für diesen Kunden nur subjektiv wichtig ist, lassen wir weg. Das macht dann einen Preisunterschied von gut 600 Euro. Unser Kunde trägt den Anzug von Regent, weil er dessen Vorteile schätzt, er braucht nicht den Markennamen. Das ist eine gewisse Selbstverständlichkeit des Luxus. Den Komfort habe ich eben schon erwähnt. Der war in den 1980ern nicht so wichtig, heute will der Kunde ihn aber. Und auch eine gewisse Lässigkeit. Deswegen sprechen wir von „Comfortable Luxury“.

BR: Herr Meier, wie kriegen Sie es finanziell hin, ein handgefertigtes Produkt in Deutschland zu fertigen, das dann preislich unter dem der Mitbewerber aus Italien liegt? Ich rede jetzt wohlgemerkt von der handgemachten Linie. Deutschland gilt doch als extrem teurer Standort.

AMM: Wir haben den Produktionsprozess sehr genau untersucht. Nicht nur, als wir die neue Produktlinie spezifiziert und entwickelt haben – auch darüber hinaus. Darin spiegelt sich unsere Start-Up-Mentalität wieder. Alles wird hinterfragt und überprüft. Seit 40 Jahren wird etwas in einer bestimmten Weise gemacht. Ist das aber noch zeitgemäß? Und wofür ist der Kunde noch bereit, Geld auszugeben? Da geht es um Produktionsminuten. Wir gehen da eben anders ran, als die Italiener, eher mit einem deutschen Ingenieurdenken. Wir sind auch etwas technischer orientiert und weniger romantisch. Wir müssen die Marke Regent entstauben und neu aufbauen. Dazu gehört immer, dass wir in Deutschland fertigen, aber auch den Preis sehr scharf kalkulieren.

PB: Viele Mitbewerber investieren sehr viel Geld in das Marketing. Wir stecken das Geld lieber in das Produkt, statt in teure Visitenkarten oder kostspielige Testimonials. Was hat der Kunde davon, wenn ein Hollywoodstar unseren Anzug trägt? Wir machen lieber das Produkt besser und den Preis attraktiver. Pionier geht von der Stange bei 1200 Euro los, die handgemachte Phönix-Linie bei 1800 Euro.

BR: Die Ready-to-wear es weiterhin geben? Für den Kunden, der nicht auf die Maßanfertigung warten will?

PB: Oder sie nicht braucht. Ich glaube, dass wir immer Ready-to-wear anbieten werden. Weil der Kunde darüber das Produkt kennenlernen und verstehen kann. Aber natürlich wird Maß stark nachgefragt, weil man sich durch Individualität von der Masse abgrenzen kann. Da sehen wir ein starkes Wachstum. Wir brauchen beides.

BR: Herr Meier, Herr Brenninkmeijer was ist für Sie das perfekte Wochenende? Wie entspannen Sie?

AMM: Zwei Tage bevor wir uns hier der Belegschaft vorgestellt haben, hat meine Frau unser erstes Kind geboren. Das heißt, es waren plötzlich zwei Babys da, wenn ich Regent auch als Baby bezeichnen darf. Für mich ist es einfach schön, wenn ich am Wochenende dem Kleinen beim Wachsen und beim Lernen zusehen kann.

PB: Meine Verlobte und ich gehen am Wochenende gern auf dem Markt einkaufen, regionale Produkte, auf dem Viktualienmarkt oder hier bei uns. Dann kochen wir zusammen, laden Freunde ein, das machen wir sehr gern. Und Sonntag machen wir immer einen großen Spaziergang mit unserer Dackeldame. Ansonsten lese ich gern und beschäftige mich mit Geschichte.

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Der Anblick von klassischen Hosenträger ist in Deutschland eine Seltenheit. Hier zieren sie einen handgemachten Anzug von Cove & Co. (Foto: Martin Smolka)

Ich habe neulich einen älteren Beitrag von Simon Crompton gelesen, in dem er sich darüber äußert, warum er keine Hosenträger trägt. Ich fand seine Gedanken und Argumente interessant und vieles von dem, was für ihn gegen das Tragen von Hosenträger spricht, empfinde ich ebenfalls als Nachteil. Warum trage ich aber trotzdem Hosenträger?

Hosenträger haben den großen Vorteil, dass sie die Hosen vor dem Herabrutschen bewahren. Die Hosen hängen an den Schultern und werden nicht mit Hilfe eines Gürtels an Bauch, Hüfte oder Taille fixiert. Was ohnehin selten funktioniert. Bei den meisten Figurtypen rutschen Hosen, die mit Gürtel oder Seitenschnallen in Position gehalten werden sollen. Es sei denn, die Hosen sind so eng, dass sie auch ohne Gürtel halten würden. Die korrekte Hosenlänge ist mir nicht nur beim Anzug. wichtig. Denn rutschende Hosen sind immer ein Ärgernis. Deshalb trage ich Anzughosen stets mit Hosenträger. Hosen, die ich mit Sakko oder Blazer kombiniere, trage ich dann mit Hosenträgern, wenn sie ohne Gürtel rutschen würden. Ob Hosen rutschen, hängt allerdings nicht nur von der Bundweite ab, sondern auch von ihrem Schnitt und der richtigen Balance.

Balance bedeutet in der Sprache der Schneider, dass das Kleidungsstück an Vorder- und Rückseite die gleiche Länge hat und an den Seiten ebenfalls. Für die Balance von Hosen ist es außerdem wichtig, wie der Bund in Relation zu Bauch und Rückenhöhlung verläuft. Wenn der Bauch vorsteht und das Kreuz hohl ist, sollte die gut balancierte Hose vorn, also unter dem Bauch, niedriger sitzen als hinten, wo sie das Hinterteil bedeckt und in der Höhlung des Kreuzes sitzt. Wenn das Beinkleid an Hosenträgern hängt, kann der Bund vorn und hinten gleich hoch sein (im Fall der Rundbundhose) oder hinten höher (Spitzbundhose). Die Spitzbundhose ist sehr bequem, da sie sich an den Körper schmiegt ohne einzuengen. Aber natürlich ist so eine Hose nicht jedermanns Sache. Womit wir bei einem weiteren Gegenargument gegen Hosenträger: Sie sehen unattraktiv aus. Ob das zutrifft, hängt von mehreren Faktoren ab. Dem Schnitt des Anzugs und vor allem dem Schnitt der Anzughose. Außerdem vom Hemd, von der Figur und vom persönlichen Stil. Pauschal zu sagen, dass Hosenträger nicht gut aussehen, wäre überzogen. Sehr viele Männer kleiden sich so, dass der Gürtel weder einen positiven Effekt hat, noch die Hosenträger einen negativen. Ich habe aber sehr häufig erlebt, dass eine Hose, die dafür geschnitten ist, mit Hosenträgern getragen werden, sehr gut ankommt.

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Meine bevorzugte Marke bei Hosenträger ist Albert Thurston aus England. Ich trage am liebsten die Modelle aus Wollfilz mit weißen Enden, weil sie zu braunen und zu schwarzen Schuhen passen.
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Ich lege selten die Jacke ab. Wenn doch, stört es mich nicht, wenn die Hosenträger zum Vorschein kommen (Foto: Jan Hemmerich)

Wer Hosenträgern benutzt, wird nicht negativ wahrgenommen. Allerdings fällt man schon damit auf. Was Simon Crompton als Nachteil listet. Er will nicht „der mit den Hosenträgern“ sein. Es stimmt schon. Man wird schnell in eine Schublade gesteckt. Der mit den Hosenträgern. Der mit der Schleife. Der mit dem Hut. Die Gefahr besteht allerdings schon bei der kleinsten Abweichung vom Durchschnittsmodegeschmack. Vermutlich jeder, der diesen Blog liest und bei diesem Artikel bis hierhin gelangt ist, steckt bereits in einer Schublade. Der mit dem Modefimmel. Der mit den teuren Schuhen. Die Hosenträger machen da den Kohl nicht fett. Wem allerdings daran gelegen ist, auch in klassischer Kleidung so wenig wie möglich aufzufallen, wird Hosenträger vielleicht wirklich als zu Aufsehen erregend empfinden. Trotzdem stellt sich die Frage: Warum soll ich auf Hosenträger verzichten, wenn ich es für richtig halte, sie zu tragen?

Ein sehr wichtiger Aspekt, den Simon Crompton erwähnt, sind die Umständlichkeiten, die sich aus Hosenträgern ergeben. Vor allem, wenn man sie unter einem Anzug mit Weste trägt oder einen Pullunder oder Pullover über den Hosen anziehen möchte. Denn wenn man letztere mal runterlassen möchte, muss man erst Jacke und Weste ausziehen oder jedesmal einen Pullover über den Kopf ziehen. Ich finde das auch als relativ nervig, das konnte mich aber noch nicht von den Hosenträgern abbringen. Eher davon, Pullover oder Pullunder über Hosenträgerhosen zu tragen, ich verwende in der kälteren Jahreszeit Westen oder Strickjacken. Ansonsten wird gegen Hosenträger noch eingewendet, dass sie im Sommer warm sind, was auch stimmt, mich aber nicht davon abhält, sie zu tragen. Denn dafür können die Hosen am Bund wegen der Hosenträger etwas weiter sein, was bei Wärme auch angenehm ist. Und Hosenträger tragen unter sehr dünnen Anzugjacken am Rücken auf. Das stört mich ein wenig, doch ich lebe damit. Denn dafür geben mir die Hosenträger ein sehr gutes Gefühl von Sicherheit, weil ich weiß, dass die Hosen nie rutschen und immer die korrekte Länge haben. Und selbst, wenn ich viel in die Hosentaschen stecke, was  bei mir oft vorkommt, wird auch dieser Ballast nichts daran ändern, dass das Beinkleid nur einmal leicht auf dem Schuh einknickt.

 

 

 

 

 

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George Cleverley in London gilt als einer der besten Maßschuhmacher. Er bietet auch Schuhe von der Stange an. Ist das ein Widerspruch? (Foto: George Cleverley)

Viele Männer träumen von Maßschuhen. Selbst solche, die sich nicht klassisch kleiden. Da die meisten Menschen nie einem Maßschuhträger begegnet sind, halten sich die Legenden über den Maßschuh hartnäckig. Zum Beispiel die, dass Maßschuhe ein Maximum an Bequemlichkeit bieten. Ein berühmter Maßschuhmacher aus Wien soll seine Kunden vor der Bestellung gefragt haben, ob sie sich einen schönen Schuh oder einen bequemen Schuh wünschen. Diese Frage fasst das Problem sehr gut zusammen: Ein schöner Schuh ist nicht unbedingt angenehm zu tragen. Und der bequeme Schuh entspricht nicht unbedingt unseren Vorstellungen von Eleganz.

Die Idee, dass Maßschuhe vor allem bequem sein sollen, ist relativ modern. Noch um 1900 stand die Eleganz im Vordergrund. Das Äußere des Schuhs hatte sich der Ästhetik zu unterwerfen. Frauen formten damals auch noch ihre Figur mit Hilfe eines Korsetts, wer schön sein wollte, musste leiden. Deshalb gab es damals bei Maßschuhen auch noch keine Anproben. Es hätte als absurde Materialverschwendung gegolten, einen Testschuh zu bauen. Vermutlich stammt aus diesen Zeiten auch die Legende, dass Maßschuhe vom Diener eingetragen werden mussten.

Auch heute sind sich die Maßschuhmacher nicht unbedingt einig darüber, ob Form oder Funktion im Vordergrund stehen. Sicherlich würden die meisten behaupten, dass ihre Schuhe äußerst bequem sind und besser passen, als Schuhe von der Stange. Wenn man sich allerdings die Modelle in den Vitrinen einiger Handwerker ansieht, ist die Anpassung der gezeigten Schuhe an individuelle Fußformen nur schwer vorstellbar. Wobei natürlich Modelle die Idealvorstellung wiedergeben. Sehr viele Kunden werden mit ganz anderen Schuhen aus dem Laden gehen.

Die meisten Maßschuhmacher arbeiten heute mit Probierschuhen. Sie sichern damit sich selbst ab und  nehmen auch dem Kunden etwas von der Angst, dass der teure Schuh am Enden drücken könnte. Wobei der Probierschuh natürlich nie mit dem Endprodukt identisch ist. Der Probierschuh ist aus anderem Leder gefertigt und auch der Unterbau unterscheidet sich meistens vom Endprodukt. Der fertige Schuh kann aber nicht probiert werden, ihn bekommt der Kunde erst dann zu sehen und zu spüren, wenn das Werk vollendet ist. Anders beim Maßschneider. Wenn der die erste Anprobe aus einem neutralen Stoff zuschneidet und erst danach die „richtige“ Ware zuschneidet, wird der Kunde natürlich auch noch den Anzug aus dem endgültigen Stoff probieren. Wenn der Maßschuh drückt, muss der Maßschuhmacher entweder punktuell das Leder strecken, schlimmstenfalls muss er den Schuh wieder auseinandernehmen, den Leisten ändern und den Schuh neu wieder aufbauen. Das kommt selten vor, wenn vorher ein Probierschuh gefertigt wurde, doch es passiert.

Ob es bei den Maßschuhmachern häufiger nötig ist, die ohne Probierschuh arbeiten, lässt sich schwer quantifizieren. Alle Maßschuhmacher räumen gelegentliche Fehlschläge ein, nennen aber selten genaue Zahlen. Die Tatsache, dass einige sehr alte Maßschuhmachereien ohne Probierschuhe wirtschaftlich arbeiten können, scheint für deren Erfolgsquote zu sprechen. Wobei die Reklamationsquote sicherlich auch mit dem Renommee des Maßschuhmachers zusammenhängt und dessen Art, mit den Kunden umzugehen. Einigen berühmten Adressen eilt ein dermaßen einschüchternder Ruf voraus, dass manch einer sich schlicht nicht trauen wird, ernsthaft den Neubau des Schuhs zu fordern. Oder die Kundschaft ist dort vielleicht so betucht, dass kein Interesse an langwierigen Reklamationen besteht. Wer 300 Paar Schuhe im Schrank stehen hat, wird wegen eines Paars Maßschuhe, das nicht ganz so toll sitzt, nicht unbedingt einen Streit vom Zaun brechen. Und man darf auch nicht vergessen, dass nur ein bestimmter Anteil der Kunden überhaupt mehrfach ordert oder mehrfach ordern will. Es ist durchaus nicht ungewöhnlich, dass ein Kunde nach dem ersten Paar nie wieder etwas bestellt. Nicht, weil der Schuh schlecht war, vielmehr weil die Maßschuhe von vorn herein als einmaliges Erlebnis gedacht waren. Deshalb berechnen viele Maßschuhmacher bei dem ersten Paar den Bau des Leistens separat. Oder Sie verlangen stattdessen, dass der Kunde gleich mehrere Paar bestellt.

Es gibt sehr viele sehr zufriedene Maßschuhträger. Aber nicht jeder Schuhfan, der schon viele Jahre lang rahmengenähte Qualitätsware an den Füßen trägt, wird mit Maßschuhen glücklicher sein als mit dem, was er schon gewohnt ist. Tatsächlich werden die meisten Maßschuhmacher zugeben, dass ihr Produkt nur um Nuancen besser ist, als ein sehr gut sitzender Schuh von der Stange. Das große Aha-Erlebnis haben vor allem die Maßschuhkunden, die vom günstigen Durchschnittsschuh auf den rahmengenähten Volllederschuh umsteigen. Das große Passformplus könnten Sie vielleicht aber auch bei einem Anbieter von rahmengenähten Konfektionsschuhen erleben, der mehrere Leistenformen und Breitengrößen im Angebot hat.

 

 

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Ich trage eine handgenähte Krawatte mit Streifen in Braun und Marine von Ascot in Krefeld. Die Strickkrawatten dieser Manufaktur sind sehr bekannt, es werden dort aber alle Typen von Bindern genäht (Foto: Sastreria Langa in Madrid)

Welche Krawatte ist besser? Die von Hand genähte oder die etwas günstigere, mit der Maschine gefertigte? Hier zunächst der Überblick über die gängigen Fertigungsmethoden:

1. Bei der einfachsten Machart wird der Stoffschlauch mit einer normalen Nähmaschine zusammengenäht. Nachteil: Die Naht aus Ober- und Unterfaden ist unflexibel, die Krawatte lässt sich schlechter binden. Krawatten des untersten Preislevels werden so gefertigt. Sie kommen aber nicht wirklich in Frage und werden im seriösen Handel auch nicht angeboten.

2. Die Liba-Maschine, sie näht mit einem einzelnen Faden, die Krawatte muss dabei aber auf links gedreht werden (und danach wieder gewendet).

3. Handarbeit. Die Krawatte wird von Hand zugeschnitten, in Form gelegt, mit Stecknadeln geheftet und mit Nadel und Faden genäht.

Vorteil Handarbeit:

Das Muster kann beim Zuschnitt symmetrisch an der Spitze ausgerichtet werden, Streifenmuster enden genau an der Kante. Bei Ascot in Krefeld, einer 1908 gegründeten Manufaktur, legt man sehr viel Wert darauf, dass die Muster symmetrisch an der Mittellinie der Krawatte ausgerichtet werden. Krawatten aus Jacquard-Seide werden so zugeschnitten, dass Punkte oder Rauten nicht an den Kanten liegen und umgeknickt werden. Das verhindert, dass die eingewebten Muster an diesen Stellen durch Abrieb ausfransen. Andere Hersteller handgenähter Krawatten nehmen es nicht so genau beim Zuschnitt gemusterter Stoffe. Wer einmal begonnen hat, auf die Lage des Musters zu achten, wird sich an ungenauer Arbeit stören.

Weitere Vorteile des handgenähten Binders:

Die Einlage passt exakt in den Stoffschlauch, da er auf rechts genäht wird und nichts verrutschen kann (anders als bei Krawatten aus der Liba-Maschine, die nach dem Nähen wieder gewendet werden müssen).

Bei handgenähten Krawatten wird nach dem Zusammennähen der Faden nicht verstochen, so verbleibt eine Fadenreserve. Beim Binden kann der Stoff der Krawatte auf dem Faden leicht hin- und herrutschen, das schont das Material und erleichtert das Knoten. Die Fadenreserve ist am schmalen Ende als heraushängender Faden sichtbar, er darf auf keinen Fall abgeschnitten werden.

Gibt es Nachteile der Handarbeit?

Wenn die Stiche in zu weiten Abständen gesetzt werden, kann sich die Naht nach einigen Wochen oder Monaten lockern oder lösen. Dies tritt leider selbst bei teuren Krawatten häufiger auf. Allerdings kann das behoben werden. Generell kann die handgenähte Krawatte ohne Probleme repariert oder neu zusammengenäht werden.

Vorteil Liba-Maschine:

Zeitersparnis, denn die Maschine näht die Krawatte in wenigen Sekunden zusammen. Das resultiert in einem etwas günstigeren Preis. Keine Qualitätsschwankungen, denn die Maschine näht immer gleich.

Welche Krawatte ist besser?

Die mit der Liba-Maschine genähten Krawatten sind bei pfleglicher Behandlung sehr lange haltbar. Das Wissen darum, dass eine Krawatte von Hand genäht ist, macht tatsächlich einen großen Teil ihres Charmes aus. Die Fertigungstechnik ist auch nur ein Qualitätsmerkmal, fast genauso wichtig ist die Qualität des Krawattenstoffs, also Seide, Kaschmir, Wolle, Leinen etc. Die beste Krawatte ist deshalb die sorgfältig von Hand genähte aus gutem Stoff.

Die Fertigungsschritte der handgenähten Krawatte, fotografiert bei Ascot in Krefeld

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Fotos: Ascot in Krefeld. 

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Ich kenne den Herrenschneidermeister Markus Schnurr seit etwa 15 Jahren. Das erste Mal habe ich ihn getroffen, als er an einem Seminar für Herrenschneider teilgenommen hat, das ich zusammen mit dem Londoner „bespoke tailor“ John Coggin für Fachkreise veranstaltet habe. John Coggin war einer der beiden Inhaber von Tobias Tailors in der Savile Row gewesen. Zusammen mit seinem Partner John Davis hatte er dort von 1998 bis 2003 für mich gearbeitet. Bei dem Seminar ging es um die Arbeitsweise der Zuschneider und „coat maker“ in der Savile Row.

Seit dieser Zeit waren Markus Schnurr und ich per E-Mail in Kontakt und haben uns hin und wieder in München getroffen. Markus Schnurrs Vorliebe für traditionelle Herrenschneiderei konnte ich an seinen Posts bei Instagram ablesen. Übrigens hatten auch Carlo Jösch sowie die beiden Wiener Schneider Thomas Netousek und Zoltan Roeszler an diesem Seminar teilgenommen. Alle drei arbeiten heute erfolgreich als selbstständige „bespoke tailors.“ Carlo Jösch in Köln, Netousek in Wien im familieneigenen Betrieb, Roeszler im neugegründeten Atelier in der Wiener Herrengasse. Zoltan Roeszler ist gebürtiger Ungar, ihm war bei dem Seminar aufgefallen, dass John Coggin die Einlagen nach ungarischer Manier verarbeitet. Die überraschende Erklärung war, dass John Anfang der 1960er Jahre bei Anderson & Sheppard einen Exil-Ungarn als Lehrmeister für das „coatmaking“ hatte.

Markus Schnurr ist Jahrgang 1978 und seit 2003 Herrenschneidermeister. Von 2014 an hat er drei Jahre lang in München bei Max Dietl gearbeitet, immer noch Deutschlands renommiertestem Herrenschneider und Couturehaus. 2017 hat Markus Schnurr die alteingesessene Maßschneiderei von Herbert Martin in seiner Heimatstadt Offenburg übernommen. Die noch vorhandenen Kunden freuen sich über den jungen Nachfolger, Markus Schnurr versucht aber auch über die Region hinaus bekannt zu werden und ist deshalb bereit, zu Kunden zu reisen. Auch für mich hat er sich auf den Weg gemacht, zum Maßnehmen haben wir uns in Tübingen getroffen. Ich hatte an dem Abend noch einen Vortrag zu halten und er kam vorher zu mir in das Hotelzimmer in der verwinkelten Altstadt. In einem Werkzeugkoffer hatte er Maßbänder, Scheren, Garn, Nadeln und andere Utensilien dabei, außerdem Musterbündel mit Futterstoffen, so auch die von mir bevorzugten Satins von Dugdale’s. Die Oberstoffe hatte ich in meiner Reisetasche mitgebracht, da ich sie vorher schon bei Draper’s und Vitale Barberis Canonico bestellt hatte.

Markus Schnurr arbeitet schnell und ohne viel Geplauder. Manche Herrenschneider sind sehr gesprächig, vor allem solche, die allein arbeiten und viel für sich sind in der Werkstatt. Markus Schnurr ist eher der zurückhaltende Typ, er hat aber durchaus Humor. Beim Maßnehmen fiel mir nichts besonderes auf. Wie die meisten deutschen Herrenschneider begann er mit der Körpergröße. Er verwendet keinen Taillengurt, um von dort ausgehend den Rücken zu vermessen und die Schulterhöhen zu ermitteln und er klemmt dem Kunden auch kein Lineal oder Buch unter den Arm, um die Armlochhöhe zu messen. Er wirkt konzentriert und misst genau. Bei anderen Schneidern sieht man schon daran, wie sie das Maßband halten, dass die Messergebnisse niemals auf den cm genau stimmen können. Was allerdings auch nicht dramatisch ist. Maßschneiderei ist keine wirklich exakte Angelegenheit. Jedenfalls nicht bis zur ersten Anprobe.

Ich trug einen handgemachten Maßkonfektions-Anzug von Cove & Co., der mir gut gefällt. Er hat eingeschobene Ärmel im neapolitanischen Stil und ist insgesamt sehr weich verarbeitet. Auch die Hosen dieses Anzugs gefallen mir so gut, dass sie Markus Schnurr als Referenz dienen konnten. Ich trage die Hosen im Moment mit hohem Bund und, wie fast immer bei Anzügen, mit „forward pleats“, Seitenschnallen und Knöpfen für Hosenträger. Cove hatte sie erst im zweiten Anlauf in der gewünschten Höhe hinbekommen. Die jungen Schneider wollen meistens nicht glauben, dass die Hosen wirklich diese Leibhöhe haben sollen. Ich bestellte bei Markus Schnurr ein einreihiges Sakko aus grünem Flanell mit Pattentaschen, Billetttasche und Seitenschlitzen, sowie einen zweireihigen Anzug aus kariertem Stoff. Für das grüne Sakko wählte ich ein kirschrotes Futter, für den Anzug einen Satin in „RAF blue.“ Ansonsten machte ich wenig Vorgaben. Bei der Gestaltung der Details lasse ich dem Schneider grundsätzlich viel Freiheit, ich bin nicht einer von den Kunden, die dem Handwerker am liebsten noch die Position der Crochetnaht bis auf den mm genau vorgeben möchten.

Die erste Anprobe fand nicht bei Markus Schnurr statt, wir trafen uns stattdessen wieder auf der Reise, dieses Mal bei einem Bekannten in Stuttgart. Für die Anprobe des Sakkos hatte Markus Schnurr die Ärmel eingeheftet, er nahm sie aber während der Anprobe heraus, um die Form des Armlochs zu korrigieren und die Achsel neu zu stecken. Die Ärmel der grünen Jacke hatte er schon aus dem endgültigen Stoff zugeschnitten, da der Stoff kein Muster hat. Der Doppelreiher ist kariert, bei ihm fand die Anprobe ohne Ärmel statt. Für die zweite Anprobe wird Markus Schnurr Ärmel aus neutralem Stoff zuschneiden und noch nicht aus dem karierten Stoff. Warum? Der Maßschneider markiert bei der Anprobe die Armhaltung, wenn sich bei der nächsten Anprobe dabei noch Änderungen ergeben, würde bei einem karierten Stoff das Muster nicht mehr korrekt vom Rumpf auf die Ärmel verlaufen.

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Die erste Anprobe findet vor allem für den Schneider statt und das meiste, was er dabei markiert oder ändert, wird von ihm nicht kommentiert. Es ist eine Sache, unter den Augen des Kunden arbeiten zu müssen, eine andere, die Verbesserungen mit ihm in allen Einzelheiten zu bereden. Beide Teile gefielen mir auf Anhieb gut. Ich hatte ja nicht viel zum gewünschten Stil gesagt und als Inspiration für den Einreiher lediglich das Foto eines Sakkos des Wiener Herrenschneiders Michael Possanner gezeigt. Beim Einreiher bat ich Markus Schnurr, das Fasson zu verbreitern. Außerdem habe ich mir etwas größere Patten an den Taschen gewünscht. Auch der Gesamtlänge wurden anderthalb cm zugegeben.

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Beim Zweireiher wünschte ich mir minimale Korrekturen bei Form und Breite der Fassons, außerdem zeichnete ich selbst die exakte Position der äußeren Brusttasche an. Aus mir unbekannten Gründen werden Brusttaschen heutzutage oftmals sehr hoch angesetzt, was mir aber nicht gefällt. Die Brusttaschen hat Markus Schnurr nach der Anprobe leicht geschwungen gearbeitet. Nicht, um die neapolitanische Bötchen-Form zu imitieren, vielmehr nach Art seines Offenburger Vorgängers. Die Hosen waren exakt nach Wunsch geschnitten, also als hoch sitzende“Spitzbundhose.“ Hier gab es von mir keine Änderungswünsche. Beide Jacken sind sehr leicht gearbeitet und waren kaum spürbar. Die Schultern sind kaum gepolstert, das Tragegefühl ist norditalienisch.

Die zweite Anprobe findet Anfang März statt, danach folgt Teil 2 meines Erfahrungsberichts.

Fotos: Martin Smolka